# taz.de -- „Kiezblock“ kommt in Reinickendorf: New Kiez on the block
       
       > „Kiezblocks“ halten Autoverkehr aus Vierteln heraus, das Konzept wird
       > immer populärer. Im beschaulichen Hermsdorf haben es BürgerInnen
       > erstritten.
       
 (IMG) Bild: Mit viel Farbe, aber auch „menschlichen Pollern“ warb die Initiative Ende Juni für die Straßensperre
       
       Wenn mal kein Auto kommt, wohnt Michael Ortmann in der ruhigsten Ecke
       Berlins. Ganz oben im Reinickendorfer Norden, direkt an der Landesgrenze,
       fällt das Sonnenlicht durch dichte Lindenkronen und auf die Dächer der
       Einfamilienhäuser. Gleich um die Ecke liegt der kleine Hermsdorfer Waldsee,
       Erich Kästner hat hier mal ein paar Jahre gewohnt. Sonst ist in dieser
       Gegend angenehm wenig los.
       
       Allerdings kommen fast immer Autos. Vor allem an Wochentagen schieben sie
       sich durch das Waldseeviertel, verstopfen die schmalen Straßen, lassen sich
       nicht vorbei, hupen, bremsen, fahren an. Das zerrt an den Nerven: „Nicht
       der Lärm ist das eigentliche Problem, sondern die Aggression“, sagt Ortmann
       auf einem Spaziergang durch den Kiez, „die Leute stehen sich Nase an Nase
       gegenüber und schreien sich an, dabei wohnen sie fünf Kilometer weiter
       nebeneinander im Grünen.“
       
       Das Problem: Die Schildower und die Elsestraße, die nach Glienicke/Nordbahn
       gleich nebenan führen, wurden nach dem Mauerfall im Gegensatz zu anderen
       Nebenstraßen für den Autoverkehr geöffnet. Seit vielen Jahren dienen sie
       PendlerInnen als Schleichweg in die Berliner Innenstadt, und es werden
       immer mehr – immerhin hat sich die Bevölkerung der Nachbargemeinde seit
       1990 vervierfacht. Anstatt die von der Verkehrsplanung vorgesehene Route
       über die B96 zu nehmen, versuchen sie, ein paar Minuten zu sparen.
       
       Ob das im Einzelfall funktioniert, ist fraglich, schließlich versuchen es
       ja so gut wie alle. Das Nachsehen haben in jedem Fall die BewohnerInnen des
       Waldseeviertels, aber auch der Wohnstraßen auf Glienicker Seite, die keine
       Lust auf Gebrumm, schlechte Stimmung und erhöhtes Unfallrisiko haben: „Die
       Polizei hat hier mal Geschwindigkeitsmessungen durchgeführt“, sagt Ortmann,
       „dabei wurde im Schnitt 44 Stundenkilometer gefahren – in der
       Tempo-30-Zone!“ Den Vogel schoss ein Fahrer mit 93 km/h ab.
       
       AnwohnerInnen auf beiden Seiten der Landesgrenze, die das nicht mehr
       ertragen wollten, wurden schon 2011 aktiv, erzählt die Rechtsanwältin
       Susanne Tiefenthal, die gleich hinter dem gelben Ortsschild auf Glienicker
       Seite wohnt. „Damals ist aber alles verhallt. Die Gemeinde
       Glienicke/Nordbahn hat bis heute kein Interesse, das zu ändern – es ist ja
       für viele ganz komfortabel und somit auch gewünscht.“
       
       ## Transparente an Gartenzäunen
       
       Aber der Leidensdruck blieb. 2014 [1][gründete sich beiderseits des
       einstigen Grenzstreifens die Bürgerinitiative „Schildower Straße“].
       Jahrelang versuchte sie, sich Gehör zu verschaffen, sprach mit
       PolitikerInnen, hängte Transparente an ihre Gartenzäune: „Ihr krasser
       Irrtum: Dies ist keine Durchfahrtstraße!“ Die AutofahrerInnen ignorierten
       es, die Glienicker Gemeindevertretung schaltete auf Durchzug, nur
       Reinickendorf reagierte – ein bisschen. Mit Pollern und Kunststoffschienen
       wurden die Straßen verengt, gebracht hat es nichts.
       
       Das Ziel der Initiative: Die Schildower Straße soll für den privaten
       Autoverkehr geschlossen werden, nur noch FußgängerInnen, Fahrräder und
       Einsatzfahrzeuge sollen durchkommen. Geht gar nicht, finden die
       GegnerInnen: Die Verkehrsströme seien durch die Berliner Straße, wie die
       B96 hier oben heißt, gar nicht zu bewältigen.
       
       Um das Gegenteil zu beweisen, führte die Initiative eine eigene
       Verkehrszählung durch und kalkulierte den Durchfluss auf der
       Hauptverkehrsstraße, ohne Schleichweg. Dass Ortmann Mathematikprofessor an
       der Beuth-Hochschule ist, schadete dabei nicht. „Unsere Untersuchung hat
       ergeben, dass zwei Drittel des Berufsverkehrs über die Nebenstraßen
       verlaufen“, sagt er, „und ich habe nach den Regeln der Kunst ausgerechnet,
       dass der Verkehr auf der B96 keineswegs zusammenbricht, solange man dort
       die Umlaufzeiten der Ampeln erhöht.“
       
       Den Durchbruch brachte dann Ende vergangenen Jahres die Unterstützung durch
       Berlins rührigsten Mobilitätsverein, Changing Cities e. V.: „Die trommeln
       ja für ihr Konzept der Kiezblocks und meinten: Hey, was ihr da wollt, das
       ist ja auch einer“, erinnert sich Ortmann: „Und weil mittlerweile in
       Glienicke der Widerstand gegen unsere Kampagne wuchs, konnten wir einen
       großen Bruder ganz gut gebrauchen.“
       
       ## Ungewünschten Verkehr einfach rausfiltern
       
       Changing Cities und seine „fahrradfreundlichen Netzwerke“ in den Bezirken
       [2][sehen in Kiezblocks einen Schlüssel für die Verkehrswende]. Die Idee
       ist simpel: Kieze sollen durch den physische Barrieren vom
       Pkw-Durchgangsverkehr befreit werden. Autos gelangen im Prinzip weiterhin
       überall hin, müssen aber über den Weg zurück, auf dem sie gekommen sind.
       Weil Fahrräder passieren können, dank technischer Lösungen wie versenkbarer
       Poller aber auch der BVG-Bus oder der Krankenwagen, ist von „Modalfiltern“
       die Rede – sie sortieren nur unerwünschte Verkehrsarten aus.
       
       „Kiezblocks sind ein sehr wirksames, kostengünstiges Instrument, das den
       Verkehr effektiv und eindeutig lenkt“, sagt Changing-Cities-Sprecherin
       Ragnhild Sørensen. Dem Bild einer Stadt voller Sackgassen tritt sie
       entgegen: „Es geht nicht darum, dass sich die Leute nicht mehr fortbewegen
       sollen. Mit einer Stärkung des Umweltverbunds, wie sie im Mobilitätsgesetz
       festgeschrieben ist, werden die Wege kiezblockübergreifend schneller,
       bequemer und sicherer.“ Also attraktive Fuß- und Radwege und ein gutes
       ÖPNV-Angebot, wie es das Gesetz von 2018 ohnehin vorschreibt.
       
       Die Kiezblock-Idee ist die Berliner Version eines [3][Verkehrskonzepts, mit
       dem in Barcelona schon länger experimentiert wird]. „Superblocks“
       („Supermanzanas“ auf Spanisch oder „Superilles“ auf Katalanisch) werden sie
       dort etwas metropolentauglicher genannt. Fünf davon gibt es bereits,
       Hunderte sollen es einmal werden. Nach Angaben des Ajuntament, der
       Stadtverwaltung, sind die Erfolge der ersten Blocks eindeutig: Um bis zu 82
       Prozent sei der Autoverkehr in den Straßen des Sant-Antoni-Superblocks
       zurückgegangen, heißt es auf ihrer Webseite. Dafür flanieren dort mehr
       Menschen und genießen die feinstaubreduzierte Luft.
       
       So neu ist die Idee mit den Modalfiltern in Berlin übrigens nicht: Schon
       2003 wurde eine Diagonalsperre im Neuköllner Richardkiez angebracht, um den
       Schleichverkehr zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße zu unterbinden.
       Nach einem Jahr war es schon wieder vorbei damit: Es hatte zu viele
       Beschwerden gegeben. Stattdessen führte man Tempo 10 im alten Rixdorfer
       Ortskern ein. Daran hält sich kein Mensch.
       
       Vermutlich ist jetzt einfach die Zeit reif. Als Changing Cities im November
       zu einem Workshop in Pankow einlud, auf dem potenzielle Kiezblocks
       vorgeschlagen werden sollten, kamen über hundert Interessierte.
       Anschließend ging eine Liste mit 18 Blocks an das Bezirksamt – was dieses
       daraus macht, ist offen.
       
       So wie die Zukunft des Kreuzberger Bergmannkiezes: Nach der umstrittenen
       Begegnungszone mit ihren dottergelben „Parklets“ und den berüchtigten
       „grünen Punkten“ sprach sich bei einer AnwohnerInnenbefragung im Herbst
       eine [4][Mehrheit überraschend für die komplette Verkehrsberuhigung des
       Kiezes] rund um den Marheinekeplatz aus. Der damalige Verkehrsstadtrat
       Florian Schmidt versprach ein Konzept. Kurz darauf ging die Zuständigkeit
       an Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann über, und dann kam auch noch
       Corona.
       
       Zurzeit ist vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nicht mehr zu erfahren,
       als dass die Ergebnisse der Befragung „von der Fachabteilung bearbeitet“
       werden. Derweil startete an anderer Stelle schon eine neue Initiative: ein
       Einwohnerantrag für einen Kiezblock zwischen Görlitzer Park und
       Landwehrkanal. Damit sich die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) damit
       befasst, müssen 1.000 Unterschriften gesammelt werden – was kein Problem
       sein dürfte.
       
       Zurück ins Waldseeviertel: Hier haben die AnwohnerInnen um Michael Ortmann
       und Susanne Tiefenthal mittlerweile einen Erfolg erkämpft: Die
       [5][Reinickendorfer BVV empfahl dem Bezirksamt] im Mai ohne Gegenstimmen,
       „temporäre Modalfilter (zum Beispiel in Form von massiven Blumenkübeln) zu
       installieren“. Die Ampelschaltungen auf der B96 sollten optimiert werden,
       dann solle eine offizielle Verkehrszählung Erfolg oder Misserfolg des
       Verkehrsversuchs prüfen.
       
       Enthalten hat sich allein die SPD – offenbar aus Rücksicht auf die Genossen
       in Glienicke/Nordbahn. Die halten von der Maßnahme noch weniger als die
       anderen KommunalpolitikerInnen jenseits der Doppelreihe aus
       Pflastersteinen, die die einstige Grenze zwischen Westberlin und DDR
       markiert. Letztere dient übrigens den Durchfahrt-Fans als
       Gratis-Argumentationshilfe: Die Wessis wollen die Mauer wieder aufbauen!
       
       ## Die Mauer war etwas anderes
       
       Michael Ortmann findet solche Aussagen absurd: „Mauer und Grenzzaun waren
       dann doch noch etwas anderes als ein Verkehrshindernis für Autos“, sagt er.
       „Wer diesen Vergleich bemüht, verhöhnt letztlich die Menschen, die an
       dieser Grenze gestorben sind.“
       
       Passiert ist in der Schildower Straße seit dem BVV-Beschluss noch nichts.
       Das liegt daran, dass das Bezirksamt dem Prinzip „Verkehrsversuch“ zu
       misstrauen scheint und das Ergebnis im Grunde schon vorher erfahren will:
       „Bevor dieser Aufforderung nachgekommen werden kann, müssen die
       Auswirkungen auf das umliegende Straßennetz untersucht werden“, teilt
       Bezirksstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) der taz mit. „Daher lässt
       das Bezirksamt ein Verkehrsgutachten über die aktuellen Verkehrszahlen
       ermitteln, eine Prognose aufstellen und untersuchen, wie sich die
       Verkehrsströme neu ausbilden und wie diese das vorhandene Straßennetz
       belasten würden.“
       
       Man ist im Reinickendorfer Rathaus aber auch auf Rechtssicherheit bedacht:
       Die GegnerInnen wollen vors Verwaltungsgericht ziehen, wenn die Blumenkübel
       aufgestellt werden. „Dass das Bezirksamt hier vorbauen will, dafür haben
       wir Verständnis“, sagt Michael Ortmann. „Aber nach so vielen Jahren wollen
       wir unbedingt verhindern, dass das Thema wieder auf die lange Bank
       geschoben wird.“
       
       23 Jul 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.schildower-strasse.de/
 (DIR) [2] https://changing-cities.org/kampagnen/kiezblocks/
 (DIR) [3] https://ajuntament.barcelona.cat/superilles/es/
 (DIR) [4] /Bergmannstrasse-veraendert-sich/!5623458/
 (DIR) [5] https://changing-cities.org/wp-content/uploads/2020/05/DRS-2487XX-gemeinsamer-Antrag.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Changing Cities
 (DIR) Kiezblock
 (DIR) Verkehrswende
 (DIR) Reinickendorf
 (DIR) Bürgerinitiative
 (DIR) Öffentlicher Raum
 (DIR) Kiezblock
 (DIR) Verkehrspolitik
 (DIR) Verkehrswende
 (DIR) Changing Cities
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Hamburger Parklets-Projekt startet: Parkst du noch oder lebst du schon?
       
       Mit Hilfe von „Parklets“ soll in Hamburg-Eimsbüttel mehr öffentlicher Raum
       geschaffen werden. Die FDP beklagt zum Projektstart fehlende Parkplätze.
       
 (DIR) Verkehrswende mit Kiezblock: Kein Durchkommen
       
       Schlupflöcher sperren, Schleichwege unterbinden: Gut platzierte Poller wie
       der am Neuköllner Richardplatz können für Verkehrsberuhigung sorgen.
       
 (DIR) Streit um Radweg auf Berliner Brücke: Zwei Meter reichen nicht
       
       Zu schmal, zu gefährlich: Die Radspur auf der Oberbaumbrücke zwischen
       Friedrichshain und Kreuzberg wird nach Druck von Aktivist*innen
       verbreitert.
       
 (DIR) Berliner Mobilität ohne Auto: „Das ist nicht wirklich eingelöst“
       
       Zwei Jahre Mobilitätsgesetz, und nun? Drei Verkehrs-ExpertInnen bilanzieren
       – und loten aus, welche Konflikte auch jenseits des Autoverkehrs lauern.
       
 (DIR) Initiative stellt Forderungen an Senat: Weniger Autos, besserer Verkehr
       
       Mobilitäts-AktivistInnen wollen die Zahl privater Autos in Berlin radikal
       senken. Die erste Reaktion der Verkehrsverwaltung klingt nicht abgeneigt.