# taz.de -- SPD-Abgeordneter unter Betrugsverdacht: Ein System der Ausbeutung
       
       > Der Abschlussbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses
       > belastet den Bremer Bürgerschaftabgeordneten Patrick Öztürk schwer.
       
 (IMG) Bild: Bis heute ausgesessen: Patrick Öztürk bei einer Stellungnahme zu den Vorwürfen im August 2016
       
       BREMEN taz | In einem waren sich die Mitglieder des parlamentarischen
       Untersuchungsausschusses einig: Der Hauptschuldige ist ein Kollege.
       
       Patrick Öztürk, fraktionsloser Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft und
       Noch-SPD-Mitglied, organisierte zusammen mit seinem Vater Selim Öztürk mit
       hoher krimineller Energie ein Betrugssystem, an dem die beiden sich
       maßgeblich bereicherten. Zu diesem Ergebnis kommt der am Mittwoch in Bremen
       vorgestellte [1][Abschlussbericht des parlamentarischen
       Untersuchungsausschusses „Sozialbetrugsverdacht“]. Eine erhebliche
       Mitschuld sieht der Ausschuss dabei in der Untätigkeit und Trägheit der
       Bremerhavener Behörden.
       
       Anfang 2016 war der Fall erstmals bekannt geworden. Der
       Bürgerschaftsabgeordnete Öztürk stritt eine Verwicklung ab und weigert sich
       seitdem, von seinem Mandat zurückzutreten. Zur Aufklärung trug er nichts
       bei, vor dem Untersuchungsausschuss schwieg er. Bei der Veröffentlichung
       ihres Abschlussberichtes forderten die Mitglieder des Ausschusses erneut,
       dass Öztürk endlich zurücktreten müsse.
       
       Mittels zweier von ihnen gegründeter Vereine statteten der SPD-Politiker
       und sein Vater über 1.000 Zugewanderte mit gefälschten Arbeitsverträgen
       aus, damit diese Sozialleistungen kassieren konnten. Die Betroffenen waren
       überwiegend Angehörige einer türkischsprachigen Minderheit aus Bulgarien,
       die meisten von ihnen aus Varna am Schwarzen Meer. Einen großen Teil der
       Gelder forderten die Vereine sofort wieder zurück – für in Anspruch
       genommene „Leistungen“ wie Übersetzungen, Papierkram sowie
       Nachhilfestunden, die nie stattgefunden haben.
       
       Drei Jahre lang, von 2013 bis 2016, hielten die Öztürks dieses System
       aufrecht. Den so entstandenen Schaden bezifferten die Abgeordneten auf rund
       sieben Millionen Euro. Auch weil der massenhafte Betrug erst so spät
       aufgeflogen war und die Bremerhavener Verwaltung weitgehend ohnmächtig
       wirkte und spät bis gar nicht reagierte, setzte die Bürgerschaft den
       Untersuchungsausschuss ein.
       
       Die Geschädigten sind den Parlamentariern zufolge nicht nur die
       SteuerzahlerInnen, sondern auch die betroffenen Zugewanderten aus
       Bulgarien. Sie hätten zwar im strafrechtlichen Sinne Sozialbetrug gegenüber
       dem Jobcenter begangen, seien allerdings gleichzeitig gefangen gewesen in
       einem „profitorientierten Netzwerk aus Abhängigkeiten und Ausbeutung“, das
       systematisch um sie herum aufgebaut worden sei und so „die Notlage dieser
       Menschen ausgenutzt hat.“
       
       In der Praxis sah das so aus: Durch die fingierten Arbeitsverträge und
       Rechnungen wurde dem Jobcenter eine Erwerbstätigkeit oder Selbstständigkeit
       in geringem Umfang vorgetäuscht, sodass die zugewanderten BulgarInnen, die
       als EU-AusländerInnen normalerweise nicht zu Sozialhilfe berechtigt wären,
       einen Anspruch auf aufstockende Leistungen erhielten.
       
       Einen Teil der erhaltenen Gelder mussten die Betroffenen für ihre
       unverhältnismäßig hohe Miete entrichten. Viele waren in de facto
       unbewohnbare Schrottimmobilien vermittelt worden.
       
       „Oftmals blieb den Familien zum Leben nur noch das Kindergeld“, so der
       Vorsitzende des Ausschusses Nelson Janßen von der Linkspartei. Sie seien
       gleichzeitig Täter und Opfer eines ausbeuterischen Systems gewesen, dem sie
       in vielen Fällen hilflos gegenüber standen. Viele stammten aus den ärmsten
       Regionen Europas, seien Analphabeten und kennen sich nicht mit dem
       deutschen Rechtssystem, geschweige denn Behördendeutsch aus.
       
       Eine erhebliche Mitschuld trifft bei dem Skandal die Bremerhavener
       Behörden. Seit 2013 seien Beschäftigten im Jobcenter „Besonderheiten“ bei
       den Anträgen aufgefallen – unter anderem seien immer dieselben Dolmetscher
       ein- und ausgegangen, die auch den MitarbeiterInnen des Jobcenters
       gegenüber aggressiv auftraten. Die vorgelegten Arbeitsverträge und
       Rechnungen glichen sich auffällig.
       
       ## Niemand fühlte sich zuständig
       
       Das Jobcenter meldete die Unregelmäßigkeiten 2014 dem Zoll. Dort lag der
       Vorgang eineinhalb Jahre herum – mit dem Ergebnis, dass sich das
       Hauptzollamt als „nicht zuständig“ erklärte, weil es sich ja nicht um
       Schwarzarbeit handele. Der Magistrat und die Bremerhavener Sozialbehörde
       fühlten sich auch nicht verantwortlich, obwohl die humanitären Missstände,
       unter denen die Zugewanderten lebten, hinlänglich bekannt waren. Erst im
       August 2015 stellte der Chef des Jobcenter Strafanzeige bei der Polizei
       wegen Betrugs.
       
       „Wenn die Informationen weitergegeben worden wären, wäre die Schadenssumme
       erheblich reduzierbar gewesen“, sagte Janßen. Mangelndes
       Verantwortungsgefühl und fehlende Kommunikation hätten den Betrug erst
       ermöglicht. Insbesondere der ehemalige Sozialdezernent Klaus Rosche (SPD),
       die Sozialamtsleiterin, Astrid Henriksen, und der Leiter des Jobcenters,
       Friedrich Wilhelm Gruhl, seien dafür verantwortlich.
       
       Die juristischen Ermittlungen dauern weiter an. Die Staatsanwaltschaft
       ermittelt gegen Öztürk, dessen Vater und zwei weitere Personen wegen
       Beihilfe zum Betrug, ebenso wegen Betrugs gegen 530 Leistungsempfänger. Mit
       einem Abschluss der Ermittlungen sei frühestens im Sommer 2018 zu rechnen.
       
       1 Feb 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.bremische-buergerschaft.de/uploads/media/PUA-Bericht_2018-01-31_01.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
       
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