# taz.de -- Tacheles-Grundstück in Berlin: Das Loch als Selfie-Kulisse
       
       > Das Tacheles war Magnet für die Subkultur und Touristen. Nun beginnen die
       > Bauarbeiten auf dem Grundstück. Bis 2020 sollen dort 450 Wohnungen
       > entstehen.
       
 (IMG) Bild: So war es mal, so wird es nie wieder: Touristen vor dem Kunsthaus Tacheles 2012.
       
       Es ist, als würde an dieser Stelle der Stadt, rund ums Tacheles, ein Loch
       in der Stadt klaffen – nicht nur optisch, sondern auch in dem, was sie von
       sich erzählt.
       
       Nebenan bieten zwei Cafés Espresso to go, davor steht eine Gruppe von
       Männern, die sich ihre Pullis um die Schultern gelegt und über der Brust
       verknotet haben – sie sprechen über ihr Business. In der Tiefgarage des
       Arcotel Velvet Berlin kann man für 19 Euro am Tag parken. Leute, die hier
       wohnen, scheinen an diesem sommerlichen Dienstagnachmittag nicht unterwegs
       zu sein. Nur hin und wieder bleiben Touristen vor der pittoresken Fassade
       des Tacheles stehen und machen ein paar Selfies.
       
       Die Kaufhausruine Tacheles, die zu DDR-Zeiten abgerissen werden sollte und
       Anfang der Neunziger von einer Handvoll eigensinniger Anwohner und Künstler
       besetzt wurde, stand bis zuletzt für ein Berlin der Freiräume, in dem vor
       allem deshalb so viel möglich war, weil es so wenig kostete – wild,
       anarchisch, experimentell. Zeitweise war das Haus in aller Welt bekannt, im
       Café Zapata mit seinen eisernen Tischen und Stühlen traten unzählige Bands
       auf.
       
       Doch 2011 wurde das Haus geschlossen, monatelang wurde unter Protest der
       letzten Verbleibenden Etage um Etage geräumt und versiegelt. „Ab dem 4.
       April beginnt eine neue Zeitrechnung für das Areal am Tacheles“, verkündete
       nun der neue Käufer, das US-Unternehmen Perella Weinberg Real Estate.
       
       Bis 2020 soll auch diese Lücke geschlossen sein, es ist die Rede von 450
       Wohnungen, aber auch davon, dass abgerissene Baukörper der ehemaligen
       Friedrichstadt-Passage wiederhergestellt werden. Der morbide Charme der
       Hoffassade des Tacheles soll erhalten bleiben – vielleicht wird sie ja in
       Plexiglas gegossen.
       
       Im Augenblick deutet nur ein mit grünem Plastikstoff verhangener Gitterzaun
       darauf hin, dass die Bauarbeiten begonnen haben – dahinter parkt ein
       einziger kleiner Bagger. Eine junge Frau lässt sich von ihrem Freund vor
       einem Graffito fotografieren, auf dem „Why?“ steht. Beide tragen
       verspiegelte Pilotenbrillen. Sie kommen aus China und studieren
       Illustration und Malerei in London. Sie finden, dass das Tacheles alt
       aussieht. Mehr wissen sie nicht darüber.
       
       Eine Familie aus England ist auf der Suche nach dem berühmten Graffito des
       Street-Art-Künstlers Banksy im Hof des Tacheles, der nicht mehr zu betreten
       ist. Offenbar hatten sie den besseren Reiseführer.
       
       Die neunziger Jahre sind wirklich sehr, sehr lange her.
       
       5 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
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