# taz.de -- Politik-Seifenoper in Brasilien: House of Carnival
       
       > Brasilianer brauchen keine TV-Serien wie „House of Cards“ – sie haben die
       > reale Politik. Eine wahre Geschichte in drei Staffeln.
       
 (IMG) Bild: Die Darsteller von Dilma Rousseff aus im Uhrzeigersinn: Michel Temer, Aécio Neves, Eduardo Cunha, Sérgio Moro, Lula da Silva
       
       Was vorher geschah: Viele Jahre war Brasilien ein Boomland. Protagonist des
       wirtschaftlichen Aufschwungs war Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Dank
       seiner Sozialpolitik entkamen Millionen Brasilianer der Armut, Barack Obama
       nannte ihn den „beliebtesten Politiker der Welt“. Davon ist nicht mehr viel
       zu spüren, die Wirtschaft wächst längst nicht mehr, es herrscht Inflation.
       Schwere Zeiten für Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff, die zudem mit einem
       Korruptionsskandal im Ölkonzern Petrobras kämpft. Jahrelang war sie dort
       Aufsichtsratschefin. Das alte Establishment der seit jeher Reichen und
       Mächtigen wittert die Chance, die verhassten Linken zu entmachten.
       
       ***
       
       ## Staffel 1: Dilma muss weg
       
       S01E01: Sieg 
       
       Dilma Rousseff hat die Wahl im Oktober 2014 nur äußerst knapp gewonnen.
       Ihre Gegner können es nicht glauben. Allen voran der konservative Kandidat
       Aécio Neves, er will seine Niederlage nicht akzeptieren. Öffentlich hält
       sich Neves zurück, aber in seiner Partei reden sie von Wahlbetrug. Dilma
       umarmt nach ihrer Dankesrede ihren Vorgänger Lula, den Garanten ihres
       Wahlsieges. Neben ihnen steht Vizepräsident Michel Temer. Er lächelt
       gezwungen.
       
       S01E02: Das Komplott 
       
       Aécio Neves bekommt Unterstützung. Auch andere Politiker, Justizbeamte,
       Polizisten, Unternehmer und Verleger sind geschockt vom Sieg der Linken.
       Gemeinsam schlagen sie zurück. Oppositionspolitiker übertreiben das Ausmaß
       der Wirtschaftskrise – Zeitungen, Fernsehsender, Radiostationen berichten,
       als stünde das Land vor dem Untergang. Wegen der Petrobras-Affäre wird
       hauptsächlich gegen die Regierungsparteien ermittelt. Es gibt spektakuläre
       Festnahmen.
       
       S01E03: Bibel, Blei, Bullen 
       
       Parlamentspräsident Eduardo Cunha legt den Abgeordneten Gesetze vor, die
       die Staatsausgaben erhöhen sollen. So will er den Haushalt weiter belasten
       und die Regierung in die Enge treiben. Cunha verlässt sich dabei auf seine
       Freunde von der parteiübergreifenden Fraktion BBB – „Bíblia, Bala e Boi“,
       übersetzt: Bibel, Blei und Bullen. Die Evangelikalen, Waffenbefürworter und
       Landbesitzer kämpfen sonst gegen die Rechte von Homosexuellen und gegen
       Landreformen. Ihr neues Ziel heißt: Dilma Rousseff.
       
       S01E04: Autowäsche 
       
       Von Curitiba an der Südküste Brasiliens aus führt Bundesrichter Sérgio Moro
       seit zwei Jahren die Ermittlungen im Fall Petrobras. Alles begann mit einer
       Razzia in einer Autowaschanlage in der Hauptstadt Brasília. Moro
       präsentiert einen neuen Kronzeugen: Ein ehemaliger Petrobras-Manager
       beschuldigt die Regierungspartei, bis zu 200 Millionen US-Dollar illegaler
       Spenden vom Ölkonzern erhalten zu haben.
       
       S01E05: Geständnisse 
       
       Moro rechtfertigt seine harte Strategie als die einzig erfolgreiche im
       Kampf gegen die Korruption. Monatelange Untersuchungshaft, bis der
       Widerstand gebrochen und ein weiterer Prominenter bereit ist, als Kronzeuge
       auszusagen. Dann füttert er die Presse mit ausgewählten Passagen der
       Geständnisse. Seine Bilanz ist eindrucksvoll: Staatsgelder in
       Milliardenhöhe wurden zurückgezahlt, Topmanager und Politiker sitzen hinter
       Gittern. Moro wird als Präsidentschaftskandidat gehandelt.
       
       S01E06: Auf der Straße 
       
       Millionen Menschen protestieren im ganzen Land gegen die Regierung. Rund um
       die Uhr zeigen die TV-Sender gelb-grüne Meere, aus Lautsprechern trötet die
       Nationalhymne. Aufblasbare Plastikpuppen zeigen Lula und Dilma in
       Sträflingskleidung. Soldaten wünschen sich die Militärdiktatur zurück.
       Dilma sorgt sich, weil zu den Demonstrationen ihrer Arbeiterpartei PT viel
       weniger Menschen kommen.
       
       S01E07: Der Japaner 
       
       Wenn bei prominenten Verdächtigen die Handschellen klicken, sind fast immer
       Kamerateams dabei. Ein japanisch-stämmiger Bundespolizist wird zum
       Medienliebling. Der „Japonês da Federal“ taucht plötzlich sogar im Kongress
       auf und posiert dort zusammen mit Abgeordneten der Bibel-Blei-und-
       Bullen-Fraktion als Retter der Ordnung. Dann kommt heraus: Es gibt ein
       Disziplinarverfahren gegen ihn, und er sollte eigentlich suspendiert
       werden. Unterdessen machen Politiker der PT dem Justizminister, ihrem
       Parteifreund, Druck. Er soll seine Leute zügeln.
       
       S01E08: Ein Putsch? 
       
       Dilma versucht weiterzuregieren. Gegen Wirtschaftskrise,
       Korruptionsgerüchte und schlechte Stimmung. Ihre Widersacher diskutieren
       Anfang 2016 nicht mehr, ob, sondern nur noch, wie sie gehen wird:
       freiwilliger Rücktritt mit Neuwahlen, Amtsenthebung wegen Haushaltstricks,
       Rauswurf wegen illegaler Wahlkampffinanzierung? Oder soll doch das Militär
       Ordnung schaffen?
       
       ## ***
       
       ## Staffel 2: Die Jagd auf Lula
       
       Was bisher geschah: Nach Dilmas knapper Wiederwahl setzt die Opposition
       alles daran, sie wieder aus dem Amt zu drängen. Ihr kommt dabei gelegen,
       dass ein eifriger Bundesrichter die Präsidentin in seine
       Korruptionsermittlungen hineinziehen will. Anhänger beider Lager gehen auf
       die Straße. 
       
       S02E01: Das Comeback 
       
       Lange Zeit war es nur ein Gerücht an den Stammtischen, jetzt sagt Lula es
       selbst: Er wird 2018 wieder kandidieren. Zum sechsten Mal. Die letzten
       beiden Male gewann er. In Umfragen liegt er weit vorn. Den alten Eliten
       droht ein Albtraum. Nur die Unternehmer bleiben cool, denn mit Lula ließ
       sich stets bestens über Geschäfte reden.
       
       S02E02: Präsidentenmacher 
       
       Bundesrichter Moro hat sich ein neues Ziel ausgeguckt: den Wahlkampfmanager
       João Santana. Zweimal hat er Dilma den Weg zum Sieg geebnet, Lula einmal,
       2006. Auch in El Salvador, Venezuela, Angola und in der Dominikanischen
       Republik half Santana beim Gewinnen. Sein Millionenhonorar in Brasilien
       soll mit Petrobras-Geld bezahlt worden sein. Richter Moro lässt ihn samt
       Ehefrau verhaften. Santana war gerade wieder in der Dominikanischen
       Republik, um einem weiteren Präsidenten zur Macht zu verhelfen. Als er
       zurückfliegt, weiß er, dass er ins Gefängnis muss.
       
       S02E03: Das Apartment 
       
       Während Lula seine Rückkehr in die Politik vorbereitet, geht Sérgio Moro
       direkt gegen ihn vor: Der Expräsident besitzt ein Luxusapartment am Strand
       und ein schickes Grundstück auf dem Land, erklärt der Bundesrichter. Er
       wirft dem Expräsidenten Lügen und Steuerhinterziehung vor. Dass andere
       Namen im Grundbuch stehen, sei Fassade. Der Hausmeister und viele andere
       haben Lula zu oft dort gesehen. Außerdem haben bereits der Korruption
       überführte Bauunternehmer die Anwesen renoviert. Offensichtlich als
       Gefälligkeit.
       
       S02E04: Beinahe verhaftet 
       
       Früh am Morgen stürmen 200 schwer bewaffnete Bundespolizisten Lulas Haus in
       São Paulo und nehmen ihn zum Verhör mit. Auf der Wache des
       Innenstadtflughafens sagt der Expräsident nichts Neues. Eine Zusammenarbeit
       mit den Ermittlern hatte er nie verweigert. Es steht ein Flugzeug bereit,
       das ihn direkt in eine Zelle nach Curitiba, der Stadt von Bundesrichter
       Moro, bringen soll. Doch Lula kommt dort nie an. Über das Warum gibt es
       später nur Gerüchte, angeblich sollen Angestellte des Flughafens verhindert
       haben, dass Lula in die Maschine einsteigt.
       
       S02E05: Zweiter Versuch 
       
       Als Nächstes versucht ein Staatsanwalt in São Paulo, an Lula heranzukommen.
       Er beantragt Untersuchungshaft. Es geht ebenfalls um das Strandapartment,
       aber der Vorwurf wird anders formuliert. Der Staatsanwalt sagt, Lula könne
       wegen seines Einflusses und seiner Macht den Korruptionsermittlungen
       gefährlich werden. Doch ein Gericht verhindert die Verhaftung. Lula sei in
       aller Welt bekannt und könne nirgendwohin unerkannt flüchten, urteilen die
       Richter.
       
       S02E06: Dilmas Trick 
       
       Dilma ernennt Lula zum Kabinettschef. So nimmt sie ihren Vorgänger und
       möglichen Nachfolger aus der Schusslinie von Bundesrichter Moro. Denn
       Minister dürfen nur vor dem Obersten Gerichtshof angeklagt werden. Die
       Opposition protestiert, als ihr die sicher geglaubte Beute so kurz vor dem
       Zugriff entwischt. Die Präsidentin erklärt, sie habe Lula wegen seiner
       politischen Qualitäten zum Kabinettschef gemacht.
       
       S02E07: Die Wanze 
       
       Moro setzt alles auf eine Karte: Er lässt ein Telefonat von Dilma und Lula
       abhören und gibt es nur wenige Stunden später an die Presse weiter. Darin
       sagt Dilma, sie werde Lula die Ernennungsurkunde „für alle Fälle“
       zuschicken. Für Moro der Beweis, dass Lula nur Minister wurde, um seinen
       Ermittlungen zu entkommen. Dilma sagt, Lula habe wegen seiner kranken Frau
       nicht in die Hauptstadt reisen können. Darum sei es in dem Gespräch
       gegangen. Das Land ist gespalten, die eine Hälfte glaubt Moros Version, die
       andere Dilmas. Der Bundesrichter entschuldigt sich später für das Abhören
       der Präsidentin. Folgen hat das für ihn keine.
       
       S02E08: Lula darf nicht 
       
       Nach dem illegalen Mitschnitt reichen viele Oppositionspolitiker an ihren
       Wohnorten Klagen gegen die Ernennung Lulas zum Kabinettschef ein. Die
       Gerichte fällen mehrere Entscheidungen gegen Lula, doch die zweiten
       Instanzen heben die meisten wieder auf. Dann urteilt der Oberste Richter
       Gilmar Mendes, der schon öfter auf die Arbeiterpartei geschimpft hat: Der
       Expräsident darf nicht Minister werden. Das Plenum des Obersten Gerichts
       verschiebt die endgültige Entscheidung – die Richter wollen sich den Stress
       mit Lula nicht machen, wenn Dilma sowieso bald abgesetzt wird. Vorerst
       endet die Jagd auf Lula mit einem Patt. Dilma grübelt: War die Ernennung
       ihres Mentors zum Minister ein Fehler?
       
       ## ***
       
       ## Staffel 3: Die Macht ist nah
       
       Was bisher geschah: Die Opposition will Dilma aus dem Weg räumen, was sich
       aber als schwieriger herausstellt als gedacht. Deshalb richtet sich der
       Eifer ihrer politischen Gegner und des Bundesrichters Sérgio Moro gegen
       ihren Vorgänger und Mentor Lula. Sie glauben, wenn der starke Mann in der
       Arbeiterpartei fällt, dann fällt auch Dilma Rousseff. Sie ernennt Lula zum
       Kabinettschef, um ihn vor der Justiz zu schützen. 
       
       S03E01: Haushaltsfrage 
       
       Sosehr die Opposition auch lästert, egal wie eifrig Moro auch wühlt – Dilma
       ist einfach nicht in die Korruptionsaffäre hineinzuziehen. Deshalb erheben
       ihre Gegner einen neuen Vorwurf: Sie soll mit den Haushaltszahlen getrickst
       haben, um sich ihre Wiederwahl zu sichern. Das haben ihre Vorgänger auch so
       gemacht, aber für Parlamentspräsident Eduardo Cunha ist das die Chance,
       seine Widersacherin endlich loszuwerden. Er eröffnet ein
       Amtsenthebungsverfahren gegen sie.
       
       S03E02: Weihnachtsdeko 
       
       Vizepräsident Michel Temer ist unzufrieden. Er schreibt im Dezember 2015
       Dilma einen Brief. Er beklagt sich, nur eine „dekorative“ Rolle in der
       Regierung zu haben. In den sozialen Netzwerken machen sich die Leute
       darüber lustig, sie posten Bilder von Temer als Weihnachtsdeko. Heimlich
       lacht Dilma darüber. Öffentlich schweigt sie.
       
       S03E03: Bruch 
       
       Dilma verliert ihren wichtigsten Koalitionspartner. Die Partei der
       demokratischen Bewegung verlässt nach 13 Jahren die Regierungskoalition.
       Das jedenfalls verkündet die Parteiführung. Aber nur der Tourismusminister
       ist bereits zurückgetreten. Die sechs weiteren Kabinettsmitglieder der
       Partei ziehen es vor, ihren Job zu behalten. Ihr Kalkül: Wenn sie ihre
       Posten behalten, kann Dilma sie nicht anderen Parteien im Austausch für
       Stimmen anbieten. Michel Temer legt den Parteivorsitz nieder, bleibt aber
       Vizepräsident. Nur in dieser Stellung kann er Dilma beerben.
       
       S03E04: Die Rede 
       
       Es sind noch wenige Tage bis zur entscheidenden Abstimmung. Temers Laune
       ist ausgezeichnet, denn die Chancen, dass er bald Interimspräsident wird,
       sind gut. Er weiß aber auch, dass er bei den Wählern sehr unbeliebt ist. Er
       lässt eine 13-minütige Tonaufnahme durchsickern, auf der er seine
       Antrittsrede übt und verspricht, „das Land aus der Krise zu führen“: ein
       Test, wie er aktuell so ankommt beim Volk. Und eine Kampfansage an Dilma.
       Offiziell spricht Temer von einem Versehen.
       
       S03E05: Fernsehverbot 
       
       Anhänger und Gegner der Regierung gehen auf die Straße. Für Dilma und gegen
       sie. Die Opposition erreicht vor Gericht, dass Dilma keine Fernsehansprache
       halten darf. Sie soll die Instrumente der Regierung nicht zu ihrer
       persönlichen Verteidigung nutzen. Ihre Botschaft bringt sie per Facebook
       unters Volk: Werde ich gestürzt, werden soziale Programme gekürzt. Lüge!,
       twittert Michel Temer. Er weiß, das Soziale ist die Stärke der Linken,
       nicht seine. Er und seine Verbündeten müssen die Abgeordneten in Brasília
       überzeugen, gegen Dilma Rousseff zu stimmen. Fraktionsdisziplin gibt es in
       Brasilien nicht. Es zählen Versprechungen und Geschenke.
       
       S03E06: Für meine Tochter 
       
       Die Sitzung des Abgeordnetenhauses am 17. April zieht sich über mehr als
       sechs Stunden. Einzeln treten die Abgeordneten ans Mikrofon. Warum stimmen
       sie für die Amtsenthebung? „Wegen meiner ungeborenen Tochter“, „wegen der
       brasilianischen Ärzte“, „wegen Frieden in Jerusalem“. Parallel zum
       Politikkarneval laufen auf Twitter die Infos, mit welchen Korruptionsfällen
       der jeweilige Abgeordnete zu tun hat. Bis zuletzt hofft Dilma, dass sie
       noch Abgeordnete auf ihre Seite ziehen kann. Vergeblich. 367 Abgeordnete
       stimmen für eine Amtsenthebung, nur 137 stimmen dagegen. Dilma hat damit
       eine klare Zweidrittelmehrheit gegen sich. Ihre Gegner jubeln, bald haben
       sie es geschafft.
       
       S03E07: Nach unten 
       
       Ende April reist Dilma für eine Sitzung der Vereinten Nationen nach New
       York. Weil sie zu Hause keine Chance mehr sieht, wendet sie sich an die
       Welt. Internationalen Journalisten sagt sie: Die Demokratie ist in Gefahr!
       Für meine Amtsenthebung gibt es keine gesetzliche Grundlage! Es droht ein
       Putsch! Im Kunstmuseum MoMa macht sie einen symbolträchtigen Fehler: Sie
       fährt mit der Rolltreppe nach unten.
       
       ## ***
       
       ## Demnächst
       
       S04E01: Die Entscheidung 
       
       Nach dem Abgeordnetenhaus stimmt im Mai auch der Senat über die
       Amtsenthebung ab. Temer bereitet sich darauf vor, endlich für ein halbes
       Jahr Interimspräsident zu werden, mit Cunha als Stellvertreter. Doch Dilma
       und Lula geben nicht auf. 2018 wird wieder gewählt.
       
       2 May 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sebastian Erb
 (DIR) Andreas Behn
       
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