# taz.de -- Hongkongs Popstar Anthony Wong: Ihm droht Haft
       
       > Wegen zwei vor Jahren aufgeführten Songs, wollen Hongkongs Behörden einem
       > Musiker an den Kragen. Der eigentliche Grund dürfte ein anderer sein.
       
 (IMG) Bild: Er nennt sich Bürger, Musiker und Aktivist: Popstar Anthony Wong 2013
       
       Im Wahlkampf kann Gesang schon Korruption sein, meint Hongkongs
       Antikorruptionsbehörde ICAC und hat deshalb am Montag den lokalen
       Cantopopstar Anthony Wong Yiu-ming festnehmen lassen. Nachmittags kam er
       gegen Kaution auf freien Fuß, am Donnerstag ist er zu einer Anhörung
       vorgeladen. Bei einem Schuldspruch drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft und
       eine saftige Geldstrafe.
       
       Wong hatte am 3. März 2018 bei einer Wahlkampfveranstaltung des
       demokratischen Kandidaten Au Nok-hin zwei Lieder gesungen. Der später
       siegreiche Au wäre jetzt auch festgenommen worden, würde er nicht schon
       seit März wegen eines anderen Vergehens zusammen mit anderen
       pekingkritischen Politikern im Gefängnis sitzen.
       
       Hongkongs 1974 von den Briten geschaffene Antikorruptionsbehörde ist für
       ihre Strenge bekannt, hat aber auch die Korruption reduzieren können. Die
       ICAC erklärte, bei Veranstaltungen mit Snacks, Getränken und Unterhaltung
       Wähler zu beeinflussen, sei eine Straftat. Dies gilt schon länger; das
       Einschreiten der Behörde mehr als drei Jahre nach der
       Wahlkampfveranstaltung sieht deshalb eher danach aus, als wolle sie auf
       diese Art einen pekingkritischen Musiker mundtot machen.
       
       ## Wong sagt, er wolle sich nicht abschrecken lassen
       
       [1][In den letzten Monaten sind viele Aktivisten der prodemokratischen
       Bewegung festgenommen oder außer Landes getrieben worden.] Warum ICAC so
       lange brauchte, obwohl Au ein Video der Veranstaltung direkt im Anschluss
       in den sozialen Netzwerken postete, erklärt die Behörde nicht.
       
       Wong wird auch als „kantonesischer David Bowie“ bezeichnet. Neben seiner
       Musik ist er in Hongkong auch als Aktivist für die Demokratiebewegung und
       für die LGBTQ-Szene bekannt. Schon nach der Niederschlagung der
       studentischen Demokratiebewegung 1989 in China nahm er, damals noch als
       Teil des Duos Tat Ming Pair, an Solidaritätstourneen teil.
       
       In China darf er nicht spielen, seine Musik wurde aus dortigen
       Streamingdiensten entfernt. Als Solokünstler unterstützte Wong 2014 in
       Hongkong die sogenannte Regenschirmbewegung und [2][2019 dann die
       Massenproteste gegen das Auslieferungsgesetz.] Die Demonstrationen
       unterdrückte Peking 2020 mit dem sogenannten Sicherheitsgesetz.
       
       Eines der zwei Lieder, die Wong bei der Wahlveranstaltung sang, hat den
       Titel „Eine verbotene Frucht am Tag“. [3][Darin geht es um die jetzt im
       Juni in Hongkong verbotene pekingkritische Boulevardzeitung Apple Daily.]
       Wong leitete den Song damals mit den Worten ein, es gehe darin um Hongkong
       und darum, seine eigene Wahl zu treffen. „Wir müssen die Frucht auswählen,
       die wir essen wollen.“
       
       [4][Der New York Times erklärte er 2019, er sei erst Bürger, dann Musiker
       und auch ein sozialer Aktivist.] Dafür nehme er in Kauf, in China auf der
       schwarzen Liste zu stehen. „Ich singe seit dreißig Jahren und kann es mir
       leisten, dafür den Preis zu zahlen. Viele andere würden sich davon
       einschüchtern und den Mund verbieten lassen. Das ist das Abschreckende
       daran.“
       
       2 Aug 2021
       
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 (DIR) [4] https://www.nytimes.com/2019/07/05/world/asia/denise-ho-hong-kong-protests.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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