# taz.de -- Tiefe in Primetime-Talkshows: Das Comeback des Polittalks
       
       > Warum die ARD manchmal dümmer ist als RTL. Und warum die verstaubten
       > Talkshows im Fernsehen gerade trotz allem ein bisschen besser werden.
       
 (IMG) Bild: Fakten im Vordergrund: die neue politische Talkshow, hier Angela Merkel zu Gast bei Anne Will
       
       Es ist jeden Abend das gleiche Bild im ersten deutschen Fernsehen: Weißer
       Zickzack auf schwarzem Grund, der DAX klettert oder fällt, auf dem Parkett
       ist einiges los, und die Anleger freut’s. So klingen die Börsennachrichten,
       die die ARD seit 20 Jahren vor der „Tagesschau“ sendet. Antiquiert findet
       das eine Gruppe von Klima-Aktivist:innen, die sich „Klima vor acht“ nennt.
       Sie will, [1][dass die ARD eine wissenschaftlich fundierte] und
       verständliche Klimaberichterstattung anbietet, täglich, zur besten
       Sendezeit, statt „Börse vor acht“.
       
       Nur wenige Menschen besitzen Aktien, der Klimawandel aber geht alle an,
       argumentiert die Initiative. Das ist zwar überspitzt, aber dass der DAX
       nicht als Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft taugt, konnte
       man letzte Woche sehen, als der Kurs zum ersten Mal über 15.000 Punkte
       „kletterte“. Ein Rekordhoch, während wir hier unten im Rekordtief
       rumhängen.
       
       Der Vorsitzende der ARD, Tom Buhrow, schreibt, [2][er sei nicht zuständig
       für die Idee], zuständig sei Volker Herres, Programmdirektor der ARD. Der
       ist allerdings nur noch ein paar Wochen im Amt. Klingt nicht so, als hätte
       die ARD Interesse. Dafür hat RTL nun zugeschlagen. [3][Der Sender führt
       Gespräche mit „Klima vor acht“], am 22. April, dem international Earth Day,
       wollen die Redaktionen von RTL, Stern, Geo und ntv ein gemeinsames
       „Klima-Update“ senden. Ob „Klima vor acht“ dann täglich bei RTL läuft, ist
       noch unklar. Dumm von der ARD, clever von RTL. Wieso sollte also ein
       Klimaformat nicht auch bei RTL gut laufen?
       
       Das Problem ist nur: ARD und ZDF sind die Sender mit dem größeren Einfluss.
       In der letzten Woche hat dort das scheinbar antiquierte Format der
       politischen Talkshow ein Comeback erlebt (sind ja eh alle zu Hause). Angela
       Merkel hat den Sessel bei Anne Will genutzt, um die
       Ministerpräsident:innen unter Druck zu setzen und Armin Laschet zu
       kritisieren. Laschet wollte den Sessel bei Markus Lanz nutzen, um sich zu
       verteidigen.
       
       ## Die Zeit der Expert:innen
       
       Wer in der MPK nicht weiterkommt, der setzt sich zu Anne Will oder Markus
       Lanz. Und das wird geguckt. Die Quoten von Lanz und Will klettern auf ein
       Rekordhoch wie der DAX, jeden Satz, der in diesen Sendungen fällt, kann man
       bei Twitter nachlesen.
       
       Der Erfolg liegt auch daran, dass Talkshows an Tiefe gewonnen haben. Hätten
       in den vergangenen Jahren so viele Migrationsexpert:innen in den
       Talkshows gesessen wie heute Mediziner:innen und Biolog:innen, wäre
       die Debatte um die Aufnahme von Geflüchteten anders verlaufen. Zudem
       schaffen Will und Lanz das, was wir sonst selten sehen: unsichere,
       zweifelnde Spitzenpolitiker:innen. Die Statements, die sie in
       Pressekonferenzen abgeben, sind oft geskriptet. Die Interviews in Zeitungen
       sind autorisiert – Raum für Unsicherheit bleibt da nicht.
       
       Wer etwas erreichen will, sagt das noch immer am besten bei ARD oder ZDF.
       Wenn die Senderchefs wollen, dass das so bleibt, sollten sie sich [4][das
       mit dem Klima] nochmal anschauen.
       
       6 Apr 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Initiative-fuer-neue-ARD-Sendung/!5708280
 (DIR) [2] https://twitter.com/KlimaVorAcht/status/1377680923651624963?s=20
 (DIR) [3] https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/bertelsmann-startet-neue-content-alliance-in-deutschland.jsp
 (DIR) [4] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Fromm
       
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