# taz.de -- Doku „Coming out“: Moment der Wahrheit
       
       > Eine Arte-Doku fängt mit einer eindrucksvollen Videomontage Reaktionen
       > ein, die queere Menschen heute auf ihr Coming-out erleben.
       
 (IMG) Bild: Adam Jemberg erzählt seiner Mutter zum ersten Mal von seiner Homosexualität
       
       Man könnte meinen, [1][dass das Coming-out heute] zumindest in liberalen
       Gesellschaften eine untergeordnete Rolle spielen würde. Wie eine vom
       Bundesfamilienministerium geförderte Studie des Deutschen Jugendinstituts
       herausfand, sind die Ängste, die Jugendliche vor einem Coming-out quälen,
       aber weiterhin enorm: Rund drei Viertel der Befragten gab an, sich vor
       einer Ausgrenzung durch Freund*innen zu fürchten, fast genauso viele
       besorgte eine Ablehnung durch Familienmitglieder.
       
       Die Arte-Dokumentation „Coming out“ von Dennis Parrot gibt diesen Ängsten
       nicht nur ein Gesicht, sondern belegt leider, dass sie in vielen Fällen
       begründet sind. In der eindrucksvollen Videomontage werden Aufnahmen
       zusammengefasst, die junge queere Menschen zwischen 2012 und 2018 von ihrem
       „Moment der Wahrheit“ tätigten und ins Netz stellten. Ohne weitere
       Kommentierung – vor den kurzen Filmen wird lediglich der Vorname der
       gezeigten Person und ihr Wohnort eingeblendet – bildet sie ein breites
       Spektrum an Reaktionen auf ganz unterschiedliche Coming-outs ab.
       
       Da ist zum Beispiel Jesi aus Kapstadt, die sich dabei filmt, wie sie ihre
       Mutter anruft, um ihr zu sagen, dass sie lesbisch ist. Sie zögert lange,
       bis ihr die Worte über die Lippen gehen, reibt sich nervös das Gesicht. Die
       Antwort der Mutter folgt nach einem bedrückend langen Augenblick: Sie fragt
       zuerst, ob sie richtig gehört habe und betont, dass sie doch „voll und ganz
       Mädchen“ und Homosexualität außerdem eine Wahl sei. Jesi weint, versucht
       ihre Mutter davon zu überzeugen, dass dem nicht so ist. Dann meldet ihr
       Handy, dass ihr Guthaben nur noch für eine weitere Gesprächsminute reicht.
       Die Mutter hakt nach, ob sie sie zurückrufen soll und scheint erleichtert,
       als ihre Tochter hörbar unglücklich verneint.
       
       Unbefriedigend verlaufende Coming-outs wie diese gibt es viele in der knapp
       einstündigen Dokumentation. Vielfach zweifeln die Eltern die sexuelle
       Orientierung ihrer Kinder an oder beteuern, dass sie die Queerness ihrer
       Söhne und Töchter zwar akzeptierten, dass sie aber „etwas Schlechtes“ oder
       gar „Sündhaftes“ sei. In einigen der 19 Videos sind die Reaktionen noch
       dramatischer: Sie reichen von offener Ablehnung und Beschimpfungen bis hin
       zu Gewalt.
       
       ## Keine Generationensache
       
       Der einzige Film aus Deutschland – der Großteil wurde in den USA
       aufgenommen – erzählt von einem inneren Coming-out, also dem Prozess des
       Bewusstwerdens über die eigene sexuelle Orientierung. Lino aus Bayern
       berichtet von seinem Weg hin zu der Erkenntnis, [2][dass er trans ist]:
       Bereits im Kindergarten war er verstört, wenn Erzieher*innen seinen
       kindlichen Berufswunsch korrigierten: Er könne höchstens eine Ritterin
       sein, ganz bestimmt kein Ritter. Er erzählt vom Gefühl, nirgendwo so
       richtig dazuzugehören und der Erleichterung, die er im Alter von 12 Jahren
       verspürte, als ihm klar wurde, worin es begründet liegt. Andere wiederum
       berichten von turbulenten inneren Coming-outs, von Selbsthass,
       Selbstverletzung und Schlimmerem.
       
       Parrot verpasst es jedoch nicht, seinem Film eine hoffnungsspendende Note
       zu verleihen. Zwischen all den gezeigten unerfreulichen Erfahrungen
       befinden sich immer wieder mutmachende Gespräche: Es gibt sie, die Mütter
       und Väter, die sich oftmals schon vor dem Coming-out über die sexuelle
       Orientierung ihrer Kinder im Klaren sind und in dem Moment, in dem sie sich
       ihnen offenbaren, versichern, dass es für sie keinen Unterschied macht.
       
       Das letzte Video zeigt das Coming-out von Loren aus Kingston in Kanada
       gegenüber ihrer Oma. Deren überaus herzliche Reaktion unterstreicht, dass
       Akzeptanz eben nicht zwangsweise eine Generationenangelegenheit ist –
       sondern im Gegensatz zu Homosexualität sehr wohl eine Entscheidungssache.
       
       21 Jun 2021
       
       ## LINKS
       
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