# taz.de -- Bewegende Kunst: Mehr Leben durch Tod
       
       > Zum 25-jährigen Bestehen des Museums schockt und lockt die Weserburg mit
       > Werken aus der Sammlung Reydan Weiss
       
 (IMG) Bild: Direktor Peter Friese mag nicht, wenn Penck beim Sammler überm Sofa hängt. Bei Daniela Rossells Frustrated Prom Queen ist das nicht der Fall
       
       BREMEN taz | „Wenn ich in die Wohnung eines Kunstsammlers komme und dort
       hängen ein Penck und ein Baselitz überm weißen Ledersofa, dann gehe ich
       gleich wieder“, sagt Weserburg-Chef Peter Friese. Als er Reydan Weiss in
       Essen besuchte, stand im Wohnzimmer eine viktorianische Ausstellungsvitrine
       als Blickfang, proper gefüllt mit Voodoo-Objekten, Heiligenfiguren und dem
       Personal eines schamanistischen Puppenspiels – einige der Geschöpfe
       scheinen direkt aus Alpträumen gecastet worden zu sein. Zwischendrin hocken
       kuschelniedliche Häschen – als Stellvertreter der australischen Künstlerin
       Linde Ivimey, Spitzname Bunny.
       
       Dieses Panoptikum der Angst schuf sie, als sie eine Krebsdiagnose erhalten
       hatte: Es wirkt wie eine Wunderkammer zusammengeklauter Andenken kolonialer
       Kulturgutsammler. Alles ist aber selbst gebastelt. Nämlich genäht, geklebt,
       geschweißt und gehäkelt aus groben Garnen, tierischen Häuten, menschlichen
       Haaren, textilen Fetzen, Knochen und Krimskrams, den Puppendoktoren
       irgendwo herausoperiert haben.
       
       In Weiss’ guter Stube stand neben diesem Kunstmöbel, achtlos an eine Säule
       gelehnt, auch ein Werk Bernard Frizes, an dem Friese „der Balanceakt
       zwischen freiem Farbfluss und gewolltem Malakt“ interessiert: ineinander
       verlaufende Acrylfarbbalken, die von Weitem wie asiatisch dahingetuschte
       Gebirgszüge im Nebel aussehen.
       
       Davor platziert hatte Weiss eine Nagerfalle, von Andreas Slominski zum
       Mäusetotem aufgehübscht. Dazu eine Weltkugel aus Mäuseschädelknochen, die
       Alastair Mackie aus dem Gewölle der in seinem Atelier hausenden Eule gepult
       hat. Und im Stil spanischer Stillleben fotografierte Speisen – es sind
       Henkersmahlzeiten aus texanischen Todeszellen. Friese jedenfalls war
       begeistert. Keine Trophäensammlung, um zu zeigen, was sich andere nicht
       leisten können.
       
       „Weiss lebt mit ihrer Kunst, die ihr persönlich etwas bedeutet“, sagt er.
       Klar, es gibt auch die großen Namen, Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Cindy
       Sherman, aber vor allem Entdeckungen über Entdeckungen. Gerade aus Asien,
       Ozeanien, Afrika, Lateinamerika und der Karibik. „Mir ist das Leben
       lieber“, heißt die Präsentation von etwa 100 Werken jetzt in der Weserburg.
       
       Es ist die derzeit reizvollste Ausstellung in Bremen, ideal zum 25.
       Geburtstag des Sammlermuseums. Da es kunsthistorisch noch unabgesicherte
       und zeitgenössisch bereits gefeierte Positionen in beeindruckender
       Vielgestaltigkeit gegenüberstellen und dabei frische Einblicke ins globale
       Panorama der Gegenwartskunst bieten kann. Warum die Kuratoren des Museums
       dazu eine Sammlerin brauchen? Weil die das Geld hat.
       
       Ihr Ehemann ist Ralf Roger Weiss, der 1987 die Management für Immobilien AG
       gegründet hat. Mit Shoppingcentern erwirtschaftete sie ein
       Milliarden-Vermögen. Weiss verkaufte über 90 Prozent seiner
       Unternehmensaktien. Heute pendeln die Weissens zwischen ihren Häusern in
       Deutschland, der Türkei und Neuseeland hin und her. Und sammeln Kunst.
       Deswegen ist die Weserburg aber kein Selbstdarstellungsort der
       Kulturschickeria.
       
       Dort präsentierte Sammlungen, auch die der Weissens, sind nicht als reine
       Wertanlage oder Spekulationsobjekt zusammengestellt worden, sondern auch
       Liebhaberei. Reydan Weiss kann sich diese Art intellektueller Verheimatung
       leisten. Und fühlt sich zu Hause in der Offenheit dem Fremden gegenüber.
       
       So wuchs sie auf, wurde in Istanbul geboren, dann nach Jordanien
       umgesiedelt, ist in Jerusalem auf eine Klosterschule gegangen und vor den
       Folgen des Sechstagekrieges nach München geflohen. Hat im Spannungsfeld
       kultureller Widersprüche gelernt, Verschiedenheit als Anregung zu genießen.
       Ohne zu hierarchisieren. Auch ohne zu harmonisieren. Weiss sammelt nicht
       nach Themen, Kunstepochen, Herkunftsland – sondern nach dem
       Gänsehautprinzip.
       
       Friese: „Wenn sie bei der Begegnung mit immer neuen künstlerischen
       Weltsichten auch erst mal nichts versteht, aber erstaunt, erschreckt,
       berührt, fasziniert ist – dann kauft sie.“ Die Weserburg lädt nun zu diesem
       Dialog mit dem Disparaten. Da hängt pointilistische Aboriginal Art neben
       rechteckiger Minimal Art von Imi Knoebel. Da steht eine weibliche Figur aus
       Bronze, mit Kopftuch, aber nackt (Olaf Metzel: Turkish delight) – in ihrem
       Rücken hängen Daniela Rossells Porträts gelangweilter Millionärsgattinnen.
       
       Nur einige Vasen wirken etwas verloren. „Die mussten wir aufstellen, das
       war Weiss’ einzige Bedingung“, erklärt Mitkurator Guido Boulboullé. Und
       nun? „Weder ist unser Haus marode noch das Konzept ein Auslaufmodell“,
       stellt Friese klar. „Demnächst wollen wir Sammlungen der U 40-Generation
       kuratieren.“
       
       3 Jun 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Fischer
       
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