# taz.de -- 20 Jahre Erneuerbare-Energien-Gesetz: Erstens Sonne, zweitens Wind
       
       > Seit 20 Jahren gibt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nun steht die
       > Energiewende unter Druck. Dabei könnte es so einfach sein.
       
 (IMG) Bild: Sie wollen schnell mehr Windkraft: Demonstrant*innen vor dem Kanzleramt im März 2020
       
       Berlin taz | Heftige politische Kämpfe gibt es heute um fast jedes neue
       Windrad. Anwohner*innen regen sich auf, es wird demonstriert und geklagt,
       Verwaltungen fordern ein Gutachten nach dem anderen. Und auf Bundesebene
       können sich Union und SPD nicht darüber einigen, wie groß künftig der
       [1][Abstand zwischen Windkraftwerken und Siedlungen] sein soll.
       
       Dabei ließe sich die Sache relativ einfach gestalten. Denn trotz der
       Regierungsplanung, den Ökostrom-Anteil von heute etwa 42 Prozent bis 2030
       auf 65 Prozent zu steigern, werden dafür wohl nicht erheblich mehr
       Windräder an Land benötigt. Der Grund: Die modernen Anlagen können mehr
       Energie liefern als die alten. Und für zusätzliche Photovoltaikmodule auf
       Hausdächern und Freiflächen gibt es jede Menge Platz – wenn die Gesetze den
       Ausbau erleichterten, statt ihn zu behindern.
       
       Vor 20 Jahren ging es plötzlich schnell. Zum 1. April des Jahres 2000 setze
       die damalige rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz
       (EEG) in Kraft und löste den Boom des Ökostroms aus. Dieser durfte mit
       Vorrang in die Netze eingespeist werden. Betreiber von Wind- und
       Solaranlagen erhielten eine feste Vergütung, die deutlich über dem
       Marktpreis lag. Das schuf Investitionssicherheit.
       
       Nach Berechnungen der Organisation [2][Agora Energiewend]e müssten, um das
       65-Prozent-Ziel bis 2030 zu erreichen, von nun an jährlich Windräder an
       Land mit einer Leistung von 4,1 bis 5,1 Gigawatt (Milliarden Watt)
       hinzugebaut werden. Damit kämen in den nächsten zehn Jahren 41 bis 51
       Gigawatt Wind dazu, wodurch sich die Gesamtleistung in etwa auf rund 100
       Gigawatt verdoppelte. Bei der Solarenergie müssten laut Agora 5,8 bis 10
       Gigawatt (GW) jährlich errichtet werden, insgesamt also 58 bis 100 GW. Das
       liefe im Vergleich zu heute auf eine Verdoppelung oder Verdreifachung
       hinaus.
       
       ## Keine Verspargelung der Landschaft
       
       Was heißt das für die [3][Windkraft] an Land konkret – ist mit der
       sogenannten Verspargelung der Landschaft zu rechnen? Eher nicht. Nimmt man
       an, dass die Leistung der zusätzlichen Windanlagen auf durchschnittlich 4
       Megawatt (MW) steigt, braucht man 12.500 neue Rotoren, um die benötigten 50
       GW bereitzustellen. Gleichzeitig werden viele der heute rund 30.000
       bestehenden Anlagen durch stärkere ersetzt, wodurch ihr Bestand auf etwa
       20.000 sinken dürfte.
       
       Unter dem Strich könnte das für die kommenden zehn Jahre bedeuten: 20.000
       alte plus 12.500 neue macht 32.500 im Vergleich zu derzeit 30.000. „Im
       Ergebnis bleibt die Zahl der Anlagen also in etwa gleich“, sagt Thorsten
       Lenck von Agora. Allerdings räumt er ein, dass die Windparks künftig mehr
       Fläche einnehmen – und zwar etwa das 1,7-fache der heutigen Ausdehnung.
       Erklärung: Die Rotoren werden stärker, größer und höher, weshalb sie
       drumherum mehr Platz brauchen.
       
       ## Genug Flächen für Solarenergie
       
       Und wie sieht es für die Entwicklung der Solarenergie aus? Unterstellt, es
       kommen bis 2030 etwa 100 Gigawatt Photovoltaikmodule in Deutschland hinzu,
       könnte man sie je zur Hälfte auf Hausdächern und Freiflächen errichten.
       Aber sind diese Flächen überhaupt vorhanden? „Ja“, sagen Experten,
       „locker“.
       
       Etwa Harry Wirth vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in
       Freiburg beziffert „das Potenzial für Dachanlagen auf 387 Gigawatt“. Da
       sollte es grundsätzlich kein Problem darstellen, 50 GW zusätzlich auf den
       Dächern von Wohnhäusern, Fabriken, Baumärkten oder Verwaltungsgebäuden
       unterzubringen. Und was die Freiflächen betrifft, verweist Wirth auf eine
       Studie für das Bundesverkehrs- und Digitalministerium (BMVi). Demnach
       stehen genug Flächen beispielsweise in der Landwirtschaft zur Verfügung, um
       bis zu 226 Gigawatt Solarleistung anzubieten. „Mit Agrophotovoltaik lassen
       sich Landwirtschaft und Stromproduktion auf derselben Fläche kombinieren“,
       so Wirth. Einige Nutzpflanzen würden kaum weniger Ertrag bringen, wenn sie
       unter Sonnenmodulen wüchsen, andere sogar mehr.
       
       ## Irre kompliziertes Stromgesetz
       
       So scheint sowohl der Wind- als auch der Solarausbau bis 2030 grundsätzlich
       keine Hürde zu sein. Wobei es politisch sinnvoll sein mag, sich mehr auf
       Sonne als auf Wind zu konzentrieren. Möglicherweise sind bei dieser
       Variante weniger Konflikte zu erwarten. Photovoltaikanlagen fallen nicht so
       störend auf wie die riesigen Rotoren, die Hügel und Horizonte garnieren. Im
       Gegenteil lassen sich die Module in vielen Fällen nutzen, um brachliegende
       Flächen zu verwenden. Von der Straße sind die Dächer von Fabriken,
       Bürohäusern und Wohnblöcken oft nicht einzusehen, der Ausblick wird nicht
       verschandelt.
       
       Sowieso ist es erstaunlich, dass bisher so wenige Gebäudedächer vor allem
       in Städten mit Solaranlagen belegt sind. Das liegt unter anderem an dem
       irre komplizierten Mieterstromgesetz, das Produzenten von Dachstrom
       verpflichtet, erstmal ein Energieversorgungsunternehmen zu gründen. „Das
       ist kein praktikabler Rechtsrahmen“, sagt Fraunhofer-Experte Wirth. Auf
       Appelle zur Vereinfachung hat die Bundesregierung bisher nicht reagiert.
       
       1 Apr 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nach-Scheitern-der-Verhandlungen/!5671616
 (DIR) [2] https://www.agora-energiewende.de/
 (DIR) [3] /Gemischte-Bilanz-der-Erneuerbaren-2019/!5650202
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannes Koch
       
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