# taz.de -- Ausstellung im Gropius Bau in Berlin: Eine Pfütze im Museum
       
       > Die Ausstellung „Down to Earth“ im Berliner Gropius Bau beschäftigt sich
       > mit Umweltfragen – und versucht, wenig ökologischen Schaden anzurichten.
       
 (IMG) Bild: Ebenfalls in der Ausstellung: Simryn Gill, „Four Atlases of the world and one of stars“, 2009
       
       Die Ausstellung „Down to Earth“ im [1][Gropius Bau] ist „unplugged“. Die
       Lichter bleiben ausgeschaltet, es gibt keine Videos, keine
       Flachbildschirme, keine eingeflogenen Künstler. Dafür einen ganzen Raum
       voller Erdreich sowie Bienenstöcke, Hochbeete und ein Repair-Café. Denn es
       geht um das Klima, die Umwelt, ihre Zerstörung und um unsere Rolle dabei.
       Den „Carbon-Footprint“ der Ausstellung so niedrig wie möglich zu halten,
       passt zum Thema. Stolz wird dem Besucher in der Broschüre zur Ausstellung
       vorgerechnet, wie viel Energie man gespart hat, seit im Gropius Bau
       LED-Lichter eingesetzt worden sind und dass 3,5 Prozent der verbrauchten
       Energie von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach kommt.
       
       Aber man braucht auch nicht unbedingt Elektrizität, um künstlerisch
       schlüssige Arbeiten zu produzieren. Es reicht, in einem der hohen, weiß
       gestrichenen Säle einen Monat lang keine Spinnweben zu beseitigen, die
       gerade jetzt am Ende des Sommers besonders ausdauernd gesponnen werden. Die
       Arbeit von Tomás Saraceno besteht lediglich aus einem kurzen, an die Wand
       geklebten Schreiben von einem gewissen „Spider“. Dem ist zu entnehmen, dass
       die Spinnweben, die sich in den nächsten Wochen unter der Decke bilden
       sollen, eine Leihgabe der internationalen Gemeinschaft der Spinnen ist –
       verbunden mit dem freundlichen Hinweis, dass Spinnen bereits seit 380
       Millionen Jahren auf der Erde leben, während der Mensch erst seit 200.000
       Jahren existiert.
       
       Auch die Arbeit „Neuköllner Pfütze“ von Kirsten Pieroth reduziert die
       künstlerische Formgebung auf ein Minimum. Die Künstlerin hat eine Lache in
       dem Stadtteil abgepumpt und sie in einem der Ausstellungsräume auf den
       Boden gekippt, wo sie nun mit ein paar Krümeln Scholle und einigen sanft in
       Regenbogenfarben irisierenden Benzinfleckchen Berliner Stadtnatur ins
       Museum bringt.
       
       Etwas Ähnliches hatten wohl auch Helen Mayer Harrison und Newton Harrison
       im Sinn, als sie 1988 den Vorschlag mit dem Titel „Trummerflora“
       ausarbeiteten, das Gelände des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers an der
       Wilhelmstraße gleich neben dem Gropius Bau verwildern und zuwuchern zu
       lassen. Ein Blick aus dem Fenster des Ausstellungsraums zeigt, wie es
       stattdessen gekommen ist: Der Pavillon der Topographie des Terrors steht
       auf einem Schotterfeld, um das praktisch keine Flora verblieben ist.
       
       Blumenerde für zu Hause 
       
       Auch Agnes Denes war 1982 eine Pionierin der ökologisch orientierten Kunst,
       als sie in Manhattan ein Weizenfeld anlegte, wie in der Ausstellung
       dokumentiert wird. Die Harrisons und sie stehen stellvertretend für eine
       ganze Armee an Künstlern wie Joseph Beuys, Klaus Rinke, Peter Fend oder
       Mierle Laderman Ukeles, die schon in den 70er und 80er Jahren die Fragen
       aufgriffen, mit denen sich „Down to Earth“ beschäftigt. Deprimierenderweise
       zeigen einige der heutigen Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen sind,
       dass sich Künstler nach wie vor an denselben Themen abarbeiten, wenn etwa
       Asad Raza industriell verseuchte Erde so aufarbeitet, dass man sie für den
       heimischen Blumentopf mit nach Hause nehmen kann.
       
       Die Ausstellung gehört zu den Veranstaltungen zum Phänomen der Immersion,
       die Thomas Obereder zum Leitmotiv seiner Intendanz bei den Berliner
       Festspielen gemacht hat. Darum gibt es neben den Exponaten ein dichtes
       Programm mit täglichen Performances, Vorträgen und Konzerten. Wer alles
       mitbekommen will, muss im Grunde in den Gropius Bau einziehen.
       
       Wegen dieses immensen Aufwands läuft die Ausstellung wohl auch nur einen
       Monat. Sie ist anregend, ohne anstrengend oder didaktisch zu werden. Es
       gibt künstlerische Hot Takes wie die beiden zersägten Sportwagen von Yngve
       Holen – ein gleichzeitig faszinierender und erschreckender Anblick. Und es
       gibt sinnliche und gleichzeitig komplexe intellektuelle Debatten
       aufgreifende Werke wie die Geruchsarbeit von [2][Sissel Tolaas], die
       maritime Aromen im Ausstellungsraum verbreitet.
       
       Ganz ohne Strom geht es letztlich aber doch nicht. Die Eintrittskarten
       kommen aus dem Computerdrucker. Und die Smartphones, mit denen am Eingang
       abgescannt wird, müssen auch produziert und aufgeladen worden sein. Die
       gute Absicht der Ausstellung ist klar, sie zeigt tolle Arbeiten und sie
       vermeidet den resignativen Unterton, der viele der Ausstellungen
       kennzeichnet, die uns das Konzept des Anthropozäns näherbringen wollen,
       aber letztlich davon handeln, dass man da sowieso nichts mehr machen kann.
       Bedrückenderweise macht sie gleichzeitig aber auch klar, dass es bei dem
       Lebensstil, den wir uns angewöhnt haben, schlicht kein ökologisch korrektes
       Leben im falschen gibt.
       
       2 Sep 2020
       
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