# taz.de -- Bremer Politikerinnen schließen auf: Frauen machen Staat
       
       > In Bremen treten die Parteien mit fünf Frauen auf Listenplatz eins zur
       > Bundestagswahl an. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Zeiten ändern
       
 (IMG) Bild: Blumen für die Kandidatin: Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht der Spitzenkandidatin der CDU bei der Bürgerschaftswahl in Bremen, Elisabeth Motschmann, einen Blumenstrauß
       
       Lencke Steiner lächelt im Best-Western-Hotel Bremen East. Das Lächeln ist
       gut, also: so gekonnt, dass es nicht aufgesetzt wirkt. Sie ist extra nach
       hinten gekommen, beugt sich zum Händedruck übern Pressetisch, um zu sagen,
       dass sie sich freut. „Schön, dass Sie gekommen sind!“, sagt sie.
       
       Ja, uff, schön, ja, ja. Hhm! Danke auch zurück, ähm, sorry … Es ist gerade
       der falsche Fuß. Jemand muss ihr verraten haben, dass der dicke
       verschwitzte Mann hinten der Typ von der taz ist. Smalltalk stand nach der
       eiligen Tour durch Nacht und Nieselregen im Anschluss an die
       Tagesproduktion des 8. März gar nicht so auf dem Wunschzettel, eher still
       hinten Rumdrücken. Die FDP-Delegiertenkonferenz beobachten. Schauen, wie
       Steiner, die 2015 die FDP als Frontfrau zurück in die Bremische
       Bürgerschaft geführt und seither deren Fraktionsvorsitz innehat, ihre junge
       Machtposition festigt: 53 Ja-, zwei Nein-Stimmen, eine ungültig, 96 Prozent
       und ein paar Zerquetschte, damit ist auch hier kein Zweifel mehr möglich:
       Die fünf etablierten Parteien treten in Bremen alle zur Bundestagswahl am
       24. September mit Frauen an der Spitze ihrer Listen an. SPD, CDU, Grüne,
       Die Linke und eben auch die FDP.
       
       Fünf Frauen, ist es das jetzt? Der endgültige Durchbruch? Der Sieg der
       Gleichstellungspolitik? Natürlich nicht. In der Politik bleibt alles in
       Bewegung, manchmal läuft’s, dann ergibt sich das nächste Problem, und so
       weiter. Es gibt keine Erlösung. Aber historische Zäsuren. Und das dürfte
       eine sein.
       
       Dürfte, denn selbst der Bundeswahlleiter kann nicht beantworten, ob es eine
       solche Konstellation, einen fast exklusiv weiblichen Wahlkreis, schon mal
       gab in Deutschland. Die Frage passt nicht zur Erhebungsmethodik. Und auch,
       ob es in einem anderen Wahlkreis zu einer ähnlichen Zusammensetzung kommt,
       wird erst im Sommer abschließend geklärt. „Auf Bundessicht wird der
       Bundeswahlleiter am 25. August 2017 Aussagen zu den Wahlbewerberinnen und
       Wahlbewerbern machen“, teilt das Statistikamt mit.
       
       Ganz amtlich wird die Konstellation auch in Bremen erst am Mittwoch. Dann
       wird der CDU-Kreisparteitag den Listenvorschlag des Landesvorstands
       absegnen, alles andere wäre ein krasser Bruch mit der Parteikultur. Für die
       Christdemokraten ist Elisabeth Motschmann die Nummer eins, Staatsrätin a.
       D., eine konservative evangelische Theologin und Publizistin mit 30 Jahren
       Politik-Erfahrung. Bei Die Linke gab’s Mitte Februar eine Kampfkandidatur:
       Doris Achelwilm, Pressesprecherin der Bürgerschafts-Linken und seit über
       drei Jahren Teil der Doppelspitze der Landespartei, hat sich gegen die
       Mandatsinhaberin Birgit Menz durchgesetzt. Bei den Grünen hatte die ewige
       Abgeordnete Marieluise Beck im Sommer schließlich abgewinkt: Noch einmal
       gegen die Ärztin und Psychotherapeutin Kirsten Kappert-Gonther antreten,
       nein, das wollte sie sich nicht mehr zumuten. War ja schon vor vier Jahren
       knapp genug gewesen.
       
       Den Anfang allerdings hatte die SPD gemacht. Am 18. November wurde Sarah
       Ryglewski aufs Schild gehoben, und auch das ist bemerkenswert: Zwar gehört
       die vormalige Chefin des Jusos-Landesverbandes, Diplom-Politologin, in Köln
       geboren, bereits seit 2015 dem Bundestag an, aber sie ist dort nachgerückt,
       nachdem ihr Vorgänger Carsten Sieling Bremer Bürgermeister geworden war.
       Auch Ryglewski musste sich gegen einen internen Mitbewerber behaupten. Der
       wissenschaftspolitische Sprecher der Bürgerschaftsfaktion hatte sein
       Interesse bekundet. Immerhin geht’s auch um ein Direktmandat, das seit
       Bestehen der Bundesrepublik stets von den Sozialdemokraten erobert wurden.
       Und stets von einem Mann. Noch nie haben die Genossen eine Frau in diesem
       Wahlkreis rangelassen.
       
       Aussichtsreiche Bundestagskandidaturen sind Positionen der Macht. Klar,
       sehr bedingte, in sehr bescheidenem Umfang, keine Frage, aber
       Machtpositionen sind es. Und dass Frauen sie anstreben, einnehmen und
       verteidigen, ist bemerkenswert, weil es eben noch immer keineswegs die
       Regel ist. So sind gerade mal 36,4 Prozent der Bundestagsabgeordneten
       weiblich. Wobei man nicht vergessen sollte, dass das bereits ein großer
       Erfolg von Politik ist: Nur eine Generation, 30 Jahre zurück, da
       existierten in der Bundesrepublik noch Landeskabinette ganz ohne Frauen,
       und nicht nur Uwe Barschel in Kiel, sondern auch SPD-Hoffnungsträger wie
       Oskar Lafontaine im Saarland meinten, die Zukunft nur mit einer Ministerin
       gestalten zu können. Heute würde so ein Vorgehen Proteste auslösen. Das
       ist, empirisch gut belegt, ein Effekt der von den Grünen damals
       eingeführten paritätischen Liste. Dass sie sich ohne Frauen nicht verkaufen
       lässt, hat schließlich auch die FDP verstanden, nachdem sie vor vier Jahren
       mit 82,9 Prozent männlichen Bewerbern den Einzug in den Bundestag verfehlt
       hat. Die Quote verursacht einen Anpassungsdruck. Die Antwort auf diesen
       Anpassungsdruck heißt in Hamburg Katja Suding. Die dortige
       FDP-Spitzenkandidatin ist eine mittelbare Quotenfrau, auch wenn sie das
       selbst nicht glaubt.
       
       Mehr finden Sie im Schwerpunkt oder hier:[1][[Link auf
       http://www.taz.de/!p4350/]]
       
       11 Mar 2017
       
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