# taz.de -- Deine Freunde, neues Album „Helikopter“: Lächeln mit Ameisenscheiße
       
       > Nehmt die Kinder ernst – und die Eltern ebenso! Das tun die Hamburger
       > Rapper Deine Freunde auf ihrem neuen Album „Helikopter“, auch zum
       > Mitsingen.
       
 (IMG) Bild: Deine Freunde vor der Kamera – hat da etwa jemand „Cheese“ gesagt?
       
       Der große Schmerz – seit jeher das Grundthema jedes ernsthaften Künstlers.
       Selten wurde er so direkt besungen wie hier: „Den Nagel vom Zeh, lang nicht
       geschnitten / Einmal umklappen – Iiih! Aua. Aua.“ Ein Glück, die Rapper für
       Kinder Deine Freunde sind wieder da! Die Hamburger legen nun ihr fünftes
       Album, „Helikopter“, vor.
       
       Ein Geheimtipp sind sie freilich nicht mehr, eher ein gut geöltes
       Mittelstandsunternehmen, das alljährlich große Hallen der Republik mit
       Tausenden vor Begeisterung springenden und schreienden Kids füllt.
       Kindermusik, gefühlte Äonen-Jahre zuvor irgendwo zwischen Verblödung und
       Ultrakitsch von den unbarmherzigen Händen altbackener
       Kita-Gitarrenschrammler und Gemeindechören in Geiselhaft genommen, [1][ist
       plötzlich wieder cool].
       
       Hippe Bands und namhafte Komponisten trauen sich inzwischen an das Sujet,
       das lange Zeit so verwaist war wie der typische Protagonist eines
       Kinderbuchs. Diese zarte musikalische Revolution ist nicht unerheblich
       Deine Freunde zu verdanken.
       
       Dabei ist der Trick des Trios zunächst einfach: Es macht zeitgemäße,
       durchaus mainstream-kompatible, weitgehend tanzbare Musik mit fetten Beats,
       melodischen Refrains und vielen gerappten, nach allen Regeln der Reimkunst
       ausgearbeiteten, witzigen Textpassagen – und nimmt seine junge
       Zuhörerschaft dabei ernst. Denn Deine Freunde verniedlichen Themen aus der
       Lebenswelt des Nachwuchses nie, und sie sind auch nicht belehrend, sondern
       erzählen immer auf Augenhöhe.
       
       Im ohrwurmigen „Cheese“, quasi die Single des Albums, etwa geht es um den
       übersteigerten elterlichen Drang, die Kleinen dauernd fotografieren zu
       müssen, die dabei gefälligst auch noch lieb lächeln sollen.
       
       ## Wenn Erwachsene witzig sein wollen
       
       Da wird das Kinderlied zum echten Protestsong: „Ich weiß noch genau, wie
       das alles begann / Irgendwann sagte irgendwer dies: Cheese / Ich kann mich
       noch erinnern, denn es war in dem Moment, in dem ich gerade meine ersten
       Schritte lief – Cheese / Seitdem kam es immer wieder mal vor, dass jemand
       lautstark in meine Richtung rief: Cheese! / Doch ich wurde nie gefragt,
       wäre eigentlich ja mal nett, denn vielleicht fühl ich mich ja grade mies.“
       Schlimmer noch: Dann wollen die Erwachsenen auch noch witzig sein und
       verlangen „Ameisenscheiße“. Supernervig!
       
       Da fühlt sich der erziehungsberechtigte Zuhörer unweigerlich ertappt und
       versteht sofort, dass die Kids enthusiastisch mitsingen. Ein klassischer
       Deine-Freunde-Song! In ähnlicher Weise funktionieren das leicht trancige
       „Saymalaise“ mit dem schönen Refrain „Die Mittagsstunde ist in da house“
       und „Wenn der Hausmeister kommt“, beinharter Gangsta-Rap – allerdings ist
       der Bösewicht hier ein übellauniger Hausmeister. Oder „April, April“, das
       den unlustigen Aprilscherz anprangert – als Falco-Zitat.
       
       Aber den kennen Kinder doch gar nicht, mag man denken, und tatsächlich tut
       sich hier eine Verschiebung im Deine-Freunde-Kosmos auf: Zwar waren die
       Songs auch früher schon so konstruiert, dass älteren Mithörern
       Erinnerungsversatzstücke geboten wurden, aber das geschah eher beiläufig.
       „Helikopter“ richtet sich nun erstmals auch direkt an die Erwachsenen.
       
       ## Die Hölle von Elternabenden in der Kita
       
       Mit Songs über die Gefühlzustände junger Eltern („Kater vs. Vollrausch“)
       oder – mit echtem Hitpotenzial – über die Hölle von Elternabenden in der
       Kita: „Unangenehmes Schweigen auf viel zu kleinen Stühlen / Ihr müsst noch
       ein bisschen bleiben, denn es ist wieder mal“, genau: „Elternvertreterwahl
       in der Kita“. Das ist natürlich nur sekundär ein Kinderthema, denn die
       Kita-User selbst kennen das Szenario nur aus der Frontberichterstattung
       beim Abendbrot, sind aber, wie aus langjähriger Empirie beteuert werden
       kann, gerade deshalb brennend interessiert an den geheimnisvollen
       Geschehnissen.
       
       So funktionieren Deine Freunde letztlich wie ein Animationsfilm von Pixar,
       bei dem ja auch immer sorgfältig darauf geachtet wird, dass dem
       Elternpublikum genauso viel geboten wird wie der eigentlichen Zielgruppe.
       
       Man möchte den sympathischen Helikopterfreunden glauben, dass es ihnen
       dabei weniger um Gewinnmaximierung und mehr um ein gemeinsames
       Familienerlebnis geht. Das jedenfalls wird „Helikopter“ samt der folgenden
       – sich schon jetzt beängstigend schnell ausverkaufenden – Tour im nächsten
       Frühjahr sicher sein. Wir summen dazu leise mit geballter Faust in der
       Tasche vor uns hin: „Elternvertreterwahl in der Kita – ein Mal, nie
       wieder!“
       
       7 Dec 2019
       
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