# taz.de -- Entschleunigende Kunst in Berlin: Die Stille im Auge der Zeit
       
       > Über Zeit und Vergänglichkeit reflektiert die Ausstellung „The Long Now“
       > bis Ende August. Wer will, kann auch achtsam auf eine Tasse Tee
       > vorbeischauen.
       
 (IMG) Bild: Zeitmangel geht ganz schön auf den Zeiger. „o.T.“ von Vera Lossau
       
       Der heutige Umgang mit Zeit wurzelt im Beginn der Industrialisierung.
       Rasend schnelle technische Innovationszyklen lassen uns glauben, nichts
       sei unmöglich. Nur leider hängt die soziale Entwicklung der Technologie
       hinterher. Mangel an Nachhaltigkeit, Denken in kurzen Zeitspannen,
       beschränkt auf den Tellerrand der Wohlstandsgesellschaft, werden zu einem
       immer größeren Problem. Das Bedürfnis, über Zeit nachzudenken, wächst. Der
       [1][me Collectors Room Berlin] will dabei helfen und zeigt unter dem Titel
       „The Long Now – Reflexionen von Zeit und Vergänglichkeit“ Positionen von
       zwanzig Künstlern zum Thema Zeit.
       
       Bereits im Treppenhaus stößt man auf die „Time Machine“ von Thomas Bartsch,
       eine Mischung aus Stech- und Parkuhr, die einen Beleg über die Zeit
       ausdruckt, die man an ihr verbracht hat. Der Beleg ist das eigentliche
       Kunstwerk, und man kann ihn mit nach Hause nehmen, in Erinnerung an diese
       zwei Sekunden Lebenszeit.
       
       Der größte Teil der Ausstellung wurde in die Lounge des me Collectors Room
       gequetscht. Das mutet erst seltsam an, aber für diejenigen, die sich in der
       Kunst verlieren, wächst der Raum, zusammen mit der Zeit, die man in ihm
       verbringt.
       
       In der [2][Fotoserie „1h“ von Hans-Christian Schink] sind auf
       schwarz-weißen Langzeitfotografien monolithische Balken zu sehen, die den
       zeitlichen Verlauf der Sonne nachzeichnen. Während man sich langsam durch
       den Raum bewegt, hört man immer wieder das Wort „Jetzt“, das in
       verschiedenen Lautstärken und Tonlagen aus der gleichnamigen Installation
       von Lukas Grundmann herüberdringt. Mehrere Exponate beziehen Uhren ein, wie
       die „Watch“ von [3][Maurits Boettger], die stehen bleibt, wenn man sie
       ansieht, aber, sobald man wegblickt, wieder auf die normale Zeit springt.
       
       ## Dominanz über die Zeit
       
       Boettger spricht bei der Vorstellung seiner Arbeit davon, wie der Mensch
       sich durch seine Erfindungen versklavt und dass es ihm auch darum gehe,
       Dominanz über die Zeit zurückzugewinnen. Davon handelt auf andere Weise
       auch [4][das „Kronos-Projekt“] von [5][Roland Boden], eine fiktionale
       Recherchearbeit, die eine irrwitzige Geschichte erzählt und viel Spaß
       macht.
       
       „Wir sind uns der Zeit unsicher geworden“, sagt Reinhard Buskies, Kurator
       der Ausstellung. Buskies erzählt von der Atomisierung der Zeit, von den
       Futuristen, die sich für Zeit eher in Form von Geschwindigkeit interessiert
       haben; davon, dass die Zeit erst dann beginnt, wenn sie stehen bleibt, und
       davon, dass sich Zeit nur schwer fassen und begreifen lässt. Manche seiner
       Worte wirken – wie im Übrigen auch ein paar der Werke – etwas beliebig
       gewählt. Man muss sich den Zusammenhang selbst suchen.
       
       Doch dank Buskies’ Ausstellung, ihrer Künstler und Kunstwerke lässt sich
       Zeit schon ganz gut begreifen. Und natürlich fängt Zeit nicht erst wirklich
       an, wenn sie stehen bleibt, sondern, wenn der Mensch stehen bleibt.
       
       Das Platzproblem der Ausstellung wurde gut gelöst, indem ein Teil in die
       Wunderkammer Olbricht integriert wurde, das Kuriositätenkabinett des me
       Collector Rooms, das selbst viel mit Zeit und Vergänglichkeit zu tun hat.
       
       Die Ausstellung wirkt nicht zufällig etwas geschrumpft. Die Werke sind Teil
       einer größeren Ausstellung, die bis zum Juni im [6][Kunstverein Bochum] und
       im [7][Museum Goch] lief. Sie umfasste Werke von 29 Künstler*innen.
       Darunter auch [8][eine Uhr, die die voraussichtliche Lebenszeit des
       Künstlers Nasan Tur herunterzählt], und eine Arbeit der Kölner Künstlerin
       Verena Friedrich, die denselben Namen wie die Ausstellung trägt: [9][„The
       Long Now“ – eine Seifenblase, die sehr, sehr lange an einem Fleck stehen
       bleibt, ohne zu zerplatzen]. Diese Arbeiten sind glücklicherweise im
       lohnenden Katalog vertreten.
       
       Wer die Zeit hat oder wem es schwerfällt, Ruhe zu finden, kann jeden
       Mittwoch um 9 oder um 18 Uhr im Rahmen der Ausstellung eine
       Meditations-und-Achtsamkeits-Sitzung besuchen. Wer noch mehr Zeit hat,
       sucht jetzt im Internet nach „The Long Now“ – unter diesem Titel ist noch
       einiges zum Thema Zeit und Entschleunigung zu finden, unter anderem die
       Projekte der [10][The Long Now Foundation].
       
       Weitere Denkanstöße zum Thema Zeit und Zeitmaschinen gibt der Autor in
       seinem Aufsatz [11][“Die gelebte Zeitmaschine“].
       
       24 Jul 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.me-berlin.com/
 (DIR) [2] http://www.hc-schink.de/1h.html
 (DIR) [3] http://mauritsboettger.com/
 (DIR) [4] http://kronos-projekt.de/
 (DIR) [5] http://www.rolandboden.de/
 (DIR) [6] http://www.kunstverein-bochum.de/ausstellungen/2018/THELONGNOW.php
 (DIR) [7] https://museum-goch.de/the-long-now/
 (DIR) [8] http://www.nasantur.com/browser.php?dir=works%2F00aaa.2013Life%2F&num=0
 (DIR) [9] http://heavythinking.org/the-long-now/
 (DIR) [10] http://longnow.org/
 (DIR) [11] http://www.schleth.com/allgemein/die-gelebte-zeitmaschine-806.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulf Schleth
       
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