# taz.de -- Neue Platte von Lucrecia Dalt: Ihre Stimme spielt Theater
       
       > Sie verwebt versponnene Klänge mit ihrer verfremdeten Stimme. Eine
       > Begegnung mit der Musikerin und Performerin Lucrecia Dalt in Berlin.
       
 (IMG) Bild: Hinterfragt ihre Stimme immer: Sängerin Lucrecia Dalt
       
       Auf dem Cover von [1][Lucrecia Dalts neuer Platte] mit dem Titel „No Era
       Sólida“ blickt ein Frauenkopf, dem die langen Haare ins Gesicht hängen, ins
       Nichts. Das Foto sieht aus wie die verwackelte Röntgenaufnahme eines
       Geistes. Die Musik auf dem dazugehörigen Album klingt nicht minder
       weltabgewandt und gespenstisch.
       
       Da ist es dann doch einigermaßen überraschend, wenn man Lucrecia Dalt in
       einem Café in Kreuzberg gegenübersitzt und sich mit einer durchweg fröhlich
       wirkenden, unkomplizierten und freundlichen Gesprächsparternin unterhalten
       kann.
       
       Geboren wurde Lucrecia Dalt in Kolumbien. Sie machte Station in Barcelona,
       bevor sie vor sechs Jahren nach Berlin gezogen ist. Aktuell lebt sie in
       Alt-Treptow, wo sie sich in ihrer Wohnung ein Zimmer als Studio
       eingerichtet hat. Sie erzählt, dass sie in einer sehr musikalischen Familie
       groß geworden sei. Sie lernte das Spielen auf der Gitarre, ihre Mutter und
       ihr Onkel waren passionierte Schallplattensammler. [2][Vor allem mit
       lateinamerikanischer Musik, etwa mit Cumbia], sei sie aufgewachsen. Obwohl
       ihr Englisch ziemlich geschliffen klingt, singt sie weiter auf Spanisch.
       
       Trotz all der Musik um sie herum und der frühen Begeisterung dafür hat sie
       erst Bauingenieurwesen studiert und in dieser Branche eine Zeit lang
       gearbeitet. Doch die Musik ließ sie nicht los. Sie begeisterte sich
       zunehmend für elektronische Musik und legte eine Zeit lang als DJ auf. Ihr
       Sound ging damals noch in Richtung Techno. Dann begann sie nebenbei selbst
       zu produzieren.
       
       ## Von der Bauingenieurin zur Künstlerin
       
       Vor 15 Jahren veröffentlichte die heute 40-Jährige ihr erstes von
       inzwischen sieben Alben und kündigte ihren Job als Bauingenieurin. Hat sie
       diesen Schritt angesichts der gerade ziemlich düsteren Zeiten für
       Künstlerinnen zuletzt mal bereut? „Nein, niemals. Kreativ zu sein ist das
       Beste, was man in seinem Leben tun kann“, lautet ihre klare Antwort.
       
       Sie findet, ihr gehe es als Künstlerin in Berlin vergleichsweise gut.
       Befreundete Musiker in den USA etwa dürften nicht mehr auftreten und
       bekämen keinerlei Unterstützung vom Staat. Sie dagegen gebe noch vereinzelt
       Konzerte und bekomme künstlerische Projekte finanziert.
       
       Dabei sei es natürlich auch hilfreich, dass sie sich nicht nur als
       Musikerin verstehe, sondern als Künstlerin. Auch als Performance-Artist und
       mit Soundinstallationen hat sie sich inzwischen einen Namen gemacht. „Je
       breiter man als Künstlerin aufgestellt ist in diesen Coronazeiten, desto
       besser“, denkt sie.
       
       Seit ihrem letzten Album vor zwei Jahren gilt Lucrecia Dalt als eine der
       führenden Figuren idiosynkratischer, avantgardistischer Elektronik. Sie
       verwebt versponnene Klänge auf ziemlich einzigartige Weise mit ihrer immer
       wieder anders verfremdeten Stimme. Heraus kommt dabei eine ziemlich
       fordernde Musik.
       
       ## Jazz zum Runterkommen
       
       „Meine neue Platte ist ein ziemlich intensives Album für diese Coronazeit
       geworden, das ist mir völlig klar“, sagt sie und gibt an, dass sie selbst
       in den letzten Monaten am liebsten Jazz, etwa von Alice Coltrane, gehört
       habe, um runterzufahren. Dabei soll es durchaus Menschen geben, die Alice
       Coltranes Cosmic-Jazz nicht unbedingt als typischen Sound zum Chillen und
       Abschalten begreifen.
       
       Besonders markant, auch im Vergleich zu ihrem letzten Album, ist der Gesang
       auf „No Era Sólida“, der sich permanent verformt und mit allerlei Effekten
       unterlegt wurde. Die Stimme, das ist die Behauptung von Lucrecia Dalt,
       stamme aber gar nicht von ihr, sondern von der Kunstfigur Lia, einer Art
       abgespaltenem Ich der Künstlerin. Lucrecia Dalt und Lia verhalten sich,
       wenn man so will, zueinander wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
       
       „Ich hinterfrage meine Stimme immer. Klingt sie auch gut genug? Durch das
       Pseudonym Lia befreie ich meine Stimme von mir selbst und sie kann sich
       besser entfalten“, so erläutert die Musikerin ihren Kunstkniff. Man solle
       Lia demnach „wie einen Theatercharakter begreifen, wo man als Schauspieler
       bei der Darstellung einer anderen Person ja auch seine Stimme und seine
       Bewegungen von sich selbst löst.“ Lucrecia Dalt sagt, sie liebe einfach
       Konzepte, auch um ihre Alben geschlossener wirken zu lassen. Auch deshalb
       gebe es auf „No Era Sólida“ diese Konversationen mit Lia.
       
       Die Arbeit und das Experimentieren mit dem Gesang möchte sie im nächsten
       Jahr weiter intensivieren, sagt sie. Sie habe vor, Duette zu singen. Mit
       anderen Menschen, nicht nur mit Lia.
       
       27 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
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