# taz.de -- Nachruf auf US-Künstler Dan Graham: Rock'n'Roll und Architektur
       
       > Der US-Konzeptkünstler und Fotograf Dan Graham ist am Samstag in New York
       > gestorben. Seine Rauminstallationen machten ihn weltberühmt.
       
 (IMG) Bild: Für ihn war Konzeptkunst „Academic bullshit“: Dan Graham wurde 79 Jahre alt
       
       Zwei rechteckige, gegeneinander versetzte Quader aus grünsilbrigem Glas,
       die Kanten mit glänzenden Stahlträgern eingefasst, die Scheiben
       goldeloxiert. Auf den ersten Blick würde man das „Café Bravo“, das Café im
       Hof der Berliner Kunstwerke (KW), für das typische Hipster-Café halten, zu
       dem es qua Publikum oft tatsächlich wird. Seine Wände taugen so schön für
       Selfies, reflektieren den Himmel.
       
       Das doppelt verspiegelte Glas lässt aber auch ein Gefühl von Überwachung
       aufkommen, weil die Café-Insassen zwar von innen nach außen, aber nicht
       richtig von außen nach innen schauen können. Architektur und Wahrnehmung,
       mit diesen beiden Formeln ließe sich das Werk des 1942 in der Kleinstadt
       Urbana im US-Bundesstaat Illinois geborenen [1][Dan Graham] vielleicht
       beschreiben, von dem das Werk stammt.
       
       Die gläsernen [2][Pavillons], mit denen er in den siebziger Jahren begann,
       zählen zu seinen bekanntesten Werken. Von Düsseldorf bis zur Stadt Inhotim
       in Brasilien finden sich ähnliche wie der in Berlin. Vorausgegangen waren
       den Bauten Performances, bei denen Graham ein vor großen Spiegeln sitzendes
       Publikum beobachtete und ihm seine Bewegungen beschrieb.
       
       ## Die Macht des Blicks
       
       Dass er über Sartres Idee zur Macht des Blicks in seinen Werken „Die
       geschlossene Gesellschaft“ und „Sein und Nichts“ zu diesen Arbeiten fand,
       wissen die wenigsten. „Wenn Sie das Publikum definieren, wird der
       Darsteller zu dem, was das Publikum will. Politiker machen das ständig“,
       beschrieb er die politische Idee hinter der Arbeit einmal dem US-Magazin
       Interview.
       
       Stereotyp wird Graham gern als „einer der einflussreichsten
       Konzeptkünstler“ bezeichnet. Das klingt bedeutend, drückt aber einfach die
       Schwierigkeit aus, sein Werk auf ein Genre festzulegen. Kein Wunder: Graham
       arbeitete als Fotograf, scheiterte als Galerist, der als erster den
       Minimalisten Sol LeWitt ausstellte, lehrte als einer der Ersten am
       kanadischen Nova Scotia Art College Videokunst.
       
       Ein klassischer Bewohner des Kunstelfenbeinturms war Dan Graham dennoch
       nicht. „Meine Leidenschaft war nie die Kunst. Es war schon immer
       Architektur, Tourismus und Rock ’n’ Roll und Rock-’n’-Roll-Schreiben“,
       gestand er dem [3][„Oral-History“-Projekt] im New Yorker Museum of Modern
       Art einmal. „Rock My Religion“ heißt eine Video-Assemblage von 1984, in der
       er den Zusammenhang von Rockmusik und religiöser Musik von den Shakern bis
       Patti Smith ergründet hatte.
       
       ## Science-Fiction und Philosophie
       
       Graham liebte Science-Fiction-Filme, im Sternzeichen des Widder geboren,
       interessierte er sich brennend für Astrologie. Prätention war Graham fremd.
       „Academic bullshit“ nannte der Autodidakt, der Philosophie studiert, aber
       nie ein Studium beendet hatte, gleichwohl wie ein Schwamm philosophische
       Werke von Claude Lévi-Strauss, Margaret Mead, Jean Paul Sartre oder Walter
       Benjamin aufnahm, einmal die Konzeptkunst sarkastisch in einem Interview.
       
       Vielleicht war es diese respektlose Haltung, die ihn zum gefragten Künstler
       werden ließ, worüber er sich gern lustig machte. Am Samstag ist der
       fünfmalige documenta-Teilnehmer im Alter von 79 Jahren in New York
       gestorben.
       
       20 Feb 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!1569743/
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 (DIR) [3] https://www.moma.org/momaorg/shared/pdfs/docs/learn/archives/transcript_graham.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
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