# taz.de -- Drohnen mit todbringender Fracht: Militärische Roboter
       
       > Bewaffnete Drohnen sollen künftig autonom agierend in den Krieg ziehen.
       > Forscher und Politiker befürchten eine neue Rüstungsspirale.
       
 (IMG) Bild: Ein bewaffneter Kämpfer der Libyschen Nationalarmee (LNA) zielt im Februar 2020 auf eine Drohne
       
       Berlin taz | Science-Fiction ist dabei, den Kinosaal zu verlassen und
       Realität zu werden, wieder einmal. Diesmal sind es aber nicht die
       Killerroboter, die auf Zelluloid in menschenleere Schlachten von Maschinen
       gegen Maschinen zogen. Sondern die Vorhut der autonomen Waffensysteme
       (AWS), wie sie in der Fachsprache bezeichnet werden, sind unbemannte
       Kampfdrohnen, die mit Sprengstoff bepackt über Kriegsgebieten kreisen und
       mit ihrer „künstlichen Intelligenz“ die Abwurfstelle eigenständig
       auswählen. Derzeit läuft ein Wettrennen zwischen den Waffenentwicklern der
       Rüstungsforschung und der internationalen Sicherheitsdiplomatie, die den
       Weg in die automatisierte Kriegsführung versperren will.
       
       Aufsehen erregte vor einigen Wochen ein Bericht der Vereinten Nationen über
       den [1][Einsatz von Angriffsdrohnen] des türkischen Typs „Kargu-2“ im
       libyschen Bürgerkrieg. Dem Bericht zufolge, aus dem die britische
       Wissenschaftszeitschrift New Scientist zitierte, habe es sich um „tödliche
       autonome Waffensysteme“ gehandelt, die in der Lage waren, aus der Luft
       Bürgerkriegs-Rebellen zu verfolgen und so programmiert waren, dass es
       „keinerlei aktiver Datenverbindung“ zwischen dem Operator und dem
       Flugobjekt bedurft hätte.
       
       Nicht bestätigen konnte der Bericht, dass es bei diesem Einsatz Todesopfer
       gab. Es dürfte sich dabei aber um den ersten Vorfall gehandelt haben, bei
       dem Drohnen Menschen ohne Anweisung angegriffen hätten, zitierte New
       Scientist den [2][Experten für unbemannte Waffensysteme, Zak Kellenborn.]
       
       Auch im militärischen Konflikt um die Region Bergkarabach in Zentralasien
       kamen sogenannte Kamikazedrohnen bereits zum Einsatz. Nach ihrem Start
       suchen sie selbständig die Luftverteidigungssysteme des Gegners und bringen
       sie zur Detonation. Nach Untersuchungen des Center for Strategic and
       International Studies in Washington hat Aserbaidschan mehr als 200 Drohnen
       aus hochentwickelter israelischer Produktion eingesetzt.
       
       Die Situation wurde vom [3][Büro für Technikfolgenabschätzung beim
       Deutschen Bundestag (TAB) in einer 180-Seiten-Studie] umfassend analysiert.
       „Die zunehmende Nutzung von automatisierten oder zukünftig autonomen
       Waffensystemen könnte einen Paradigmenwechsel darstellen, der die
       Kriegsführung im 21. Jahrhundert revolutionieren würde“, heißt es in dem
       Report. Er behandelt die technischen Aspekte, ethische Gesichtspunkte und
       internationale Politikfragen.
       
       ## Angriff im Schwarm
       
       Die technologischen Trends der Waffenentwicklung gehen einerseits in
       Richtung extrem leistungsfähiger Großgeräte, wie etwa autonome Kampfdrohnen
       mit Strahlantrieb und Tarnkappenfähigkeiten, die im Luftkampf über
       umkämpftem Gebiet eingesetzt werden können. Der zweite Trend verfolgt die
       Entwicklung immer kleinerer Systeme, die in großer Zahl kostengünstig
       hergestellt und im Schwarm eingesetzt werden können.
       
       Bei militärischen Robotern, die am Boden operieren, können stationäre und
       mobile Systeme unterschieden werden. Hier trifft die Technik auf das
       Bewertungsfeld der Ethik, denn einige Befürworter dieser Entwicklung
       versprechen sich von autonomen Waffensystemen neben militärischen auch
       „humanitäre Vorteile“, weil weniger Menschen – Soldaten wie Zivilisten – zu
       Tode kommen würden. Dagegen steht [4][die Kritik, ob es ethisch vertretbar
       und völkerrechtlich erlaubt sein kann], die Entscheidung über Leben und Tod
       von Menschen an Maschinen zu delegieren.
       
       Bei den Empfehlungen an die Politik wird im TAB-Bericht betont: „Derzeit
       existiert ein Fenster von Möglichkeiten, um mit einem international
       abgestimmten, zielgerichteten Vorgehen die möglichen Gefahren einzuhegen,
       die AWS mit sich bringen könnten.“ Dieses Fenster schließe sich sukzessive
       mit fortschreitender technologischer Entwicklung. Es sei „dringend geboten,
       diese Herausforderungen unverzüglich anzugehen und Lösungen zu entwickeln“,
       fordert das TAB-Büro.
       
       Dabei geht es vor allem darum, die rasanten Fortschritte in den Bereichen
       Robotik und künstlicher Intelligenz (KI) zu „zivilisieren“ und ihr
       Eindringen in militärische Nutzungen zu verhindern. „Oberhalb von
       Kernwaffen entsteht eine neue Ebene des Wettrüstens zwischen China und den
       USA“, warnt Thomas Metzinger, Professor für Theoretische Philosophie an der
       Universität Mainz. Er war Mitglied einer von der EU-Kommission eingesetzten
       „High-Level Expert Group on Artificial Intelligence“, die
       Regulierungsvorschläge erarbeiten sollte.
       
       Leider sei das Thema der „autonomen Waffensysteme“ aus dem Gesetzentwurf
       der Gruppe „vollständig herausgefallen“, bedauert Metzinger: „Das war ein
       großer Streitpunkt, da einige Gruppenmitglieder der Meinung waren, dass
       Europa nicht in das KI-Wettrüsten auf militärischer Ebene eintreten solle“.
       Wie kam es dazu? „Ich denke, das ist ein Erfolg der Rüstungslobby“, sagte
       Metzinger in einem Interview mit der Zeitschrift Forschung und Lehre.
       
       ## Nötig sind globale Lösungen
       
       Eine Regulierung allein auf EU-Ebene wäre zudem auch wenig sachdienlich,
       denn nötig sind globale Lösungen. „Wie biologische (B-Waffen) und chemische
       Waffen (C-Waffen) und auch bestimmte konventionelle Waffen können autonome
       Waffen unproblematisch durch einen völkerrechtlichen Vertrag verboten
       werden“, ist die Auffassung von Silja Vöneky, Professorin für Völkerrecht
       und Rechtsethik an der Universität Freiburg und Mitglied der FRIAS
       Forschungsgruppe Responsible AI. Allerdings müsste die Barriere schon
       früher aufgestellt werden – nicht erst vor dem Einsatz der autonomen
       Waffen, sondern bereits bei ihrer Erforschung und Entwicklung.
       
       „Schwieriger wäre ein Entwicklungs- und Herstellungsverbot durchzusetzen
       und die Durchsetzung zu kontrollieren“, räumt Vöneky ein. „Auch hier gibt
       es aber mit der [5][C-Waffenkonvention] und deren Implementierungsprotokoll
       eine ‚Blaupause‘, um ein Waffenentwicklungsverbot auch im Frieden schon
       umzusetzen und dennoch friedliche Forschung zuzulassen.“ Wichtig sei, dass
       der politische Wille gegeben ist. „Andernfalls bleibt es (wie bei der
       B-Waffenkonvention) bei einem Verbot, dessen Überwachung nicht vor Ort in
       den Staaten überprüft werden kann.“
       
       Für Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) kann nur ein internationaler
       Vertrag zur Ächtung der AWS das Ziel sein. „Genau wie wir das bei
       Nuklearwaffen über viele Jahrzehnte geschafft haben, müssen wir auch bei
       neuen Waffentechnologien zu internationalen Verträgen kommen“, sagte Maas
       in einem Statement für die Deutsche-Welle-Dokumentation „Future Wars – and
       How to Prevent Them“.
       
       Darin solle zum Ausdruck kommen, „dass bestimmte Entwicklungen zwar
       technisch möglich, aber nicht verantwortbar, sondern international zu
       ächten sind“, so der Minister. Erste Schritte dazu gibt es inzwischen im
       Rahmen der [6][Convention on Certain Conventional Weapons (CCW) der
       Vereinten Natione]n, die eine „Einhegung der mit AWS möglicherweise
       verbundenen Risiken beleuchtet“ und daraus Überlegungen zu Möglichkeiten
       der präventiven Rüstungskontrolle ableiten will.
       
       8 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tuerkische-Offensive-gegen-PKK/!5769697
 (DIR) [2] https://www.zkallenborn.com/
 (DIR) [3] https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/regulierung-von-autonomen-waffensystemen-tab-bericht/
 (DIR) [4] /Rolf-Muetzenich-zu-USA-und-Abruestung/!5746432
 (DIR) [5] /Einsatz-von-C-Waffen-in-Syrien/!5043634
 (DIR) [6] /Waffen-mit-kuenstlicher-Intelligenz/!5549880
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Manfred Ronzheimer
       
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