# taz.de -- Morde an Aktivisten im Irak: Töten mit System
       
       > Der Irak steht vor einer Parlamentswahl, seit Monaten erschüttern Morde
       > das Land. Die Opfer sind Kritiker der mächtigen Milizen.
       
 (IMG) Bild: Demonstranten mit einem Foto des getöteten Milizen-Kritikers Ihab al-Wasni Ende Mai in Bagdad
       
       Kairo taz | Irgendeine Überwachungskamera zeichnet die Morde fast immer
       auf. Meist wird jemand am helllichten Tag auf offener Straße vor seinem
       Haus oder im Auto von einem Exekutionskommando vom Motorrad aus
       niedergeschossen. Es sind die Bilder, die dann im Fernsehen laufen oder in
       sozialen Medien verbreitet werden.
       
       Wie die Szenen der politischen Morde im Irak, so ähneln sich auch die
       Profile der Opfer: Aktivisten oder Journalisten, die öffentlich die
       Allmacht religiöser Parteien und schiitischer Milizen anprangern, entweder
       in der Hauptstadt Bagdad oder im Süden des Landes.
       
       Seit [1][2019, als eine Protestwelle gegen Korruption, Misswirtschaft und
       Machtmissbrauch durch Milizen und die Regierung das Land erschütterte],
       wurden [2][bis zu achtzig Aktivisten ermordet]. Viele Reformer haben sich
       inzwischen in die als sicher geltenden kurdischen Gebiete im Norden des
       Landes oder ins Ausland geflüchtet.
       
       Die irakische Feministin und politische Reformaktivistin Israa Abed ist
       eine von ihnen. Sie spricht über Internettelefon von ihrem Versteck in den
       kurdischen Gebieten aus, wo der Arm der vom Iran gesteuerten Milizen
       wahrscheinlich nicht hinreicht: „Ich habe Drohbotschaften erhalten. Sie
       kennen meine Nummer, denn sie leben unter uns, geben sich zum Teil sogar
       selbst als Aktivisten aus“, erzählt sie im Gespräch mit der taz.
       
       ## Premier zeigte Verständnis für Protest
       
       Mehrere Dutzend Aktivisten würden sich aktuell zwischen den kurdischen
       Gebieten und Bagdad hin und her bewegen. Für viele sei das Leben in den
       kurdischen Gebieten zu teuer und das in Bagdad zu gefährlich, sagt Abed.
       Auf beiden Seiten könnten sie sich nicht allzu lange aufhalten.
       
       Noch Ende 2019 waren viele vor allem junge Aktivisten gegen die
       grassierende Korruption auf die Straße gegangen. Ihr Ärger richtete sich
       nicht nur gegen die Zentralregierung in Bagdad, sondern auch gegen die
       religiösen Parteien und schiitischen Milizen, die für viele zum Inbegriff
       der Selbstbereicherung und des Postenschacherns geworden sind.
       
       „Durch unsere Proteste haben wir ihnen die religiösen Masken vom Gesicht
       gerissen“, beschreibt Israa Abed die damalige Zeit des gefühlten Aufbruchs.
       „Hinter ihrem heiligen Vorhang kam ihr wahres Gesicht zum Vorschein, ihre
       Korruption, ihre krummen Geschäfte, ihr Stehlen im Namen der Religion.“
       
       Immerhin haben sie erreicht, [3][dass der damalige Ministerpräsident Adel
       Abdul Mahdi zurücktrat]. Wenige Monate später wurde die [4][Protestbewegung
       von der Coronapandemie ausgebremst]. Auch der bis heute regierende Premier
       Mustafa al-Kadhimi, der bei Amtsantritt seine Sympathie für die
       Protestbewegung ausdrückte, hat wenig an dem verrotteten politischen System
       verändert.
       
       ## Milizen schalten Kritiker aus
       
       Mehr oder wenig machtlos sieht al-Kadhimi zu, wie die Milizen ihre Kritiker
       ausschalten. Erst letzten Monat wurde [5][Ihab al-Wasni, einer der
       Organisatoren der Proteste, in der schiitischen Stadt Kerbala erschossen.]
       Weniger als 24 Stunden später fiel der Journalist Ahmad Hassan in der
       ebenfalls mehrheitlich schiitischen Stadt Diwanija einem Mordanschlag zum
       Opfer.
       
       In einer nach dem Mord an al-Wasni veröffentlichten Telefonaufzeichnung
       zwischen al-Wasni und Fahem al-Taie, einem weiteren Kritiker der Milizen,
       hatten beide die Befürchtung ausgesprochen, dass sie demnächst selbst an
       der Reihe sein könnten. „Einer der Miliz-Kommandanten, Qassem Musleh, wird
       kommen, um unsere Knochen zu brechen“, sagten sie. Kurze Zeit nach dem
       Gespräch waren beide tot, auf offener Straße erschossen. Die Aufzeichnung
       verbreitete sich in sozialen Medien im Irak wie ein Lauffeuer.
       
       „Er ist ein Mörder, Musleh ist ein Teil der iranischen Killermaschine, die
       im Irak ihr Unwesen treibt“, sagt Israa Abed. Musleh, einer der
       Kommandanten der schiitischen Volksmobilisierungseinheiten, einer
       Schirmorganisation schiitischer Milizen, die 2014 gegründet worden war, um
       den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen, wurde inzwischen festgenommen –
       ein Politikum, denn seine Miliz ist eng mit dem irakischen
       Sicherheitsapparat verwoben.
       
       Musleh wird vorgeworfen, gegen die irakischen Antiterrorgesetze verstoßen
       zu haben. Jedoch glauben nur wenige Iraker, dass er tatsächlich auch zur
       Rechenschaft gezogen wird. Zu mächtig seien seine Beschützer im Regierungs-
       und Sicherheitsapparat.
       
       ## Wahl im Oktober
       
       Musleh ist kein Einzelfall: Laut einem vor wenigen Tagen veröffentlichten
       [6][Bericht] der UN-Mission in Bagdad wurden im Zusammenhang mit den
       Aktivistenmorde zwar zahlreiche Untersuchungen angeleiert. Sie liefen aber
       allesamt ins Leere. Kein einziger der Morde hat bislang zu einem
       Gerichtsprozess geführt oder gar zu einer Verurteilung.
       
       Wie sich das alles auf die für Oktober angesetzte Parlamentswahl auswirken
       wird, ist unklar. Unter Aktivisten im Irak wird kontrovers diskutiert, ob
       es klug ist, die Abstimmung zu boykottieren. „Wir haben nicht nur ein
       Problem mit den Mördern, sondern mit dem gesamten politischen System“, sagt
       Abed.
       
       Auf Dauer aber werde die Politik der Einschüchterung durch politische Morde
       nicht aufgehen. „Wir bleiben wie ein Messer in ihrem Fleisch. Wir werden
       nicht still bleiben. Wir ordnen nur unsere Karten neu, schließen unsere
       Ränge und warten auf unsere Chance“, sagt Abed oder hofft sie, während sie
       sich irgendwo im kurdischen Nordirak vor ihren potenziellen Mördern
       versteckt.
       
       8 Jun 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Protestbewegung-im-Irak/!5656703
 (DIR) [2] https://www.nytimes.com/2021/05/25/world/middleeast/iraq-protest-murder-iran.html
 (DIR) [3] /Proteste-im-Irak/!5632399
 (DIR) [4] /Arabische-Proteste-machen-Corona-Pause/!5674391
 (DIR) [5] /Politische-Morde-im-Irak/!5766230
 (DIR) [6] https://www.thenationalnews.com/mena/un-iraq-s-militias-are-killing-activists-amid-climate-of-impunity-1.1232970
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karim El-Gawhary
       
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