# taz.de -- Schlechtester Regisseur aller Zeiten: Der Kritik in die Fresse schlagen
       
       > Uwe Bolls Filme ernteten regelmäßig Spott und Negativpreise. Kritiker
       > ignorierte Boll oder forderte sie zum Boxkampf. Jetzt hört er auf.
       
 (IMG) Bild: Eine Szene aus Uwe Bolls Horrorthriller „Alone in the Dark“ aus dem Jahr 2005
       
       Uwe Boll lässt sich nicht mehr umstimmen. Er ist auf Abschiedstournee. 25
       Jahre lang hat er Filme gedreht, geschrieben und produziert, hat
       Videospiele verfilmt, aber auch den Völkermord in Darfur und den Alltag im
       Konzentrationslager von Auschwitz. 25 Jahre lang ist er dafür von
       Videospielern und Filmkritikern regelmäßig zerrissen worden. Jetzt soll
       damit Schluss sein.
       
       Es ist Anfang August, Boll sitzt in der Lounge des UCI Kinos in
       Berlin-Friedrichshain. Rot-schwarzes Licht, Kunstlederpolster, das Ambiente
       erinnert in seiner Zwielichtigkeit an einen Stripclub. Boll zeigt heute
       „Rampage 3“, von dem er sagt, es sei sein letzter Film. Nicht einmal eine
       Million Dollar hat der Film gekostet und handelt von einem Mann, der
       versucht die Welt zu verbessern, indem er vor allem Unschuldige tötet. Der
       Film fasst all das zusammen, was Bolls Filmkarriere ausgemacht hat.
       
       Zwei junge Männer stürmen auf Boll zu, sie sind Fans. „Schön, dass du
       wieder da bist. Auch wenn wir gehofft hatten, dich noch häufiger zu sehen“,
       sagen sie. Aber Uwe Boll bleibt dabei: „Erstens kann man mit Filmen nichts
       mehr verändern, zweitens lohnt es sich nicht mehr. Ich reiße mir doch nicht
       umsonst den Arsch auf.“ Boll macht also wirklich Schluss.
       
       Dabei blieb er erstaunlich lange erstaunlich standhaft im Hagel aus Kritik
       und Hass. Vor 13 Jahren beginnt Uwe Boll Computerspiele zu verfilmen. Er
       sucht sich die bekanntesten und beliebtesten Spiele aus. Die Rechnung
       schien logisch: Wenn ein Spiel viele Fans hat, werden diese vielen Fans ins
       Kino gehen und den Film sehen. Allein: Die Rechnung ging nicht auf.
       
       Sein erstes Werk wurde „House of the Dead“ (2003): Eine Rave Party von
       StudentInnen wird von Zombies gestürmt, die junge Leute niedermetzeln.
       Typischer Horrorplot, nur, so befanden die Kritiker, platt, sinnfrei und
       anspruchslos. Auch die Spielefans sahen die Spielidee nicht angemessen
       umgesetzt. Boll sagt darauf nur: „Die meinen zu wissen, wie eine Verfilmung
       ihres Spiels auszusehen hat. Ich aber weiß, wie ein Film gemacht wird.
       ‚House of the Dead‘ ist das, was das Spiel ausmacht: leichte Unterhaltung
       und viel Action.“
       
       Eine typische Reaktion von Uwe Boll. Auf Kritik reagierte er stets mit
       Ignoranz oder Provokation. 2008 forderten mehrere hunderttausend
       Internetnutzer in einer Onlinepetition, dass Boll das Filmemachen aufgebe.
       Selbst der britische Süßigkeitenproduzent Cadbury Schweppes witterte den
       PR-Duft, sprang auf die Kampagne auf und bot jedem Unterzeichner eine
       Packung Kaugummis an, falls die Petition mehr als eine Million
       Unterschriften zusammenbekommen sollte. Bekam sie nicht. „Ich hatte damals
       nur eine Möglichkeit“, sagt Boll heute. „Alles ignorieren und weitermachen.
       Den internationalen Geldgebern ist so was nämlich völlig egal.“
       
       ## Kritiker k. o. schlagen
       
       Ignoriert hat er jedoch nicht immer, bisweilen ging er buchstäblich in die
       Offensive: 2006 lud er seine fünf lautesten – und wohl körperlich
       schwächsten – Internetkritiker zum Boxkampf und schlug sie alle. Sein Ruf
       war danach zwar nicht wiederhergestellt, sein nächster Film bekam dafür
       aber Aufmerksamkeit.
       
       Uwe Boll ist jetzt 51. Sein Körper ist breit gebaut und noch breiter
       trainiert. Wäre man George Clooney, Michael Bay oder einer der anderen
       Menschen, die Boll schon mal beleidigt hat, man würde ihn nicht von
       Angesicht zu Angesicht konfrontieren wollen. Immerhin hat Boll fast
       anderthalb Jahrzehnte geboxt; siebenmal habe er gekämpft und nicht einmal
       verloren, sagt er. „Ich habe damals angefangen zu boxen, weil ich Leute
       verhauen wollte, so einfach ist das.“
       
       Wahrscheinlich kommt daher sein Hang zur Actiondarstellung. 2007 erschien
       sein Film „Postal“: In einem Freizeitpark treffen Talibankämpfer auf die
       Polizei und Mitglieder einer Sekte. Es wird geschossen und hingerichtet,
       vor allem Kinder sterben.
       
       „In amerikanischen Filmen darf man keine Kinder töten – also haben wir nur
       Kinder getötet. Mit viel Blut. In Zeitlupe“, sagt Boll. Für den Film
       erhielt er den Negativ-Oscar Goldene Himbeere als „Schlechtester Regisseur“
       und zusätzlich für die Kategorie „Schlechtestes bisheriges Lebenswerk“. Und
       Boll? Reagierte mit einem YouTube-Video, in dem er die Verleiher als
       Arschlöcher beschimpft. „Wenn ihr ‚Postal‘ je gesehen hättet, wüsstet ihr,
       dass ihr falsch liegt“, sagt er auf Englisch. „Und jetzt geht zurück in
       euer beschissenes Starbucks in West-Hollywood“.
       
       Aber so überzeugt er sich damals von seinen Computerspielfilmen gab, um
       2010 herum wendete er sich langsam von ihnen ab und versuchte sich an
       politischen Filmen. Besonders stolz ist er auf „Darfur“. Boll wollte mit
       dem Film die Welt auf den dortigen Völkermord aufmerksam machen und dazu
       bewegen, etwas dagegen zu tun.
       
       „Darfur“ ist alles andere als ein schlechter Film. Er bietet glaubhafte
       Charaktere in einer realistischen Story. Uwe Boll hat den Film teilweise
       selbst finanziert – wie er das später häufiger getan hat, wenn ihm ein Film
       wichtig war. „Darfur“ gewann einen Filmwettbewerb und wurde weitgehend
       positiv rezipiert – eine neue Erfahrung, sowohl für Boll als auch für seine
       Kritiker.
       
       Das Bad-Boy-Image wurde er dadurch aber nicht los. Dass er heute noch auf
       seine Filme von damals reduziert wird, kränkt ihn. „Anderen Regisseuren
       verzeiht man doch auch, wenn sie mal einen schlechten Film gedreht haben.
       Natürlich habe ich gesehen, dass die Filme flach waren“, sagt er über die
       Computerspieladaptionen. „Aber sie haben mir die Freiheit gegeben, später
       die Filme zu machen, die ich wirklich machen wollte. Geld ist Freiheit –
       ich bereue nichts.“
       
       ## Was man nicht sehen will
       
       Ein weiteres Thema, das Boll offensichtlich beschäftigte, war der
       Holocaust. 2011 dreht er „Auschwitz“. Am Anfang befragt Boll darin peinlich
       unwissende Schüler zu den Verbrechen der Nazis – um dann direkt überzugehen
       zu seinem alten Stilmittel: brachiale Gewalt. Opfer ersticken minutenlang
       in einer Gaskammer, während Boll als SS-Offizier vor der Tür wartet. Die
       Leiche eines kleinen Jungen verfolgt die Kamera bis in den Ofen des
       Krematoriums hinein.
       
       Was man zuvor noch nie gesehen hatte, hätten viele auch lieber nie gesehen.
       Vor allem in Deutschland sorgte Boll für Empörung, die Berlinale weigerte
       sich, den Film aufzuführen.
       
       Uwe Boll würde den Film trotzdem genauso wieder drehen. „In zwanzig Jahren
       werden viele froh sein, dass mein Film existiert. So kann niemand
       vergessen, was damals passiert ist.“
       
       Finanziert hat Boll seine Filme häufig selbst. Das ging auch, weil er
       zweifelhafte deutsche Filmfonds nutzte, die ihm riesige Budgets,
       hochkarätige Darsteller und viel Kritik der Spielefans einbrachten. Anleger
       konnten über diese Fonds Geld von der Steuer abschreiben.
       
       „Hätte ich mich damals nicht auf diese Fonds gestürzt, hätte ich schlicht
       kein Kapital gehabt“, sagt Boll, dessen Vermögen auf 10 Millionen Dollar
       geschätzt wird. Boll hat sich immer wieder auch als Geschäftsmann versucht.
       Auch heute vermarktet er weiterhin fremde Filme über seine Firma Event
       Films. Sein neuestes Projekt: Sein eigener Streamingdienst, Bollflix, soll
       demnächst online gehen.
       
       In seinem Umfeld glaubt man noch nicht so recht an seinen Abgang. „Ich
       glaube nicht, dass er mit dem Filmemachen abgeschlossen hat“, sagt ein
       Schulfreund, der ebenfalls zur Vorstellung von „Rampage 3“ gekommen ist.
       „Dafür waren wir früher zu oft im Kino.“
       
       Boll hingegen arbeitet derweil eifrig an seinem Leben nach dem Ausstieg. Er
       führt jetzt ein erfolgreiches Restaurant in Vancouver. Außerdem überlegt er
       offen, in der Politik aktiv zu werden. Er hat bereits Martin Sonneborn
       angeschrieben, um ihn zu fragen, warum er immer nur Satire macht und es
       nicht mal mit Realpolitik versucht.
       
       4 Sep 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Hofmann
       
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