# taz.de -- Diepgen und Wowereit übers Regieren: „Bier steht für Berlin“
       
       > Eberhard Diepgen (CDU) und Klaus Wowereit (SPD) regierten insgesamt 28
       > Jahre die Stadt. Beide sind grundverschieden. Was haben sie sich zu
       > sagen?
       
 (IMG) Bild: Eberhard Diepgen und Klaus Wowereit entspannt auf der Dachterasse der taz in Kreuzberg
       
       taz: Herr Wowereit, Herr Diepgen, sind Sie sind eigentlich nach wie vor
       untereinander beim Sie? 
       
       Klaus Wowereit: Das war schon zu Amtszeiten so. Warum sollten wir das jetzt
       ändern?
       
       Und wenn Sie zusammentreffen, worüber reden Sie dann? 
       
       Eberhard Diepgen: Worüber haben wir zuletzt gelästert?
       
       Wowereit: Wir waren bei Springer. Worum ging es da? Abgesehen davon – am
       schönsten war es mal bei einem Geburtstag von Brigitta Mira. Sie hat in
       einer Kneipe gefeiert. Ich komm rein, noch als Regierender Bürgermeister,
       da sagt Brigitte Mira: „Ach wie schön, Herrn Diepgen, dass Sie auch da
       sind.“ (lacht)
       
       Diepgen: Ich werde auf der Straße oft angesprochen und empfinde dabei eine
       hinreichende Mischung zwischen begrenzter Lästigkeit und befriedigter
       Eitelkeit. Je länger meine Amtszeit vergangen ist, desto besser erscheint
       sie...
       
       Sie haben beide an der Freien Universität Jura studiert, sind klassische
       Berufspolitiker geworden und jeweils über ein Milliardendesaster
       gestolpert. Verbindet das?
       
       Wowereit: Was ist denn ein klassischer Berufspolitiker?
       
       Diepgen: Ich war Rechtsanwalt. Und ich habe immer darauf geachtet, dass ich
       ein berufliches Bein habe. Ich halte nichts von denjenigen, die ihr Studium
       nicht abschließen, dann in die Politik gehen, große Karriere machen wollen
       oder sogar machen, ohne wirkliche Erfahrungen im Umgang mit dem Leben zu
       haben.
       
       Sie waren der Regierende Bürgermeister, der mit 15 Jahren am längsten im
       Amt war. 
       
       Diepgen: Richtig. Im Nachhinein ist mein Leben mehr von den politischen
       Ämtern geprägt gewesen. Aber das war so nicht unbedingt geplant.
       
       Wowereit: Auch bei mir war es das nicht. Nach meinem Studium war ich in der
       Verwaltung, bin dann aber mit 30 Jahren Stadtrat in Tempelhof geworden.
       Wichtig ist die Unabhängigkeit – also nicht für ein Amt zu kandidieren,
       weil du sonst in die Sozialhilfe gehst.
       
       Was haben Sie noch gemeinsam? 
       
       Wowereit: Erst mal trennt uns vieles, schon allein vom Naturell her.
       Andererseits haben wir natürlich auch dieselben Erfahrungen gemacht in
       diesem Amt.
       
       Diepgen: Wir sind vom Typ und von der Herangehensweise sehr
       unterschiedlich. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Aber viele
       Erfahrungen sind die gleichen, auch mit der eigenen Partei und der
       Öffentlichkeit.
       
       Herr Diepgen, wie würden Sie Herrn Wowereit beschreiben? 
       
       Diepgen: Herr Wowereit war in der Kür sehr gut. Er hat ganz andere Menschen
       angesprochen als ich. Für die Attraktivität Berlins war seine Ausstrahlung
       wichtig. Bei der Pflicht sah ich entscheidende Lücken. Ich war dagegen in
       der Pflicht besser als in der Kür.
       
       Wowereit: Bei der Pflicht stimme ich nicht zu. Das Bild des Regierenden
       Partymeisters war sehr verzerrt. Alle, die mit mir zusammengearbeitet
       haben, wussten, dass ich ähnlich wie Diepgen Aktenstudium betrieben habe.
       
       Diepgen: Ich würde meinen Champagner immer nur aus dem Glas trinken...
       
       ... damit spielen Sie auf ein berühmt gewordenes Foto mit Klaus Wowereit
       an. 
       
       Diepgen: Spätestens seit der 750-Jahr-Feier habe ich gelernt, mich nie mit
       einem Wein- oder Sektglas fotografieren zu lassen. Wenn, dann nur mit einem
       Bierglas.
       
       Warum? 
       
       Diepgen: Bier steht für Berlin und Bodenhaftung, Sekt für Feiern und
       Schickimicki.
       
       Wowereit: Mit dem Champagner sind Sie schon auf Fake News reingefallen. Ich
       habe nie aus diesem Schuh Champagner getrunken, aber das Bild hält sich. Es
       ist auch nicht das einzige dieser Art. Übrigens glaube ich, dass wir zu 90
       Prozent auf denselben Partys waren. Nur dass man Diepgen dabei nicht
       angesehen hat, dass es ihm Spaß macht (beide lachen).
       
       Haben Sie sich zu Amtszeiten bemüht, das Bild von sich zu kontrollieren:
       also mehr Aktenfresser und weniger Partymeister? 
       
       Wowereit: Das Bild hat mir ja nicht geschadet. Ich bin wiedergewählt
       worden. Aber den roten Schuh, den hätte ich danach immer fallen lassen.
       
       Ihnen, Herr Diepgen, haben die Berater vor einer Wahl die Kampagne „Diepgen
       rennt“ als Gegengift zum „blassen Eberhard“ übergeholfen. Haben Sie das
       gern gemacht? 
       
       Diepgen: Ich bin immer gejoggt, aus gesundheitlichen Gründen. Aber die
       Kampagne hatte noch einen anderen Hintergrund. Bei der Vorbereitung der
       Wahlen im Jahr 1999 hatte mir damals Peter Radunski …
       
       … Ihr Kultursenator …
       
       Diepgen: … gesagt: „Das Problem bei den nächsten Wahlen bist du!“ Ich sei
       schon zu lange im Amt; Kritiker würden behaupten, ich sei verbraucht. Also
       musste ich mit einem Bild der Bewegung und Leistungsfähigkeit verbunden
       werden. Damals lief im Kino der Film „Lola rennt“. So entstand „Diepgen
       rennt“. Und es hat funktioniert. Übrigens haben wir früher auf den „blassen
       Eberhard“ immer gekontert: blasser Spargel ist Qualitätsspargel (lacht).
       
       Wowereit: Diepgen war sehr detailbeflissen, hatte aber große
       Anlaufschwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Das erinnert mich ein
       bisschen an Angela Merkel. Aber er kannte diese Stadt wie kaum ein anderer,
       deshalb ist da ein hoher Respekt. Ich neige eher zum Barocken und er zum
       Calvinistischen.
       
       Diepgen: Damit kann ich leben. Anlaufschwierigkeiten – wenn es sie gab –
       waren meist dem Thema geschuldet.
       
       Herr Diepgen, 1999 haben Sie haben die Wahl wiedergewonnen, wurden dann
       aber 2001 von Klaus Wowereit aus dem Amt gejagt. Auslöser war der Berliner
       Bankenskandal. Hat das Wunden hinterlassen? 
       
       Diepgen: Mir war immer klar, dass Klaus Wowereit als
       SPD-Fraktionsvorsitzender jede Gelegenheit packen würde, um den Senat
       abzulösen und die SPD nach vielen Jahren wieder zur Nummer 1 zu machen. Ist
       da was hängen geblieben? Ich sage jetzt nicht, dass ich damals glücklich
       darüber gewesen war. Es hat mich geärgert, dass mir Verantwortung
       zugeschrieben wurde, die ich gar nicht hatte. Aber es war Wowereits Job.
       
       Das sagt sich heute so leicht... 
       
       Diepgen: Veränderungen lagen in der Luft, auch Veränderungen im Verhältnis
       zur PDS. Nach vielen Grundsatzentscheidungen hatte die Berliner Politik die
       Mühen der Ebene erreicht; das wirkte nicht mehr kraftvoll. Und es wird Sie
       überraschen, dass ich das sage: Aber für die Koalition mit der PDS gab es
       viele Argumente. Sie erschien verlässlicher als die Grünen. Ich hätte diese
       Koalition an Wowereits Stelle auch in Erwägung gezogen.
       
       Sie erkennen also Wowereits Argument an, dass die rot-rote Koalition auch
       eine Versöhnung der beiden Stadthälften war? 
       
       Diepgen: Ja. Ich würde mehr von Miteinander reden. Aber das waren andere
       Linke als heute. Inzwischen gibt es eine Reideologisierung. Nicht die
       pragmatischen Gebrüder Wolf. Den Marsch in die Vergangenheit gibt es bei
       Linken und auch bei den Berliner Grünen.
       
       Wowereit: Ich glaube, dass die Koalitionen mit der damaligen PDS nicht die
       schlechteste Zeit für Berlin waren. Aber sie waren natürlich höchst
       umstritten. Auch in meiner Partei. Das war ein Tabubruch.
       
       Ein Tabubruch war auch Ihr Wahlkampfspruch 2001: „Ich bin schwul, und das
       ist auch gut so.“ Herr Diepgen, was haben Sie damals gedacht, als Sie das
       gehört haben? 
       
       Diepgen: Ich war erstaunt, dass er das sagt.
       
       War das Kalkül, Herr Wowereit? 
       
       Wowereit: Es kam aus dem Bauch. Aber es gab auch eine Vorgeschichte: Ich
       habe es schon vor dem Parteitag im Landesvorstand erklärt. Dass ich es auf
       dem Parteitag sage, davon haben mir alle abgeraten. Es wussten zwar viele
       Journalisten, aber es war kein öffentliches Thema. Mir war aber klar, dass
       es das im Wahlkampf werden würde. Die Wortwahl war spontan.
       
       Diepgen: In der öffentlichen Wahrnehmung war der Satz damit verbunden, dass
       Berlin sich öffnet, attraktiver wird, internationaler. [1][Für die
       Anziehungskraft Berlins war der Satz wichtig.] Er war ein Teil des Erfolgs
       von Klaus Wowereit.
       
       Wie ist das heute: Bilden die Parteien die Vielfalt in der Stadt ab oder
       bleiben sie hinter der Realität zurück? 
       
       Diepgen: Die Politik ist eher vorneweg, verglichen mit der Mehrheit der
       Menschen in der Stadt.
       
       Das gilt aber nicht, was den Frauenanteil in Ihrer Partei angeht. 
       
       Diepgen: Da bin ich vielleicht ein Mensch des vergangenen Jahrtausends. Ich
       halte die [2][Diskussionen über Quoten] für falsch und rechtlich
       fragwürdig. Das Verfassungsgericht hat ja gesagt, man müsse sich nicht mehr
       entscheiden, ob man Männlein oder Weiblein ist. Ist da eine Frauenquote
       zeitgemäß?
       
       Sie sind doch noch konservativer, als wir dachten. 
       
       Diepgen: Das ist nicht konservativ, sondern fortschrittlicher, als Sie
       denken. Konservative Politik macht Veränderungen erst möglich, klärt dabei
       aber erst ab, welche Folgen das hat.
       
       Haben Sie auch konservative Anteile, Herr Wowereit? Sie galten in der SPD
       ja immer als Linker … 
       
       Wowereit: Interessant, nicht wahr? Natürlich habe ich konservative Anteile.
       Aber mein Gesellschaftsbild unterscheidet sich doch sehr von dem der
       Konservativen. Wobei sich in den etablierten Parteien da viel getan hat in
       den letzten Jahrzehnten, etwa mit der Ehe für alle.
       
       Herr Diepgen, Sie haben [3][2016 Ihrer Partei empfohlen], sich mehr hin zur
       AfD zu öffnen, bis an den rechten Rand zu rücken. Sehen Sie das heute noch
       genauso? 
       
       Diepgen: Das war vor vier Jahren. Die AfD hat sich seitdem verändert. Man
       weiß noch nicht, welche Entwicklung sie nehmen wird.
       
       Aber wir sehen doch gerade einen zunehmenden Rechtsextremismus, der sich
       auch in der AfD und ihren Wahlerfolgen manifestiert. 
       
       Diepgen: Heute mehr als damals. Ich bin sehr vorsichtig bei jeder Form von
       Extremismus, von links wie von rechts.
       
       Den Satz haben wir jetzt erwartet! 
       
       Diepgen: Schön, wenn sich Vorurteile bestätigen. Ich bin in der Tat in
       meiner politischen Arbeit durch gewaltsame Attacken von links geprägt
       worden. Ich wurde lange von Polizisten begleitet, nicht weil von
       Rechtsextremen Gefahren ausging, sondern von Linksextremen. Auch meine
       Kinder wurden oft von Personenschützern zur Schule begleitet. Natürlich ist
       eine besondere Sensibilität nach rechts notwendig, auch aufgrund der
       deutschen Geschichte. Man muss aber über eine längere Zeit beobachten, wie
       sich neue Parteien entwickeln. Ich erinnere an den Satz von der Holzlatte,
       mit dem der Sozialdemokrat Holger Börner einst jede Zusammenarbeit mit den
       Grünen ablehnte. Eine Zusammenarbeit mit der AfD kann für die Zukunft auch
       nur sehr vorsichtig in Erwägung gezogen werden. Noch ist nicht sicher, wer
       da im Machtkampf gewinnt.
       
       Wowereit: Der Ausdruck „vorsichtig“ ist mir hier eindeutig zu wenig.
       
       Diepgen: Welchen empfehlen Sie denn?
       
       Wowereit: Eine klare Abgrenzung. Wir haben Tausende Beweise, dass eine
       breite Funktionärsschicht dieser Partei rechtsextremistische Positionen
       vertritt. Für eine demokratische Partei ist damit jede Annäherung
       ausgeschlossen.
       
       Diepgen: Ich kenne keinen Landesverband der AfD, mit dem eine
       Zusammenarbeit zurzeit möglich erscheint, auch nicht auf Bundesebene. Auf
       der kommunalen Ebene kann ich eine gemeinsame Abstimmung oder
       Zusammenarbeit nicht ausschließen. Man kann nicht gegen eine vernünftige
       Maßnahme stimmen, nur weil die AFD dafür ist.
       
       Herr Diepgen kann ihrem Tabubruch von 2001 mit der PDS etwas abgewinnen.
       Für einen Tabubruch der CDU mit der AfD hätten Sie, Herr Wowereit, aber
       kein Verständnis? 
       
       Wowereit: Auf keinen Fall. Eine Zusammenarbeit oder auch nur eine Akzeptanz
       der AfD ist nicht akzeptabel. Auch die CDU muss nach links schauen – sie
       arbeitet ja auch mit den Grünen zusammen. In Berlin ist das allerdings ein
       bisschen schwieriger.
       
       Was schätzen Sie denn von ganzem Herzen an den Grünen? 
       
       Diepgen: (überlegt lange) Sie sind sehr verschieden. Es ist ja ein
       Unterschied, ob ich es mit Herrn Kretschmann oder mit Canan Bayram...
       
       ... der in Friedrichshain-Kreuzberg direkt gewählten
       Bundestagsabgeordneten... 
       
       Diepgen: ... und Berlins Justizsenator Dirk Behrendt zu tun habe. Ich kann
       mir durchaus vorstellen, dass ich – wenn ich mit den Kandidaten der Union
       nicht einverstanden wäre – in dem einem oder andern Wahlkreis auch mal grün
       wählen würde. Aber gegenwärtig nicht in Berlin.
       
       Wowereit: Da bin ich konservativer! Natürlich gibt es eine Diversität auch
       in meiner Partei von Leistungen und Kandidaturen, die man unterschiedlich
       betrachten kann. Aber die Sozialdemokratie hat weiterhin meine Präferenz.
       
       Könnten Sie sich vorstellen, eine rot-rot-grüne Koalition zu leiten? 
       
       Wowereit: Natürlich. Wobei Dreierkonstellationen nicht leicht zu führen
       sind.
       
       Diepgen: Unter Klaus Wowereit wäre das eine oder andere, was sich Michael
       Müller gefallen lässt, nicht passiert!
       
       Wowereit: Das könnte sein. Man muss schon mal ’ne klare Kante zeigen, auch
       als Person. Und man sollte nicht immer nur faule Kompromisse machen.
       
       Sie kennen die taz seit ihrem Bestehen. Wie hat sich ihr Bild von der
       Zeitung gewandelt? 
       
       Diepgen: Ich bin hier zu Gast und darf nicht unhöflich sein...
       
       Wir sind tolerant... 
       
       Diepgen: Ich finde, die taz ist gut gemacht und auch heute die Überschrift
       (hebt die Zeitung hoch): Das ist spritzig, das ist gut, das gefällt mir.
       Aber Information und Meinung sind nicht ausreichend genug getrennt. Die taz
       wirbt ja auch damit, sie wolle die Welt verändern.
       
       Herr Wowereit, aber Ihr Leib- und Magenblatt sind wir doch, oder? 
       
       Wowereit: Aus meiner Sicht ist die taz unverzichtbar im Meinungsspektrum,
       das ist ja leider nicht mehr so vielfältig wie noch vor einigen Jahren. In
       meiner Zeit habe ich in der taz nicht meine Klientel angesprochen, da gab
       es andere. Aber die taz ist ja auch nicht mehr die Zeitung der 80er. Und
       manche Redakteure von der taz sind heute die konservativsten Kommentatoren
       bei Springer. Das ist fast unglaublich.
       
       Diepgen: Es ist ja schön, wenn Leute was dazulernen. Aber zum Spektrum der
       Menschen in dieser Stadt gehört die taz. Dem stimme ich zu.
       
       Herr Wowereit, Ihnen hat die wiederholte Verschiebung der BER-Eröffnung das
       Genick gebrochen. Hätten Sie gern über 2014 hinaus weitergemacht? 
       
       Wowereit: Also mein Kopf sitzt noch ganz fest drauf. Aber natürlich war die
       Entwicklung des BER ein Punkt, die immer wieder zu Recht kritische Fragen
       aufgeworfen hat und die auch nicht als Glanzstück übrig bleibt. Aber die
       Verantwortung dafür ist ein bisschen einseitig bei mir abgeladen worden –
       schließlich gehört der Flughafen auch zu Teilen dem Bund und dem Land
       Brandenburg, nicht nur Berlin.
       
       Dann sind Sie glücklich, dass der Flughafen jetzt aufgemacht hat? 
       
       Wowereit: Natürlich.
       
       Diepgen: Ich war auch zur Eröffnung eingeladen. Aber der Flughafen hatte
       meine private Anschrift gar nicht mehr.
       
       Wowereit: Meine auch nicht, dabei war ich mal Aufsichtsrat. Die Einladung
       kam über die Senatskanzlei. Das finde ich schon scharf.
       
       Haben Sie zwischendurch bezweifelt, ob der Flughafen je aufmacht? 
       
       Wowereit: Nie. Ich weiß, dass viele das erhofft haben, aus den
       unterschiedlichsten Gründen. Das ärgert mich. Denn neben dem vielen, was
       schiefgelaufen ist: Diese Freude über das Scheitern fand ich immer
       abstoßend.
       
       Das waren die Medien? 
       
       Wowereit: Nicht nur. Die transportieren ja nur. Auch bei anderen, bei
       Kabarettisten...
       
       Das ist doch deren Job. 
       
       Wowereit: Aber gibt Grenzen, ich frage mich, was die nun machen. Es gibt
       viele Großprojekte in Deutschland, die lange brauchten, die Elbphilharmonie
       oder Stuttgart 21. Aber eine derartige Häme gibt es nirgendwo sonst. Ich
       finde, die Berliner müssen mehr Selbstbewusstsein zeigen: Wenn in Hamburg
       die Attacke von außen kommt, dann schließen die die Reihen. Wenn Berlin das
       passiert, dann hauen sie in Berlin erst recht aufeinander ein.
       
       Die Häme gegen Berlin – die gibt es nicht nur beim Flughafen. Sondern auch
       beim regelmäßigen S-Bahn-Chaos oder wenn es drei Wochen dauert, bis man das
       Auto angemeldet bekommt. 
       
       Diepgen: Drei Wochen?! Wie haben Sie das so schnell geschafft? Meine
       Tochter wartet mittlerweile drei Monate darauf. Eine Diskussion zur
       Flughafenpolitik will ich hier nicht fortsetzen, das wäre ein weites Feld.
       
       Was steckt denn hinter dieser Häme. Etwa dass sich die Provinz an der
       Großstadt abarbeitet? 
       
       Diepgen: Da steckt noch mehr dahinter: Wenn Sie auf die – im kommenden Jahr
       – 150-jährige Geschichte der Hauptstadt Berlin blicken, dann erkennen Sie:
       Es gibt kulturelle Vorbehalte aus der Rheinbundrepublik gegen die
       ostelbische Hauptstadt. Aber es wird langsam besser.
       
       Wowereit: In allen Ländern wird die Hauptstadt nicht nur geliebt. Blöd ist
       es aber, wenn man selbst die Vorlagen liefert, so wie bei der
       Autoanmeldung.
       
       Sie beide haben Ihr ganzes Leben in Berlin verbracht. Haben Sie nicht etwas
       verpasst? 
       
       Wowereit: Ich hätte als Schüler oder Student mal länger ins Ausland gehen
       sollen. Das stand aber damals in meiner Situation nicht auf der
       Tagesordnung. Ansonsten wüsste ich nicht, wo ich sonst leben sollte.
       
       Diepgen: Wenn ich länger in meinem Ferienhaus in der Lüneburger Heide bin,
       entwickle ich immer wieder Sehnsucht zurück. Aber nach dem Amtsantritt von
       Herrn Wowereit hätte ich diese Stadt für mindestens zwei Jahre verlassen
       und in der Welt rumreisen müssen.
       
       Wowereit: Immerhin waren Sie in Australien.
       
       Diepgen: Aber nur einen Monat.
       
       Wowereit: Als ich zurückgetreten bin, hat er mir das auch geraten: Gehen
       Sie mal raus!
       
       Und warum haben Sie das nicht gemacht? 
       
       Wowereit: Ich hatte keinen Anlass.
       
       Was machen Sie eigentlich heute? 
       
       Wowereit: Nichts.
       
       Diepgen: Ich habe eine Fülle ehrenamtlicher Tätigkeiten.
       
       Wowereit: Ich genieße meine Freiheit, mache viel Sport. Was ich vermisse,
       ist Kultur. Da fehlt viel.
       
       Wegen der Pandemie? 
       
       Wowereit: Ich war bei ein paar Veranstaltungen, aber immer mit einem
       komischen Gefühl. Das ist etwas, das mein Leben sehr stark beeinträchtigt.
       
       Dieses Interview ist Teil der Sonderausgabe zu 40 Jahren taz Berlin. Sie
       erscheint im Print am Samstag, 7. November. Darin außerdem: Vier Essays
       über vier Dekaden Berlin und ein Text über das schwierige Verhältnis von
       taz und Polizei.
       
       7 Nov 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rueckblick-auf-40-Jahre-taz-Berlin-III/!5723424
 (DIR) [2] /Berlins-Integrationsbeauftragte/!5726432/
 (DIR) [3] http://www.faz.net/aktuell/politik/wahl-in-berlin/reaktion-auf-cdu-ergebnis-interview-mit-ehemaligem-berliner-buergermeister-diepgen-14441771.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bert Schulz
 (DIR) Plutonia Plarre
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
 (DIR) 40 Jahre taz Berlin
 (DIR) Eberhard Diepgen
 (DIR) Klaus Wowereit
 (DIR) Berliner Senat
 (DIR) Regierende Bürgermeisterin
 (DIR) IG
 (DIR) Klaus Wowereit
 (DIR) Klaus Wowereit
 (DIR) Schwerpunkt Rot-Rot-Grün in Berlin
 (DIR) 40 Jahre taz Berlin
 (DIR) 40 Jahre taz Berlin
 (DIR) 40 Jahre taz Berlin
 (DIR) 40 Jahre taz Berlin
 (DIR) Klaus Wowereit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) SPD feiert Klaus Wowereit zum 70.: „Verhältnis war ja nie entspannt“
       
       Der Ex-Regierungschef kassiert bei seiner Partei ungewohnt viel Lob und
       mahnt die in der Koalitionsfrage zerstrittene SPD zum Zusammenhalt.
       
 (DIR) Wowereits Outing vor 20 Jahren: Gut so – bis heute!
       
       Aus Sorge, im Wahlkampf würde seine Homosexualität zum Thema, sagte
       Wowereit seinen berühmten Satz. Es war ein Signal zum Aufbruch, auch für
       Berlin.
       
 (DIR) Rückblick auf 40 Jahre taz Berlin: Vom Kampf gegen Betongold
       
       Berlin ist zum Eldorado für Investoren geworden, die Angst vor Verdrängung
       grassiert. Mieteninitiativen treiben die Politik vor sich her.
       
 (DIR) Rückblick auf 40 Jahre taz Berlin (III): Die tiefroten Jahre
       
       Ein Aufbruch mitten in der Untergangsstimmung: In den Nullerjahren ist die
       Stadt wirtschaftlich am Boden, die Subkultur hingegen obenauf.
       
 (DIR) Rückblick auf 40 Jahre taz Berlin (II): Die goldenen 90er
       
       Der Fall der Mauer öffnete Kreativen einen Spielplatz der Möglichkeiten in
       Ostberlin. Doch die Stadt und ihre Bewohner hatten ein Geldproblem.
       
 (DIR) Verhältnis zwischen Polizei und taz: Als der Schlagstock regierte
       
       Berlins Polizei versuchte, die Arbeit der taz zu behindern. Erst unter
       Rot-Rot setzt sie auf Dialog. Die Geschichte einer 40-jährigen Annäherung.
       
 (DIR) Rückblick auf 40 Jahre taz Berlin (I): Das schwarze Jahrzehnt
       
       Die CDU an der Macht, Bauskandale, Gewalt zwischen Polizei und Linken:
       Berlin drohte in den 80ern, in Ritualen zu erstarren. Dann kam der
       Mauerfall.
       
 (DIR) 15 Jahre „Arm, aber sexy“-Spruch: Und heute? Reich, aber öde!
       
       Klaus Wowereit prägte vor 15 Jahren den Slogan, Berlin sei „arm, aber
       sexy“. Die Menschen, die dadurch angelockt wurden, veränderten die Stadt.