# taz.de -- Sprechen über sexualisierte Gewalt: Verbrechen sollten benannt werden
       
       > Wer Vergewaltigungsvorwürfe einen „Sex-Skandal“ nennt, verharmlost die
       > Tat. Denn es geht nicht um Sex, sondern um Gewalt und Missbrauch.
       
 (IMG) Bild: Unter dem Hashtag #metoo machen Betroffene auf sexualisierte Gewalt aufmerksam
       
       Berlin taz | „Sex-Vorwürfe – Wedel tritt zurück“ schrieb das Online-Portal
       von SAT1, nachdem der Regisseur [1][Dieter Wedel als Intendant der Bad
       Hersfelder Festspiele zurückgetreten] war. Die Überschrift vernebelt einen
       wichtigen Aspekt – nämlich, dass es um sexualisierte Gewalt geht. Erst im
       Artikel konkretisiert das Portal die Vorwürfe, schreibt von „sexuellen
       Übergriffen“ und „erzwungenem Sex“. Das Wort „Vergewaltigung“ fällt nicht.
       Dabei berichteten drei Schauspielerinnen Anfang Januar im ZeitMagazin
       davon, dass Wedel sie sexuell bedrängt und vergewaltigt habe.
       
       Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung werfen zahlreiche Frauen seit
       Oktober 2017 auch dem Hollywood-Produzenten [2][Harvey Weinstein] vor. Der
       Fall erregte internationale Aufmerksamkeit. Betroffene berichteten unter
       dem [3][Hashtag #metoo auf Twitter] über sexualisierte Gewalt oder zeigten
       damit ihre Solidarität. Auch in diesem Fall verwendeten Medien unpräzise
       Begriffe. Anschuldigungen über sexualisierte Gewalt werden häufig unter den
       Schlagwörtern „Sex-Skandal“ oder „Sex-Vorwürfe“ zusammengefasst. Beispiele
       finden sich in der Augsburger Allgemeinen, der Badischen Zeitung, dem
       Berliner Kurier, Focus oder der BILD-Zeitung.
       
       Gab es noch kein Gerichtsurteil, befinden sich Medien häufig in einem
       Dilemma: Ist eine Anschuldigung nicht bewiesen, schreiben sie deshalb von
       einem „Verdacht“ oder von „Vorwürfen“. Doch zu dieser Sorgfalt zählt auch,
       keine beschönigenden Begriffe für die Straftaten zu verwenden – denn das
       kann Betroffene verletzen.
       
       ## Es geht nicht um Sex
       
       Bei den Vorwürfen geht es schließlich nicht um Sex. Es geht um sexuelle
       Belästigung, Gewaltverbrechen, Vergewaltigung. Ein Skandal ist das nicht
       deswegen, weil Menschen miteinander Sex hatten. Sondern, weil jemand zu
       sexuellen Handlungen genötigt oder gezwungen wurde. Konstanze Marx,
       Professorin für Linguistik am Institut für Deutsche Sprache und der
       Universität Mannheim, sagt: „Wenn man im Fall von Verbrechen, die mit
       sexualisierter Gewalt in Verbindung stehen von einem Sex-Skandal spricht,
       ist das verharmlosend. Das verkennt die strafbare Handlung und das Trauma
       für die Betroffenen“. Wenn der Verdacht eines Gewaltverbrechens vorliege
       und dabei von Sex gesprochen werde, erkenne man die Gewalt nicht an.
       
       Konstanze Marx sagt, sie beobachte auch auf Twitter und Facebook, dass
       Leser eine korrekte Benennung von Verbrechen verlangten. Eine Nutzerin
       twitterte beispielsweise: „Ein Sexskandal wäre, wenn ein Paar
       einvernehmlichen Sex in einer Kirche hätte. Bei #metoo handelt es sich um
       Missbrauchsskandale.“ Marx erklärt, weshalb es wichtig ist, die Begriffe
       sorgfältig zu wählen: „Worte nehmen Einfluss darauf, wie Dinge bewertet
       werden. Bezeichne ich eine Vergewaltigung als Sex, nimmt der Leser wahr,
       dass Leute Geschlechtsverkehr hatten, nicht aber, dass ein Verbrechen
       begangen wurde.“
       
       ## „Erzwungener Sex“ statt „Vergewaltigung“
       
       Unklare Begriffe verwendete in der Vergangenheit auch die Deutsche
       Presse-Agentur. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Dieter Wedel
       schrieb sie mehrfach von „erzwungenem Sex“ statt von Vergewaltigung. Das
       liege daran, dass Schauspielerin Jany Tempel die Vergewaltigung durch
       Dieter Wedel anfangs selbst mit diesen Worten beschrieben habe, erklärt
       Froben Homburger, Nachrichtenchef der dpa.
       
       „Seit den neuen Vorwürfen gegen Wedel schreiben wir in der Regel, dass die
       Anschuldigungen von Schikane über Belästigung bis zur Vergewaltigung
       reichen.“ In der Regel benutze die Agentur „erzwungener Sex“ also nicht als
       Synonym für Vergewaltigung – außer diese oder ähnliche Formulierungen
       fänden sich beispielsweise in Zitaten oder Anklageschriften.
       
       31 Jan 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nach-Vorwuerfen-sexueller-Uebergriffe/!5478857
 (DIR) [2] /Vorwuerfe-gegen-Harvey-Weinstein/!5460479
 (DIR) [3] https://twitter.com/hashtag/metoo
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Raphaela Rehwald
       
       ## TAGS
       
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