# taz.de -- Friedensnobelpreis bekanntgegeben: Krieg bringt Hunger bringt Krieg
       
       > Der Friedensnobelpreis 2020 geht an das Welternährungsprogramm, die
       > größte humanitäre Organisation der Welt.
       
 (IMG) Bild: Versorgung aus der Luft: Lebensmittelabwurf des Welternährungsprogramms im Südsudan, 2018
       
       Berlin taz | So falsch waren die Voraussagen vor der Vergabe des
       Friedensnobelpreises schon lange nicht mehr. Die meisten Auguren hatten die
       Klimakämpfer*innen von [1][Fridays for Future], die im Kampf gegen die
       Coronapandemie befindliche [2][Weltgesundheitsorganisation] oder eine*n aus
       der in letzter Zeit deutlich gestiegenen Anzahl verfolgter und inhaftierter
       Journalis*tinnen auf dem Zettel. An das Welternährungsprogramm (World Food
       Programme, WFP) der UNO dachte niemand.
       
       Dabei gehörte die 1961 gegründete und inzwischen größte humanitäre
       Organisation der Welt bereits im letzten Jahr beim Auswahlverfahren durch
       das Nobelpreiskomittee in Oslo zur Schlussrunde der letzten 3 von über
       1.000 vorgeschlagenen Kandidat*innen. Und wenn man sich anschaut, welche
       Organisationen und Personen aus dem UNO-System seit 1945 [3][bereits den
       Friedensnobelpreis erhalten] haben, dann war die Auszeichnung für das WFP
       schon lange überfällig.
       
       „Das WFP erhält den Friedensnobelpreis 2020 für seine Bemühungen im Kampf
       gegen den Hunger sowie für seinen Beitrag zur Verbesserung der
       Friedensbedingungen in Konfliktgebieten“, erklärte die Vorsitzende des
       Komitees, Berit Reiss-Andersen bei der Preis-Bekanntgabe. Zudem sei das WFP
       „eine treibende Kraft, um zu verhindern, dass Hunger als Waffe in Kriegen
       und Konflikten eingesetzt wird“.
       
       Im Jahr 2019 leistete das WFP humanitäre Hilfe für fast 100 Millionen Opfer
       von Hunger und Nahrungsmittelunsicherheit in 88 Ländern. Die vollständige
       Überwindung des Hungers in der Welt ist eines der 17 „nachhaltigen
       Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs), die 2015 von den
       194 Mitgliedstaaten der UNO-Generalversammlung beschlossen wurden und bis
       2030 umgesetzt werden sollen. Das WFP sei „das wichtigste Instrument der
       UNO, um dieses Ziel zu erreichen“, heißt es in der Preisbegründung.
       
       ## Null Hunger geht nur ohne Krieg
       
       Schon die im Jahr 2000 von der UNO verabschiedeten „Millenniumsziele zur
       Halbierung der weltweiten Armut“ bis zum Jahr 2015 sahen eine deutliche
       Senkung der Zahl der weltweit Hungernden vor. Doch das gelang nur
       unzureichend und im Wesentlichen nur aufgrund von Fortschritten in China,
       dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. In den Staaten des afrikanischen
       Kontinents, wo über 80 Prozent aller hungernden und mangelernährten
       Menschen dieser Welt leben, blieb deren Zahl fast unverändert oder stieg
       sogar an.
       
       Inzwischen steigen die Zahlen auch weltweit wieder auf rund 825 Millionen
       Menschen, darunter „2019 rund 135 Millionen Menschen, die unter akutem
       Hunger litten, die höchste Zahl seit vielen Jahren – ein Anstieg,der
       hauptsächlich durch Kriege und bewaffnete Konflikte verursacht wurde“,
       erklärte das Nobelpreiskomitee.
       
       „Die Verknüpfung zwischen Hunger und bewaffneten Konflikten“ sei „ein
       Teufelskreis. Kriege und Konflikte können zu Hunger und
       Nahrungsmittelunsicherheit führen, ebenso wie Hunger und
       Ernährungsunsicherheit zur Eskalation latenter Konflikte führen und den
       Einsatz von Gewalt auslösen können.“ Daher sei das in den nachhaltigen
       Entwicklungszielen proklamierte Ziel „Null Hunger auf der Welt“ nicht zu
       erreichen ohne die Beendigung von Kriegen und Gewaltkonflikten“.
       
       „Die Coronavirus-Pandemie hat ebenfalls zu einem starken Anstieg der Zahl
       der Hungeropfer in der Welt beigetragen“, heißt es in der Preisbegründung.
       Im Jemen, in der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, Südsudan und
       Burkina Faso habe die Kombination aus bewaffneten Konflikten und der
       Coronapandemie „zu einem dramatischen Anstieg der Zahl von Menschen
       geführt, die kurz vor dem Hungertod stehen“. Angesichts dieser
       Herausforderung habe das WFP seine Bemühungen zur Rettung von Menschenleben
       „in eindrucksvoller Weise gesteigert“, lobt das Nobelpreiskomitee die
       Organisation.
       
       ## Abhängigkeit von freiwilligen Zahlungen macht handlungsunfähig
       
       Zugleich warnt das Komitee, es drohe„eine weltweite Hungerkrise
       unvorstellbaren Ausmaßes, wenn das WFP und andere in der
       Nahrungsmittelhilfe engagierte Organisationen nicht die finanziellen Mittel
       erhalten, um die sie die Staatengemeinschaft ersucht haben“.
       
       Das WFP hat nur ein sehr kleines Festbudget. Über 90 Prozent aller zur
       Verfügung stehenden Mittel sind freiwillige Beiträge von Regierungen der
       194 UNO-Mitgliedstaaten oder von Wirtschaftsunternehmen und Stiftungen.
       Dieser Prozentsatz ist noch höher als bei der Weltgesundheitsorganisation,
       wo er bei 80 Prozent liegt.
       
       Diese starke Abhängigkeit von freiwilligen Finanzbeiträgen beschränkt die
       Handlungsfähigkeit des WFP in aktuellen Krisen – seien es
       Naturkatastrophen, Gewaltkonflikte oder bei der Versorgung von Flüchtlingen
       in großen Lagern, die das WFP zumeist gemeinsam mit dem
       UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) betreibt.
       
       Besonders folgenreich war diese Abhängigkeit zum Beispiel im Herbst 2014.
       Damals wandten sich WFP und UNHCR mit der dringenden Bitte um zusätzliche
       Finanzmittel an die Mitgliedsregierungen, um die damals über 3 Millionen
       syrischen Flüchtlinge in den Lagern in Jordanien, [4][Libanon] und Irak
       weiter ernähren zu können.
       
       ## Deutschland ist jetzt zweitgrößter Geber
       
       Auch bei der Bundesregierung wurden die Chefs der beiden UNO-Organisationen
       ab August 2014 mehrfach vorstellig. Vergebens. Das WFP musste die
       Nahrungsmittelversorgung für 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge ab 1.
       November 2014 zunächst um ein Drittel reduzieren und dann ab 1. Dezember
       sogar ganz einstellen.
       
       Das führte zu dem starken Anstieg de Zahl syrischer Flüchtlinge in
       Deutschland und anderen europäischen Ländern. Rund 90 Prozent der syrischen
       Flüchtlinge, die ab Ende 2014 in Deutschland und anderen europäischen
       Ländern registriert wurden, kamen nicht unmittelbar aus Syrien, sondern aus
       einem der Lager in Libanon und Jordanien, in denen sie zum Teil schon bis
       zu drei Jahre verbracht hatten, weil sie dort nicht mehr oder nicht
       ausreichend ernährt wurden.
       
       Dieses Versäumnis vom Herbst 2014 hat Kanzlerin Angela Merkel seitdem
       zumindest indirekt eingestanden. Deutschland ist nach den USA inzwischen
       der zweitgrößte Geldgeber des WFP.
       
       Neben Kriegen und der dadurch verursachten Vertreibung von Menschen benennt
       das WFP fünf weitere „Hauptursachen“ von Hunger und Mangelernährung: Armut,
       Klima- und Wetterveränderungen, fehlende Investitionen in die
       Landwirtschaft, Nahrungsmittelverschwendung sowie instabile Märkte.
       
       ## Nahrungsspekulation bleibt Tabuthema
       
       Warum Märkte „instabil“ sind, benennt das WFP allerdings nicht. Die
       Spekulation mit Nahrungsmitteln an den Börsen oder die Politik globaler
       Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé werden nicht kritisiert.
       
       Das WFP proklamiert zwar das Ziel, Nahrungsmittel für die Versorgung von
       Flüchtlingen oder anderen hilfsbefürftigen Menschen möglichst vor Ort bei
       lokalen Kleinbauern oder Produzenten einzukaufen. Ob und wie weit das
       tatsächlich geschieht, ist allerdings nicht immer nachvollziehbar – auch
       weil das WFP keine ausreichende Transparenz herstellt.
       
       Das Problem: Lokale Anbieter können die Nahrungsmittel nicht immer in der
       aktuell benötigten Menge herstellen und liefern oder nur zu höheren Preisen
       als große ausländische Nahrungsmittelkonzerne. Und unter dem Druck knapper
       Finanzmittel muss sich das WFP dann für den ausländischen Konzern
       entscheiden.
       
       9 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Zumach
       
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