# taz.de -- Anne Helm über NSU 2.0 und Neukölln: „Ich bin eine Reizfigur für Rechte“
       
       > Anne Helm ist neue Chefin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.
       > Im Interview spricht sie über ihre Schulzeit, Nazi-Drohungen und die
       > Zukunft von R2G.
       
 (IMG) Bild: „Wir ruhen uns auf dem Mietendeckel nicht aus“, sagt Anne Helm, Politikerin der Berliner Linken
       
       taz: Frau Helm, als neue Fraktionschefin der Linken wollen Sie sicher über
       Ihre politischen Anliegen sprechen. Derzeit stehen Sie aber bundesweit im
       Fokus, weil Sie von Rechten bedroht werden. Stört es Sie sehr, wenn wir
       jetzt dennoch damit anfangen? 
       
       Anne Helm: Ja. Aber wir können das trotzdem gern machen. Natürlich sind die
       Drohungen nervenzehrend und rauben Energie. Aber das Thema
       Rechtsextremismus ist ja gleichzeitig ein politischer Schwerpunkt von mir.
       Ich gehe davon aus, dass das auch der Grund ist, warum ich im Fokus von
       Rechten und rechtsterroristischen Strukturen stehe.
       
       Wie ist denn die aktuelle Bedrohungslage? 
       
       Das Landeskriminalamt sagt, dass sich mit den [1][NSU-2.0-Drohschreiben]
       nichts an der Situation geändert hat. Ich muss davon ausgehen, dass
       diejenigen, die mir diese E-Mails schreiben, Kontakte zu Personen haben,
       die auch persönliche Observationen in Berlin betreiben – auch in meinem
       Wohnumfeld. Aber das ist auch nicht neu für mich, aber natürlich belastend.
       Die Drohmails kommen alle paar Nächte. Ich schaue morgens direkt, ob wieder
       was reingekommen ist.
       
       Was ist Ihre Erklärung dafür, dass vor allem öffentlich bekannte Frauen zur
       Zielscheibe werden? 
       
       Aus den E-Mails geht sowohl ein ideologischer Antifeminismus, als auch ganz
       direkte Frauenfeindlichkeit hervor. Frauen haben im völkischen Weltbild dem
       Volkserhalt zu dienen. Meinungsstarke Frauen stehen diesem Weltbild
       entgegen. Neonazis sehen Migrantinnen zudem als Gefahr für den Erhalt eines
       imaginierten Volkskörpers. Wir betroffenen Frauen müssen herhalten für
       sexualisierte Gewaltfantasien, die die Täter in ihren Formulierungen gern
       Geflüchtete oder People of Colour ausführen lassen. Diese Kombination von
       Rassismus und Sexismus erleben engagierte Frauen ganz oft.
       
       In verschiedenen Fällen wurden Daten von hessischen Polizeicomputern
       benutzt, um Informationen über Betroffene herauszufinden. Inwiefern ist das
       auch in Berlin Thema? 
       
       Datenabfischung aus Polizeicomputern oder auch das Durchstechen von
       Informationen an rechte bis rechtsterroristische Kreise müsste noch mal
       größer behandelt werden. In Berlin hatten wir mehrere ähnliche Fälle.
       Schlaglichter fielen darauf aber immer nur, wenn etwas herauskam: Wir
       hatten Drohschreiben von Polizisten in die linke Szene oder zuletzt den
       Fall eines Polizisten, der mutmaßlich Informationen an eine Chatgruppe
       weitergab, in der auch einer der Hauptverdächtigen der rechten
       Anschlagsserie in Neukölln war. Wir müssen das Problem mal strukturiert
       anschauen und uns vorlegen lassen, wie bei der Polizeidatenbank Poliks
       überhaupt die Kontrollmechanismen sind und welche Möglichkeiten zum
       Missbrauch es dort gibt.
       
       Sollte der Generalbundesanwalt zum Komplex NSU 2.0 ermitteln? 
       
       Laut hessischem LKA sind mehrere Bundesländer betroffen und es sollen
       mehrere Täter sein – wir haben es also mit einem Netzwerk zu tun. Die
       Staatsanwaltschaft in Hessen hat den Generalbundesanwalt dazu aufgefordert,
       den Fall zu übernehmen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum der sich nicht
       zuständig fühlt.
       
       Wurde Polizeiwissen auch benutzt, um Sie zu bedrohen? 
       
       Meine persönlichen Daten aus dem Drohschreiben kommen nicht von
       Polizeicomputern. Diese Art von Informationen sind nicht in solchen
       Systemen hinterlegt. Das haben sie wohl eher aus Observationen meines
       Wohnumfelds.
       
       Inwiefern? 
       
       Es gab schon früher Situationen, wo sich morgens zwei mir bekannte Neonazis
       an der Bushaltestelle links und rechts neben mich gesetzt haben und mir
       ruhig gesagt haben, dass sie wissen, in welchen Bus ich einsteige und wohin
       ich zur Arbeit fahre. Sie haben mich wissen lassen, dass sie ein
       Bewegungsprofil von mir erstellen. Außerdem wurde mein Briefkasten mal
       aufgesprengt und Post geklaut. Das wurde von der Polizei aber nicht
       politisch bewertet, sondern nur als Sachbeschädigung und Diebstahl. Das
       gehört alles zu den Einschüchterungstaktiken, die ganz gezielt gegen
       politisch Aktive in Neukölln gerichtet sind.
       
       Fühlen Sie sich von der Polizei ausreichend informiert und beschützt? 
       
       Mir geht es sicherlich besser als Betroffenen in Hessen, bei denen es
       überhaupt kein Sicherheitsgefühl mehr gegenüber der Polizei gibt. Ich bin
       auch in einer anderen Situation als Menschen, die Morddrohungen an ihre
       Familienmitglieder erhalten. Aber klar ist da ein Misstrauen. Erst recht,
       wenn sich das Gefühl aufdrängt, dass das Vertrauen der Polizisten in die
       hessischen Kollegen teilweise selbst gering ist. Deswegen wurde mir
       empfohlen, meine Telefonnummer nicht in der Anzeige wegen des
       Drohschreibens anzugeben.
       
       Wie bewerten Sie die Ermittlungen der Polizei zum Neukölln-Komplex? 
       
       Mindestens sind sehr viele Ermittlungsansätze verpasst worden. Es gibt aber
       auch Polizeibeamte, die das frustrierend finden. Der Zwischenbericht der
       Ermittlungsgruppe Fokus, die eingesetzt worden ist, um alles noch mal
       aufzurollen, war hauptsächlich ein Tätigkeitsnachweis. Das ärgert mich
       sehr. Es sind dann etwa Verbindungen zum Terroristen von Halle oder zum
       Mörder von Lübcke überprüft worden, um aufzuschreiben, dass man keine
       Verbindungen gefunden hat. Danach hat aber auch niemand gefragt.
       
       Wonach denn? 
       
       Nach Verbindungen zu anderen Neonazi-Strukturen, die für Betroffene und
       Beobachterinnen auf der Hand liegen, aber nicht überprüft wurden. Es gab
       etwa keine Untersuchungen von Verbindungen zu Anschlägen auf
       Asylunterkünfte oder andere Taten, die wir dem Komplex zuordnen. Zudem muss
       mindestens die auch öffentlich debattierte Situation aufgearbeitet werden,
       in der man hätte zugreifen können und es dann doch nicht getan hat. Der
       nicht verhinderte Anschlag auf Ferat Kocak war Versagen auf ganzer Linie.
       
       Braucht es zur Aufklärung einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss? 
       
       Ich glaube, es braucht so oder so externe Revision der Polizei. Aber man
       sollte hier vorsichtig sein mit den Erwartungen: Ein Untersuchungsausschuss
       kann keine polizeilichen Ermittlungen übernehmen. Aber er kann beleuchten,
       ob es ein strukturelles Problem bei der Polizei gibt und warum
       Ermittlungsansätze verpasst worden sind. Das kann man der Polizei nicht
       selbst überlassen. Und dafür fordern wir einen Untersuchungsausschuss oder
       als ersten Schritt zumindest einen Sonderermittler.
       
       Wieso ist es so schwierig, in Deutschland eine ehrliche Debatte über
       Probleme bei der Polizei zu führen? 
       
       Legitime Kritik wird immer als Angriff auf die Institution gewertet. Das
       halte ich für einen Fehler. Gerade zur Rechtfertigung der Institution und
       um das Vertrauen wiederherzustellen, wäre es notwendig, solche
       strukturellen Probleme aufzuarbeiten. Immerhin gibt es ja mittlerweile auch
       aus der sogenannten Polizeifamilie Stimmen, die strukturelle Diskussionen
       einfordern – vom Bund deutscher Kriminalbeamter zum Beispiel.
       
       Gibt es ein strukturelles Rassismusproblem in der Polizei? 
       
       Ja, selbstverständlich gibt es ein strukturelles Rassismusproblem in der
       Polizei. Und das ist nicht die einzige Institution, in der das so ist. Und
       da war nach der Selbstenttarnung des NSU der Stand der gesellschaftlichen
       Debatte schon mal sehr viel weiter. Aber damals wurden daraus die falschen
       Schlüsse gezogen – etwa indem die Ermittlungsbehörden noch mehr Kompetenzen
       erhalten haben.
       
       Hat die Bedrohungslage für Sie mit der Bomber-Harris-Protestaktion 2014
       begonnen, bei der sie dem britischen Luftwaffengeneral für die
       Bombardierung Dresdens mit einem Schriftzug auf ihrem nackten Oberkörper
       dankten? 
       
       Nein, das gab es schon vorher. Aber es hat stark zugenommen. Seitdem bin
       ich im deutschsprachigen Raum eine Reizfigur in rechten Netzwerken. Aber
       für die Neuköllner Nazi-Clique hat es auch davor schon gereicht, dass ich
       mich vor Ort engagiert habe. Die haben mich seit 2011 auf dem Schirm, wie
       Feindeslisten zeigen. Auch vor der Aktion in Dresden kannte ich
       rechtsmotivierte antifeministische Angriffe, Veröffentlichungen von
       privaten Informationen sowie koordinierte rechte Shitstorms.
       
       Wie gehen Sie damit um, dass diese Aktion immer wieder von Rechten für
       koordinierte Shitstorms hervorgekramt wird – wie zum Beispiel zuletzt vom
       AfD-Fraktionschef Georg Pazderski? 
       
       Es gehört eben zu meiner Biografie. Im Umgang damit habe ich viel über
       politische Kommunikation gelernt. Die Aktion sollte provozieren und
       wahrgenommen werden. Wir wollten dem Geschichtsrevisionismus der damaligen
       Nazi-Demo in Dresden ein deutliches Zeichen entgegensetzen und klarmachen,
       wer die Opfer dieses Krieges und wer die Täter waren. Aber ich habe
       gelernt, dass man nicht kontrollieren kann, in welchem Kontext etwas
       gelesen wird – und dass antifaschistische Gedenkpolitik nicht zynisch sein
       sollte.
       
       Sie sind in Südneukölln, in Britz zur Schule gegangen. Nazis sind dort seit
       Jahren präsent. War das damals auch schon so? 
       
       Ja. Die Nazi-Clique in Britz und Rudow kenne ich schon lange. Einer der
       Hauptverdächtigen der rechten Anschlagsserie kenne ich noch von damals: Wir
       haben uns als Schülerinnen die Gesichter von denen eingeprägt, um uns
       selbst zu schützen. Das ist wie auf dem Dorf: Man muss die örtlichen
       Nazi-Strukturen kennen, um sich zu schützen und im Zweifelsfall erkennen zu
       können, wer gefährlich ist.
       
       Hat Antifaschismus Sie politisiert? 
       
       Ja, aber meine Perspektive darauf war eher Ungleichheit: Ich habe erlebt,
       wie von Rassismus betroffene Klassenkameradinnen schlechtere Chancen hatten
       als ich, obwohl sie bessere Noten hatten. Vielen Mädchen, mit denen ich
       befreundet war, wurde zu Hause eingebläut, nicht wütend sein zu dürfen und
       nie zu fordernd zu sein. Sie sollten sich zurückhalten, auch wenn sie
       Rassismus erfahren. Das hat mich extrem geprägt.
       
       Nun aber mal genug von Rassismus und Nazis: Was sind die zentralen Dinge,
       die die Linke noch in dieser Legislatur erreichen will? 
       
       Uns geht es primär darum, Investitionen zu sichern. Man darf der Krise
       nicht hinterhersparen. Das ist die Lehre, die wir als Partei aus den
       letzten Krisen gezogen haben. Gerade jetzt müssen wir investieren, allein
       um den Arbeitsmarkt und die öffentliche Infrastruktur zu sichern und um sie
       für die Zukunft krisensicher zu machen.
       
       Das alles klingt ja jetzt nicht nach großen Visionen oder
       Leuchtturmprojekten. 
       
       Ja, das klingt vielleicht ein bisschen dröge. Und das sind vielleicht nicht
       die Lieblingsprojekte, mit denen wir gerne werben würden. Aber es ist
       entscheidend. Jetzt darf auf keinen Fall zulasten der sozialen
       Sicherungssysteme gespart werden, damit nicht die Menschen, die am ärgsten
       von der Krise betroffen sind, diejenigen sind, die am Ende die Zeche
       zahlen.
       
       Ziehen SPD und Grüne da mit? 
       
       Ich glaube, wir werden diesen Kampf gemeinsam führen. Hier sind die
       Konfrontationslinien anders gelagert: Als Parlamentarier und
       Haushaltsgesetzgeber müssen wir uns mit der Senatsverwaltung für Finanzen
       auseinandersetzen. Aber das werden wir. Wir haben als Parlament die Hoheit
       über den Haushalt. Ohne die Linke wäre dieser Kampf wahrscheinlich unter
       ganz anderen Voraussetzungen zu führen. Das ist die höchste Priorität für
       uns im Moment und auch die grundsätzliche Debatte in dieser Stadt.
       
       In was für einer Gesellschaft möchten Sie leben, was ist Ihre politische
       Utopie? 
       
       In einer Gesellschaft, in der Menschen emanzipiert von sozialen und
       ökonomischen Zwängen leben können. Wo sie eine tatsächliche
       Entscheidungsfreiheit haben, was ihre Lebensentwürfe sind. Zum Beispiel,
       wie und wo sie arbeiten, ob sie Familien gründen wollen. Das ist in der
       Realität gerade nicht der Fall.
       
       Verbessert Rot-Rot-Grün etwas daran? 
       
       Wir müssen Voraussetzungen schaffen, unter denen das möglich ist. Ich habe
       dann meinen Job gemacht, wenn es den Menschen besser geht und sie mehr
       Handlungsspielräume haben. Ganz konkret: Wenn Menschen aus einer beengenden
       Lebenssituation oder einer gewalttätigen Partnerschaft nicht rauskommen,
       weil sie es sich nicht leisten können, auszuziehen und versuchen müssen,
       den zehn Jahre alten Mietvertrag zu halten, ist das ein unerträglicher
       Zustand. Wenn wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen sich
       freier entscheiden können, unter welchen Umständen sie leben wollen, dann
       haben wir was richtig gemacht.
       
       Kommt Ihre Utopie ohne Schlagwörter wie etwa Sozialismus aus? 
       
       Das habe ich ja gerade versucht. Aber es gibt Vordenker und Ideen, auf die
       wir uns beziehen, und dazu gehören selbstverständlich auch Sozialistinnen
       und Sozialisten, auf deren Schultern wir stehen.
       
       Wollten Sie eigentlich schon immer Politikerin werden? 
       
       Nein. Nein!
       
       Wie kam es dann dazu? 
       
       Das kam erst beim Machen. Politisch war ich schon sehr früh. Aber ohne die
       Piratenpartei, bei der ich das Gefühl hatte, Teil einer Bewegung zu sein,
       mit der man tatsächlich etwas erreichen kann, wäre ich nicht in die
       Parteipolitik gegangen. Als ich dann aber in der Kommunalpolitik in
       Neukölln war, habe ich gemerkt, dass mich der parlamentarische Rahmen mehr
       interessiert hat, als ich dachte. Der erste Aha-Moment war, als wir auf
       Bezirksebene Milieuschutzgebiete eingeführt haben. Das war ein langer,
       zäher Kampf, den ich damals schon gemeinsam mit der Linken im Bezirk
       geführt habe, aber als es geschafft war, haben wir eine reale Verbesserung
       für die Nachbarschaft erreicht. Das war einfach ein gutes Gefühl.
       
       Als Synchronsprecherin waren Sie gut im Geschäft, nun sind sie
       Fraktionsvorsitzende. Fällt es Ihnen schwer, ihre Arbeit aufzugeben? 
       
       Über den Sommer muss ich noch ein paar Serien vernünftig zum Abschluss
       bringen. Ich liebe diesen Job und werde ihn vermissen, weil er
       abwechslungsreich ist und Spaß macht. Man kann als Synchronsprecherin sehr
       emotional sein, was man in der Politik lieber nicht sein sollte. Deswegen
       war das immer ein guter Ausgleich.
       
       Wie gut hat Sie das Synchronsprechen darauf vorbereitet, als Politikerin
       Reden zu halten? 
       
       Leute sagen mir, dass ich eine schöne Stimme habe, aber ansonsten
       erstaunlich wenig. Es ist etwas ganz anderes, eigene Überzeugungen auf
       einer Demo oder im Parlament zu artikulieren. Was ich aber gelernt habe,
       ist zuhören und verstehen, wie Menschen Bedürfnisse artikulieren. Diese
       Nuancen wahrzunehmen ist ein großer Teil der Arbeit als Synchronsprecherin.
       
       Wie war es, im Alter von neun Jahren ein „Schweinchen namens Babe“ zu
       sprechen? 
       
       Das war natürlich geil. Das war ein sehr süßer Film. Da hatte ich auch,
       anders als sonst, wo ich versuche, der Originalschauspielerin möglichst
       nahe zu kommen, sehr viel kreative Freiheit. Im australischen Original wird
       Babe von einer erwachsenen Frau und nicht von einem Kind gesprochen. Die
       Mimik des Schweins war auch nicht übermäßig computeranimiert, es war
       größtenteils einfach nur ein Schwein. Insofern hat die Stimme eine ganze
       Menge vom Charakter dieser Figur ausgemacht.
       
       Sie sind die ersten Jahre in Treptow aufgewachsen, nach der Wende dann in
       Neukölln. Ist diese Ost-West-Vergangenheit irgendwie wichtig für Sie? 
       
       Das ist biografisch prägend. Meine Mutter war Buchhändlerin und erlebte in
       ihrem Freundeskreis zahlreiche staatliche Repressionen. Insofern gab es
       eine große Skepsis, Vorbehalte und Verletzungen gegenüber der Partei – auch
       wenn wir ein linker Haushalt waren. Entsprechend war es für mich zunächst
       nicht naheliegend, zur Linken zu gehen, obwohl ich linke Ideen und Ziele
       hatte. Ebenso sind mir Erfahrungen von Menschen bewusst, die nach der Wende
       das Gefühl hatten, dass ihre Lebensleistung nicht anerkannt wird. Sie
       mussten erleben, dass das, was gestern richtig war, auf einmal falsch ist,
       und hatten keine Zukunftsperspektiven mehr. Auch kenne ich etwa das Konzept
       Hausfrau überhaupt nicht – mit dieser Option bin ich einfach nicht
       aufgewachsen.
       
       Die Piraten hatten ein besonderes Demokratieverständnis. Sie und Carsten
       Schatz sind von der bisherigen Fraktionsführung als Nachfolger auserkoren
       worden. Können Sie die Kritik daran nachvollziehen? 
       
       Kann ich, aber ich glaube das Gegenteil wäre ihnen auch zum Vorwurf gemacht
       worden. Gerade in dieser schwierigen Lage, mitten in der Pandemie, war es
       verantwortungsvoll, Vorschläge zu machen, wie es weitergeht. In der
       Kommunikation ist da ein bisschen was schiefgegangen, was sich im
       Nachhinein schwierig heilen lässt. Aber die Fraktion zeichnet offenen
       Austausch und Miteinander aus, das werden wir fortsetzen.
       
       Haben Sie beide sich selber beworben? 
       
       Wir sind angesprochen worden und auch ziemlich kurzfristig.
       
       Sie sind am Ende [2][mit 16:9 Stimmen gewählt] worden. War das eine
       Enttäuschung? 
       
       Nein, das interpretiere ich nicht so. Ich hatte eine Gegenkandidatin, und
       das Ergebnis ist klar genug, dass ich eine Unterstützung habe. Ich verstehe
       auch, dass ich nicht von allen Vorschussvertrauen bekomme, schließlich war
       es auch nicht die naheliegendste Option, dass ich in meiner ersten
       Legislaturperiode so einen Job übernehme. Damit kann ich umgehen.
       
       Bislang waren Sie Sprecherin für Strategien gegen Rechts und Medien. Müssen
       Sie als Fraktionsvorsitzende jetzt Generalistin sein? 
       
       Ja. Ich versuche mir gerade in allen Bereichen einen Überblick zu
       verschaffen. Wir treffen gerade möglichst viele relevante Akteure in der
       Stadt, ich lasse mich aus den Fachbereichen beraten und schaue, welche
       Entscheidungen anstehen. Niemand erwartet von mir, dass ich eine
       Spezialistin in jedem Gebiet werde, aber die großen Linien müssen stimmen.
       
       Gelingt es Ihnen als junge Fraktionsvorsitzende, sich gegen die
       Schwergewichte aus der Regierung oder den erfahrenden anderen
       Fraktionschefs durchzusetzen? 
       
       Es erwartet niemand, dass Carsten Schatz und ich Udo Wolf und Carola Bluhm
       ersetzen oder im gleichen Stil weitermachen. Wir sind andere Personen. Ich
       wundere mich aber über die Frage, ob ich mich durchsetzungsfähig in der
       Koalition fühle, weil ich das gar nicht als Problem sehe. Ich fühle mich
       durchaus gewappnet, auf Augenhöhe mitzureden.
       
       Wie ist das Verhältnis zu den Fraktionsvorsitzenden der SPD und Grünen? 
       
       Ganz gut. Das ist eine vernünftige Arbeitsatmosphäre. Wir haben uns auch
       erst mal Zeit für eine Kurzklausur genommen. Uns ist auch bewusst, dass es
       bald in den Vorwahlkampf geht und das Bedürfnis, sich abzugrenzen, steigen
       wird. Aber es ist auch klar, dass wir ein gemeinsames Zeugnis ausgestellt
       bekommen. Deswegen kann sich niemand freuen, wenn eine Senatorin oder ein
       Senator mit einem Projekt scheitert.
       
       Und nach der Wahl soll es mit R2G weitergehen? 
       
       Ich glaube, dass wir unsere Arbeit fortsetzen müssen. Interessant wird, wie
       sich die Koalition verändern wird. Selbstverständlich haben wir den
       Anspruch, den Regierenden Bürgermeister zu stellen. Das ist das, wofür wir
       kämpfen werden.
       
       Wird es zum Knackpunkt bei der Wahl, ob der Mietendeckel bis dahin noch
       besteht? 
       
       Das ist ein relevanter Punkt. Der Mietendeckel ist ein Stimmungsbarometer
       für linke Mehrheiten in dieser Stadt, gesellschaftlich und parlamentarisch.
       Aber man darf nicht alles nur auf diese eine Karte setzen. Der Deckel ist
       erst mal eine Verschnaufpause, um Handlungsspielräume zu gewinnen. Wir
       ruhen uns auf dem Mietendeckel nicht aus: Andere Instrumente zur
       Regulierung des Mietmarktes, auch bei Gewerbemieten, müssen wir trotzdem
       vorantreiben. Eines davon kann auch die Vergesellschaftung großer
       Wohnungskonzerne sein. Sollte der Mietendeckel nur in Teilen halten, wird
       sich die Debatte ohnehin stärker darauf fokussieren, und das auch zu Recht.
       Damit ist man auf einer ganz anderen Gesprächsebene über die Frage, wie ein
       fairer Mietmarkt aussieht.
       
       1 Aug 2020
       
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 (DIR) Berliner Linke Katrin Lompscher: Mutter des Mietendeckels geht
       
       Wegen Fehler in ihrer Steuererklärung ist die Berliner Bausenatorin Katrin
       Lompscher zurückgetreten. Sie war als Vorkämpferin für linke Mietpolitik
       bekannt geworden.
       
 (DIR) Datensammlungen von Neonazis in Berlin: Auf der Feindesliste
       
       Rechtsextreme sammeln seit Jahren Daten über politische Gegner:innen. Viele
       Betroffene werden derzeit durch das LKA darüber informiert.
       
 (DIR) Expertin über Frauenhass und Rassismus: „Feminismus als Feindbild“
       
       Besonders Frauen haben in den letzten Wochen rechtsextreme Drohungen,
       unterzeichnet mit NSU 2.0, bekommen. Das ist kein Zufall, sagt Eike
       Sanders.
       
 (DIR) Hessischer Polizeiskandal: Brecht die Schweigemauer!
       
       Prominente Frauen werden bedroht – mit Daten, die offenbar von
       Polizeicomputern abgerufen wurden. Ein ungeheuerlicher Vorgang.