# taz.de -- Uiguren im Exil: Ein Baum ohne Wald
       
       > Regelmäßig verschwinden in China Uiguren. Tahir Qahiri kämpft für die
       > Freiheit seines Vaters – und gegen die eigene Verzweiflung.
       
 (IMG) Bild: Kontakt zu Exilanten ist gefährlich für die Zurückgebliebenen – Tahir Qahiri lebt in Deutschland
       
       Göttingen taz | Der Anruf kommt, als er gerade in der Unibibliothek
       Göttingen an seiner Doktorarbeit schreibt. Eine Nummer aus Amerika, es
       kommt ihm seltsam vor. Am anderen Ende meldet sich ein Journalist aus
       Washington, Exiluigure wie er, der fragt, was er zur Verhaftung seines
       Vaters sagen könne. „Es war wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt Tahir Qahiri,
       38, wenige Monate später. Sein Vater verhaftet! Er hatte gehofft, dass es
       nicht seinen Vater treffen würde, einen bekannten Sprachforscher in
       Xinjiang, seiner uigurischen Heimat.
       
       Fast viereinhalbmal so groß wie Deutschland ist das Gebiet im Nordwesten
       Chinas, das „Autonome Region“ genannt wird und in dem die chinesische
       Zentralregierung doch mit aller Macht jegliche Autonomie zerstören will.
       Über eine Million Uiguren könnten mittlerweile in sogenannten
       Umerziehungslagern sitzen, schätzt die Uno. Die Unterdrückung der
       muslimischen Minderheiten, zu denen neben den etwa 11 Millionen Uiguren
       auch Kasachen und Kirgisen gehören, hat in den vergangenen Jahren,
       begründet mit dem Kampf gegen Terror, ein beispielloses Ausmaß angenommen.
       
       Tahir Qahiri lebt seit zwölf Jahren in Deutschland. Er hat in Göttingen
       Germanistik und Turkologie studiert und promoviert jetzt über uigurische
       Literatur. Als der amerikanische Journalist ihn anruft, hat er schon seit
       einem Jahr keinen Kontakt mehr zu seiner Familie – weder zu seinen Eltern
       noch zu seinen vier Geschwistern. Sein Vater hatte ihn zuletzt gebeten,
       nicht mehr anzurufen. Kontakt zu Exilanten ist gefährlich für die
       Zurückgebliebenen.
       
       Die Angst breitet sich in Qahiri aus und lässt ihn barsch werden, als der
       Reporter fragt, ob er mehr darüber herausfinden und seine Familie
       kontaktieren könne: „Das ist Ihr Job, recherchieren Sie!“ In den nächsten
       Tagen kann Qahiri kaum schlafen, vergisst zu essen. Er raucht eine
       Zigarette nach der anderen, weint und klammert sich an der Ungewissheit
       fest. Immer wieder wählt er die Nummer seines Vaters, vergeblich. Der Anruf
       aus Amerika wird das Leben des uigurischen Doktoranden in Göttingen
       verändern.
       
       ## Hermetisch abgeriegelt
       
       Sieben Tage später. Gewissheit. Am 22. November sendet der amerikanische
       Journalist Shohret Hoshur einen Bericht zur Verhaftung von Mutällip Sidiq
       Qahiri. Hoshur spielt Audiomitschnitte seiner Anrufe bei Polizeistellen und
       der Universität Kashgar ein. Dutzende Stellen hat er dafür angerufen, die
       meisten antworten ausweichend oder abweisend, doch drei Mitarbeiter
       bestätigen, dass der Wissenschaftler drei Monate zuvor verhaftet wurde.
       Warum? Zählt er zu den Hunderten Intellektuellen, die in den letzten
       anderthalb Jahren wegen „Islampropaganda“ und „Verbreitung der arabischen
       Kultur“ eingesperrt wurden?
       
       Shohret Hoshur, der amerikanische Journalist, gilt als einer der wenigen,
       die verlässliche Informationen aus der hermetisch abgeriegelten Region
       erreichen. Der 54-Jährige floh in den 1990er Jahren aus Xinjiang wegen
       zweier Zeitungsartikel, die er geschrieben hatte. Heute arbeitet er für den
       US-Sender Radio Free Asia (RFA) und sendet aus dem Ausland Nachrichten über
       seine Heimat. Aus Xinjiang dringt nur wenig nach außen, was nicht offiziell
       sein darf. Hoshurs Recherchen gleichen mühsamen Spurensuchen, seine
       Informanten nehmen große Risiken auf sich, und um eine Nachricht zu
       bestätigen, muss er oft Hunderte Male bei den Lokalbehörden anrufen.
       
       Wie bei Mutällip Sidiq Qahiri. Dessen Sohn hört die Nachricht in der
       Unibibliothek in Göttingen, gegen Mitternacht, er geht zitternd nach Hause,
       kann die ganze Nacht nicht schlafen. Mutällip Sidiq Qahiri, 69, ist kein
       Regimekritiker. Seit über 30 Jahren gehört er der Kommunistischen Partei
       an, er ist ein angesehener und bekannter Wissenschaftler. Sein wichtigstes
       Werk, ein Namenslexikon, listet auf 900 Seiten uigurische Personennamen auf
       und erklärt ihre Herkunft, Bedeutung und Aussprache. Es sind Namen, die
       arabische und persische Ursprünge haben und von der wechselvollen
       Geschichte der Turkvölker erzählen, zu denen die Uiguren gehören.
       
       ## Die Bedeutung von Namen
       
       Namen sind wichtig in Xinjiang, sagt Qahiri, man könne an ihnen sehen, „wie
       multikulturell Uiguren sind“. Sein Vater habe als Erster die vorher nur
       mündlich überlieferten Namen sortiert und aufgeschrieben. Namen erzählen
       von der Geschichte der Region, die früher Teil der Seidenstraße war, und
       sie erzählen etwas über das Heute: Viele der arabischen Namen wurden 2014
       verboten; es sind Namen wie Medina, Fatima oder Dschahida, die Kämpferin,
       die weibliche Form von Dschihad. Sie gelten nun als „extremistisch“, Kinder
       mit diesen Namen müssen umbenannt werden.
       
       „Die Kommunistische Partei will die Uiguren assimilieren, sie will, dass
       die Leute chinesische Namen annehmen“, sagt Qahiri. Namen waren in
       Xinjiang immer auch politisch. Der Name von Qahiris Vater lautete in den
       1950er Jahren, als er ein kleiner Junge war, Qahir. Das missfiel dem Rektor
       der Grundschule: Der Name sei sehr altmodisch, sehr islamisch, denn er
       bedeutet „Einwohner Kairos“, also der Hauptstadt eines arabischen Landes.
       Das passe nicht ins sozialistische Zeitalter, entschied der Rektor, und der
       kleine Qahir musste seinen Namen wechseln und hieß fortan Mutällip. Doch
       als 1996 sein erster wissenschaftlicher Aufsatz erschien, veröffentlichte
       er ihn unter dem Namen Qahiri und nahm seinen alten Namen als Nachnamen.
       War das ein Fehler?
       
       Der Vorwurf der Islampropaganda sei „schlicht und einfach Quatsch“, sagt
       Qahiris Doktorvater, Jens Peter Laut. Mutällip Sidiq Qahiri sei ein
       angesehener Wissenschaftler, dessen Namensbuch sei ein Standardwerk. „Es
       ist ähnlich wie in der Türkei“, sagt Laut, „wenn Sie jemanden loswerden
       wollen, dann ist derjenige Gülen-Anhänger.“ Er wisse von vielen uigurischen
       Wissenschaftlern, die spurlos verschwanden, auch ein Stipendiat und einer
       seiner früheren Doktoranden sind darunter. Auch vor Ort forschen und nach
       alten Dokumenten suchen würde er derzeit nicht, sagt Laut. „Alles, was
       uigurisch ist, gilt als verdächtig.“
       
       ## Seidenstraße durch Xinjiang
       
       Das war nicht immer so. Die chinesische Reform- und Öffnungspolitik der
       1980er Jahre ermöglichte es Mutällip Sidiq Qahiri, zu studieren und
       Karriere zu machen. „Seine Forschung wurde drei Jahrzehnte lang von der
       chinesischen Regierung unterstützt“, sagt sein Sohn. Das Namenslexikon
       erschien bei einem chinesischen Verlag 2010, das Jahr, in dem Mutällip
       Sidiq Qahiri in den Ruhestand ging. Neben zahlreichen Büchern über
       Personennamen hatte er auch elf Lehrbücher für das moderne Hocharabisch
       verfasst. Der Journalist Hoshur sagt: „Er war ein berühmter Wissenschaftler
       in einem heiklen Bereich. Alle verbotenen Namen standen in seinem Buch.
       Angesichts der aktuellen Lage in der Region hätte es mich überrascht, wenn
       man ihn nicht eingesperrt hätte.“
       
       Göttingen. Eine grüne Tafel steht in der Ecke des großen Seminarraums, die
       Fensterfront im neunten Stock gibt den Blick frei auf die
       Universitätsstadt, die sich in der Ferne in grünen Hügeln verliert. Tahir
       Qahiri, kurze schwarze Haare, eckige Brille, grüner Pulli über einem Hemd
       mit uigurischen Stickereien, begrüßt seine Studierenden, vier sind
       gekommen. Sie alle studieren Turkologie und lernen Uigurisch bei Qahiri.
       Thema des Seminars ist die Romantrilogie „Anayurt“, Heimatland. Der Autor
       Zordun Sabir beschreibt darin die Bauernaufstände in Xinjiang in den 1940er
       Jahren. Qahiri schreibt auch seine Doktorarbeit über das Buch. In China
       könnte er das nicht, wie viele andere Bücher ist „Anayurt“ dort verboten.
       
       Die Geschichte Chinas und Xinjiangs, das seit 1949 Teil der Volksrepublik
       ist, ist geprägt von Gewalt. Nach einer Phase relativer Autonomie kam es
       vor allem in den vergangenen Jahren immer wieder zu Unruhen und Anschlägen.
       Die chinesische Führung macht dafür extremistische uigurische Gruppen
       verantwortlich und legitimiert dami einen rigorosen Antiterrorkampf. Für
       Peking ist Stabilität in der Region wichtig: nicht nur wegen der
       Bodenschätze, sondern auch strategisch, weil [1][Chinas neue Seidenstraße]
       durch Xinjiang führt.
       
       ## Öffentlichkeit schaffen
       
       Nachdem Qahiri mehrmals erfolglos versucht hat, seinen Vater zu erreichen,
       hebt dieser am 18. Oktober 2017 endlich ab: „Ruf mich nicht an, mein Sohn.
       Du musst dich auf deine Promotion konzentrieren.“ Jeder Anruf aus dem
       Ausland ist gefährlich. Jeder Kontakt ins Ausland ist verdächtig. Es ist
       der Tag, an dem Qahiri das letzte Mal mit seinem Vater spricht, und auch
       der, an dem er wieder mit dem Rauchen beginnt.
       
       Seine Studierenden wissen von der Verhaftung seines Vaters. Auch seinem
       Doktorvater hat er davon berichtet. Blass im Gesicht sei er zu ihm gekommen
       und habe ihn um Hilfe gebeten, sagt Laut. Qahiri wollte den Fall seines
       Vaters bekannt machen. Laut habe ihm gesagt, er solle vorsichtig sein. Ihm
       abzuraten würde nichts bringen: „Er würde das trotzdem machen. Er ist ja
       eher impulsiv als gemäßigt.“
       
       Und Qahiri macht es trotzdem. Es ist das Einzige, was er tun kann, um nicht
       völlig zu verzweifeln. Das Einzige, mit dem er seinem Vater helfen zu
       können glaubt: Öffentlichkeit. Ans Schwarze Brett der Uni hat er eine kurze
       Meldung der FAZ über seinen Vaters gepinnt, „Weg ins Lager“ steht darüber.
       Er hat unzählige Zeitungen angeschrieben, immer wieder. Mit der
       Gesellschaft für bedrohte Völker sprach er über seinen Vater und darüber,
       dass er für Völkerverständigung ist und kein Separatist. Qahiri macht sich
       Sorgen. Sein Vater hat nur noch eine Niere und muss nach einer Operation
       regelmäßig Herzmedikamente einnehmen. „Ich hoffe, dass er eine medizinische
       Behandlung bekommt, wenn der Staat den Druck der Medien spürt“, sagt
       Qahiri. Ob das wirklich hilft, ist ungewiss.
       
       ## Perfektionierte staatliche Überwachung
       
       In seiner Heimatstadt Kashgar war er das letzte Mal 2016. Er erkannte den
       Ort seiner Kindheit kaum wieder, so vieles hatte sich verändert seit seinem
       Besuch zwei Jahre zuvor. Militär patrouillierte auf den Straßen,
       Polizeiposten an jeder Ecke. Überall wurden Ausweise kontrolliert und
       Taschen durchwühlt, in der Bibliothek, im Supermarkt, im Café. Zwei Tage
       nach seiner Ankunft musste er zur Polizei gehen und melden, dass er aus
       Deutschland wiedergekommen war. Er wurde zwei Stunden lang verhört. Warum
       war er in Deutschland, wen kennt er dort? Für seinen neuen Personalausweis
       nahmen sie nicht nur Fingerabdrücke, sie machten auch Sprachaufnahmen von
       ihm und scannten seine Augen. Für die Sicherheit, sagten die Polizisten.
       
       In Xinjiang hat China das staatliche Überwachungssystem perfektioniert.
       Gesichtserkennung, Telefonüberwachung, umfangreiche Sammlungen
       biometrischer Daten der gesamten Bevölkerung: Hightechkontrolle und Big
       Data, zusammen mit einer autoritären Regierung verschmelzen zur Dystopie
       eines allmächtigen Staates. Die Menschenrechtsverletzungen hätten ein
       Ausmaß erreicht, das es in China seit der Kulturrevolution nicht gegeben
       habe, schreibt Human Rights Watch in einem Report von 2018. Es ist
       verboten, seine Kinder religiös zu erziehen, einen Bart zu tragen, den
       Koran zu besitzen.
       
       Die uigurische Bevölkerung ist in verschiedene Risikogruppen eingeteilt,
       viele Muslime bekommen regelmäßig Besuch von chinesischen Parteikadern, die
       bei ihnen übernachten und so das Familienleben überwachen. Der
       Sozialwissenschaftler Adrian Zenz spricht von einem „kulturellen Genozid“.
       Lange hatte die chinesische Führung die Existenz der Umerziehungslager
       bestritten und nur von „Ausbildungszentren“ gesprochen. Erst vor einigen
       Monaten wurden sie quasi nachträglich legitimiert; neue Vorschriften zur
       „Entradikalisierung“ erlauben nun Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren und
       ideologische Umerziehung. Ehemalige Gefangene berichten von Gehirnwäsche in
       den Lagern, von Misshandlungen und auch von Folter. Sollten die Schätzungen
       stimmen, wäre jeder zehnte Uigure dort interniert.
       
       ## Keine Auskunft am Telefon
       
       Qahiri in Göttingen ist frei. Doch in seinem Kopf verschwimmen Realität und
       Fiktion immer öfter, er ist Gefangener seiner eigenen Gedanken. „Das
       Schicksal meines Vaters gleicht dem von Josef K. in Kafkas ‚Prozess‘“,
       sagt Qahiri, der seine Magisterarbeit über Kafka geschrieben hat. Was ist
       wahr, was nicht? „Was sonst in Krimis oder Horrorfilmen vorkommt, passiert
       plötzlich in der Realität“, sagt er. Er könne die Grenze nicht mehr klar
       ziehen. Es sei wie eine unsichtbare Macht, gegen die er ankämpft, die er
       aber nicht fassen kann.
       
       Auch von seiner Mutter weiß Qahiri nichts, auch ihr Handy ist
       ausgeschaltet. Die seiner Geschwister läuten noch, aber niemand hebt ab.
       Manchmal stellt er sich vor, wie die Polizei bei seinen Eltern die
       Bibliothek verwüstet, Bücher mitnimmt. Über 15.000 Bücher hat sein Vater
       gesammelt und sorgfältig katalogisiert. Als kleiner Junge saß Qahiri oft
       bei ihm im Zimmer, während der Vater arbeitete oder sich auf
       Parteisitzungen vorbereitete. „Er hat immer viel gearbeitet, die
       Wissenschaft war das Wichtigste für ihn.“
       
       Doch sein großes Werk, das Namenslexikon, ist verboten, seit 2017 steht es
       auf der Liste der gefährlichen Bücher. Qahiri ruft an bei der Abteilung für
       politische Sicherheit der Universität, von der er glaubt, dass sie seinen
       Vater hat verhaften lassen. „Sie wollten wissen, wer ich bin, alle meine
       persönlichen Daten“, erzählt er. Wenn er nach seinem Vater fragte, hieß es
       „Kommen Sie her, am Telefon können wir nichts sagen.“ In seiner
       Verzweiflung wählte Qahiri irgendwann die Notrufnummer und rief: „Sagen Sie
       mir, wo sind die verhafteten Professoren der Universität Kashgar?“
       
       ## Überwachung selbst im Exil
       
       Fünf Stunden Zeitunterschied liegen zwischen Göttingen und Kashgar. Für
       Qahiri geraten Zeit und Raum durcheinander. Manchmal, wenn er in Göttingen
       eine Straße entlanggeht, fühlt er sich nach Kashgar versetzt. Schlafen kann
       er ohnehin kaum noch. Nachts wacht er plötzlich auf und denkt: Was macht
       Vater jetzt? Wird er gefoltert, lebt er noch? Er träumt, wie er mit seiner
       Mutter und den Schwestern in der Wohnung in Kashgar sitzt, nur seine Brüder
       kommen nicht vor. Wo sind seine Brüder? So viele junge Männer wurden
       verhaftet. Seit er von der Verhaftung seines Vaters erfuhr, hat Qahiri
       sieben Kilo abgenommen. Er hadert mit seiner Ohnmacht, als ältester Sohn
       nichts tun zu können. Hadert damit, frei sein zu können und sich doch
       gefangen zu fühlen.
       
       Die Überwachung der Uiguren endet nicht an den Grenzen Xinjiangs. Human
       Rights Watch berichtet vom Druck der chinesischen Regierung auf andere
       Staaten, dort lebende Uiguren nach China abzuschieben. In Xinjiang selbst
       ist jeder verdächtig, der einmal im Ausland war, und jeder, dessen
       Angehörige dort leben. Doch die Uiguren im Exil sind gespalten, sagt Laut,
       „jeder befürchtet, der andere wäre ein Spitzel der anderen Seite“.
       
       Die Uiguren in der Diaspora stehen unter Druck. Qahiri erzählt von
       uigurischen Bekannten, die verzweifelten und nicht mehr länger schweigen
       wollen. Sie sind nicht allein: Seit Anfang Februar fragen die Exiluiguren
       immer lauter nach ihren Angehörigen. Damals hieß es in den türkischen
       sozialen Medien, ein bekannter uigurischer Musiker sei in einem der Lager
       gestorben. Türkische Medien berichteten darüber, selbst das türkische
       Außenministerium äußerte sich. Kurz darauf wurde ein Video des Sängers
       veröffentlicht, in dem er erklärt, er sei bei bester Gesundheit. Uiguren
       aus aller Welt forderten daraufhin ein Lebenszeichen ihrer Verwandten:
       China, zeig mir, dass meine Eltern noch leben. China, was passierte mit
       meiner Schwester? Eine neue Bewegung mit neuem Hashtag: #MeTooUyghur.
       
       ## Ungewisse Zukunft
       
       Ein paar Informationen bekam Qahiri dann doch. Eine Pekinger Freundin, die
       bei der Polizei arbeitet, fand für ihn heraus, dass für Ende Februar eine
       geheime Verhandlung vor dem Volksgericht Kashgar angesetzt war. Die
       Staatsanwaltschaft beschuldige Mutällip Sidiq Qahiri der „Propaganda zur
       Spaltung des Landes“. Mithilfe einer türkischen Menschenrechtsaktivistin,
       deren Mutter seit 2017 interniert ist, veröffentlichte Qahiri auf Facebook
       einen Aufruf. Er fordert darin eine öffentliche Verhandlung und einen
       unabhängigen Anwalt für seinen Vater.
       
       Sonst kann er nichts tun. Manchmal schleichen sich Schuldgefühle in seine
       Gedanken. Bei seinem letzten Besuch in Kashgar stritt er mit seinem Vater
       wegen Kleinigkeiten, es war kein schöner Abschied. Aber wann weiß man
       schon, dass etwas das letzte Mal sein wird? Qahiri schämt sich heute für
       sein Verhalten, ungeschehen machen kann er es nicht. Es gehört zu dieser
       Ohnmacht, die von ihm Besitz ergriffen hat. „Ich bin ein Baum, der vom Wald
       abgeschnitten ist“, sagt er. „Ich bin ein Einzelbaum geworden.“
       
       Wie sein Leben nach der Promotion weitergehen wird, ist ungewiss. Qahiris
       Forschungsgebiet, die uigurische Literatur, ist die Nische eines
       Nischenfachs. Er will der Nachfolger seines Vaters werden. Ob er das an der
       Universität Göttingen kann, ist fraglich, Stellen gibt es kaum. Die
       Bundesregierung hat Abschiebungen von Uiguren und anderen muslimischen
       Minderheiten nach China ausgesetzt, seit im April letzten Jahres ein Uigure
       rechtswidrig abgeschoben wurde und gleich nach seiner Ankunft verschwand.
       
       ## Verschiedene Wahrheitsversionen
       
       Zurück nach Xinjiang kann Qahiri nicht. Schon wegen seines Vaters war er
       verdächtig, nun hat er sich selbst als Aktivist noch sichtbarer gemacht.
       Dann landet am 1. März um 16.30 Uhr eine E-Mail von seinem Bruder in seinem
       Postfach. Das erste Lebenszeichen aus seiner Familie seit fast 17 Monaten.
       Die Nachricht ist kurz, ohne jede Anrede, ohne Gruß: „Mein Vater war im
       Krankenhaus. Er soll mit dir reden. Ruf ihn an.“ Einen Tag später spricht
       Qahiri mit seinem Vater über WeChat, das chinesische Pendant zu WhatsApp.
       Er filmt den Videoanruf heimlich mit.
       
       „Wir konnten seit fast zwei Jahren nicht mehr miteinander reden“, sagt er
       zu seinem Vater, „und falls wir uns nicht mehr sehen, bleibe stark. Wenn
       ich dich auf irgendeine Weise verletzt habe, vergib mir …“ An dieser Stelle
       bricht seine Stimme, für einen Moment kann er nicht weiterreden. „Schau“,
       sagt sein Vater und beugt sich vor. Sein Kopf ist kahl rasiert, und er ist
       so dünn, dass nur wenig an den Mann erinnert, dessen Foto Qahiri so oft in
       die Kameras gehalten hat, „ich möchte, dass du an deine Mutter denkst. An
       deine jüngeren Brüder und älteren Schwestern, und an mich. Wenn du dich
       wirklich um uns sorgst, dann wirst du von morgen an das tun, was ich dir
       sage. Schreibe eine Stellungnahme, dass alles in den Medien über mich
       gelogen ist.“
       
       Tahir müsse sich gegen die Lügen der ausländischen Medien wehren. Tue er
       das nicht, werde er „auf ihn als Sohn verzichten“. 47 Minuten telefonieren
       sie, 47 Minuten lobt sein Vater die Partei. „Der Staat ist wie ein großer
       Baum, und du bist ein Blatt, wenn es abfällt, findet es die Wurzel des
       Baums. Wie weit du auch von China weg bist, irgendwann kommst du zurück, du
       darfst dein Land nicht verraten.“ Glauben kann Qahiri die Worte seines
       Vaters nicht. Was ist passiert? „Alles ist unklar, verschiedene
       Wahrheitsversionen“. Wieder Kafka. Doch Qahiri hat sich entschieden. Kurz
       nach dem Telefonat nimmt er an #MeTooUyghur teil und fordert die
       vollständige Rehabilitation seines Vaters. Qahiri, der Name, den er mit
       seinem Vater teilt, hat noch eine weitere Bedeutung: Zorn.
       
       2 May 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Internationaler-Gipfel-in-Peking/!5587625
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Mayer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Uiguren
 (DIR) China
 (DIR) Minderheitenrechte
 (DIR) Minderheiten
 (DIR) Muslime
 (DIR) Repression
 (DIR) Menschenrechte
 (DIR) China
 (DIR) China
 (DIR) China
 (DIR) Europäisches Parlament
 (DIR) China
 (DIR) muslimische Uiguren
 (DIR) Uiguren
 (DIR) Uiguren
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Lage der Uiguren in China: „Zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit“
       
       In der Region Xinjiang hat China einen Polizeistaat aufgebaut, aus dem es
       für Uigur:innen kaum einen Ausweg gibt. Tahir Hamut Izgil konnte
       fliehen.
       
 (DIR) Protest gegen Olympia in China: Beinahe machtlos
       
       Shahnura Kasim protestiert gegen die Unterdrückung der Uigur:innen. Sie
       ruft mit anderen zum Boykott der Olympischen Winterspiele auf.
       
 (DIR) Unterdrückung der Uiguren: Lektion China lieben lernen
       
       Chinas repressiver Umgang mit Minderheiten hat Tradition. Die Situation der
       Uiguren zeigt: Es ist höchste Zeit, dagegen etwas zu tun.
       
 (DIR) Menschenrechtspreis des EU-Parlaments: „Auszeichnung für alle Uiguren“
       
       Die Tochter des diesjährigen EU-Friedenspreisträgers hat seit zwei Jahren
       nichts mehr von ihrem Vater Ilham Tohti gehört. Jewher Ilham im Gespräch.
       
 (DIR) Sacharow-Preis des Europaparlaments: Der verschmähte Brückenbauer
       
       Der chinesisch-uigurische Wirtschaftsprofessor Ilham Tohti bekommt in
       diesem Jahr Europas wichtigsten Menschenrechtspreis​. Er sitzt in Haft.
       
 (DIR) Beziehungen China und Deutschland: Maas' verworrene China-Strategie
       
       Nicht nur Donald Trump kritisiert die wirtschaftliche Abhängigkeit von
       China. Auch Jürgen Trittin warnt vor einer zu großen Abhängigkeit.
       
 (DIR) Außenminister Maas in Peking: Maas kritisiert Umerziehungslager
       
       Der SPD-Politiker ignoriert Chinas Warnungen und übt Kritik am Umgang mit
       den Uiguren. Er fordert außerdem ein Ende des Handelsstreits mit den USA.
       
 (DIR) Menschenrechtslage der Uiguren in China: Maas hat Fragen für Peking im Gepäck
       
       Heiko Maas reist nach China und will auch die Lage der Uiguren zur Sprache
       bringen. Deren Menschenrechtslage ist bedenklich.