# taz.de -- Rabbis in der Bundeswehr: Militärgeheimnis jüdische Soldaten
       
       > Die Bundeswehr wäre gern divers und weltoffen. Dazu verbreitet das
       > Verteidigungsministerium offenbar falsche Zahlen über jüdische Soldaten.
       
 (IMG) Bild: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) mit Zentralratspräsident Josef Schuster
       
       Berlin taz | Das Verteidigungsministerium möchte die Bundeswehr gern als
       Spiegelbild der Gesellschaft inszenieren. Da stören Skandale um
       [1][verschwundene Munition und rechtsextreme Verdachtsfälle]. Ein paar
       Militärrabbiner und eine hohe Zahl jüdischer Soldaten dagegen kommt ihr
       gelegen.
       
       Anfang des kommenden Jahres sollen deshalb die ersten von zehn
       Militärrabbinern ihren Dienst bei der Bundeswehr antreten. Dafür wird ein
       Militärrabbinat – eine eigene religiöse Behörde – errichtet, mit fast 50
       Dienstposten in einem 1000 qm großen Büro in Berlin. Knapp viereinhalb
       Millionen Euro soll das Ganze jährlich kosten, 900.000 Euro kommen im
       ersten Jahr oben drauf. Die Behörde soll sich primär um die religiöse
       Bedürfnisse von jüdischen Soldaten kümmern: Dazu gehören etwa die
       Einhaltung der Tora-Gebote und die Gewährleistung der koscheren
       Verpflegung. Nur: Wie viele Juden gibt es in der Bundeswehr überhaupt, die
       diesen Aufwand berechtigen würden?
       
       Das Verteidigungsministerium behauptet, dass etwa 300 jüdische Soldaten
       ihren Dienst tun. Damit gäbe es prozentual mehr Juden in der Bundeswehr als
       in der Gesamtbevölkerung. Selbst wenn diese Zahl stimmen würde, käme somit
       ein Rabbiner auf 30 jüdische Soldaten. Laut dem Staatsvertrag mit der
       evangelischen und der katholischen Kirche soll ein christlicher
       Militärseelsorger für jeweils 1.500 gläubige Soldaten eingesetzt werden.
       
       [2][Recherchen der taz haben aber bereits gezeigt], dass die Zahl von 300
       jüdischen Soldaten jedoch weit übertrieben sein dürfte – und, dass jüdische
       Soldaten offenbar nicht gefragt wurden, ob sie religiösem Beistand
       überhaupt wollen. Der Ehrenvorsitzende des Bunds Jüdischer Soldaten,
       Michael Fürst, sagte der taz, er kenne nur sechs Juden im aktiven
       Militärdienst. Und religiös seien die meisten nicht. Nun wird deutlich:
       Auch das Verteidigungsministerium wusste, dass die Zahl 300 viel zu hoch
       ist – und verbreitete sie trotzdem.
       
       ## Auf Nachfrage: Schweigen
       
       Doch woher kommt diese Zahl? Gegenüber der taz hatte das
       Verteidigungsministerium eingeräumt, die Zahl sei eine „Hochrechnung“.
       Grundlage dafür ist eine Studie des Zentrums für Militärgeschichte und
       Sozialwissenschaft, ein wissenschaftliches Institut, das zur Bundeswehr
       gehört. Im Jahr 2013 hatte das Institut 7.744 Soldaten im Intranet der
       Bundeswehr befragt, unter anderem zum religiösen Bekenntnis.
       
       Anruf bei einer der Autorinnen der Studie: Gibt es 300 Juden in der
       Bundeswehr? „Das kann man daraus nicht ableiten“, sagt sie. „Aus der
       Perspektive der Sozialwissenschaftlerin kann ich sagen: Wir haben keine
       validen Zahlen“.
       
       Die Wissenschaftlerin betont, dass sie bei der Umfrage bewusst nicht nach
       Konfession gefragt hätten, sondern danach, welcher Glaubensrichtung sich
       ein Soldat verbunden fühle. Auf dieser Grundlage die Zahl der Juden in der
       Bundeswehr zu bestimmen, sei nicht möglich.
       
       Auf die Bitte, die Studie der taz zu schicken, sagt die Autorin erst zu.
       Dann antwortet sie nur noch mit einem Verweis auf die Pressestelle. Kurze
       Zeit später heißt es aus dem Verteidigungsministerium, die Studie sei ein
       internes Gutachten. Andere Teile der Studie, etwa zum Thema Innere Führung,
       sind für die Öffentlichkeit in zahlreichen Bibliotheken zugänglich.
       
       ## 300 jüdische Soldaten? Oder doch eher 50?
       
       Ein Teil der Ergebnisse, die das Ministerium nicht öffentlich machen will,
       liegt der taz nun vor. Die statistische Hochrechnung auf die gesamte
       Bundeswehr ergab demnach jedoch nicht 300 Soldaten, sondern einen Wert
       zwischen 51 und 294. Das ist etwas niedriger als die mögliche Zahl von
       Anhängern heidnisch-germanischer Religionen oder des Buddhismus.
       
       Am 5. April 2013 stellten die AutorInnen die Ergebnisse im
       Verteidigungsministerium vor. Dass die Zahl der Soldaten, die sich dem
       Judentum verbunden fühlen, genauso gut nur 50 sein könnte, dass gar nicht
       nach Religiosität oder Zugehörigkeit zu einer Gemeinde gefragt wurde, all
       das war der Bundeswehr also bekannt – und wurde offenbar ignoriert, um eine
       deutlich zu hohe Zahl verbreiten zu können.
       
       Dabei müsste die Bundeswehr gar nicht auf irgendwelche Studien und
       zweifelhafte Hochrechnungen zurückgreifen, um die Zahl der jüdischen
       Soldaten zu erfassen. Anders als muslimische Gemeinden sind jüdische
       Gemeinden rechtlich den beiden großen Kirchen gleichgestellt. Für sie
       treibt der Staat in der Regel die Kirchensteuer bzw. Kultussteuer ein.
       Dadurch müsste der Staat auch wissen, wie viele seiner Soldaten jüdischen
       Gemeinden angehören.
       
       So konnte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion aus
       diesem Jahr genau sagen, wie viele evangelische (53.451) und wie viele
       katholische Soldaten (40.889) aktuell im Dienst sind.
       
       ## Falsche Angaben auch gegenüber Abgeordneten?
       
       Auf taz-Anfrage weigert sich das Verteidigungsministerium aber, die Zahl
       der kultussteuerpflichtigen Juden in der Bundeswehr zu nennen. Es verweist
       auf das Bundesverwaltungsamt, eine Behörde des Innenministeriums, und an
       das Bundeszentralamt für Steuern. Beide Behörden antworten der taz, dass
       diese Daten nicht bei ihnen, sondern nur der Personalverwaltung der
       Bundeswehr vorliegen.
       
       Ein letzter Versuch, diesmal beim Bundesamt für Personalmanagement der
       Bundeswehr. Dort heißt es zunächst, dass man der taz die Zahl gern zur
       Verfügung stelle, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Dienstgrad. Ein
       Offizier ist redselig: Er glaube, es gebe überhaupt keine Juden in der
       Bundeswehr, oder nur sehr wenige. Einen Tag später heißt es, die Zahlen
       würden zwar vorliegen, seien aber „nicht valide“ und könnten deshalb nicht
       herausgegeben werden: „Das ist nicht das richtige Ergebnis“, sagt eine
       Sprecherin. Nur: Wer entscheidet das?
       
       Laut Auskunft der Personalverwaltung existiert in der Datenbank der
       Bundeswehr neben dem Vermerk zur Kultussteuer noch eine weitere,
       freiwillige Angabe zur Religionszugehörigkeit. Auch diese will die
       Sprecherin der taz nicht nennen.
       
       Der Verdacht, dass die Abgeordneten des Bundestags falsch über die zahl der
       jüdischen Soldaten informiert wurden, wiegt schwer: Als das Gesetz zur
       jüdischen Militärseelsorge im Mai im Bundestag debattiert wurde, hatten
       Abgeordnete der SPD, CDU, AfD und FDP die Zahl von 300 jüdischen Soldaten
       wiederholt. Der Gesetzentwurf wurde von allen Fraktionen [3][einstimmig
       angenommen]. Das passiert äußerst selten.
       
       Mehrere Abgeordnete aus dem Verteidigungsausschuss bestätigen der taz, dass
       die Zahl 300 immer wieder zur Begründung genannt wurde. „Wäre das in der
       Form bekannt gewesen, dass es möglicherweise kaum mehr jüdische Soldaten
       gibt als die zehn geplanten Militärrabbiner, hätte das Gesetz keine
       Mehrheit gefunden,“ sagte ein Mitglied des Verteidigungsausschusses der
       taz.
       
       30 Nov 2020
       
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