# taz.de -- Geplante Aussage im NSU-Prozess: Umkämpftes Ende des Schweigens
       
       > Nach vier Jahren will Beate Zschäpe im NSU-Prozess aussagen. Doch dann
       > nimmt der Prozess eine unerwartete Wendung.
       
 (IMG) Bild: Der Prozess läuft anders, als Beate Zschäpe es geplant hat
       
       München taz | Es hatte alles so fröhlich begonnen für Beate Zschäpe. Mit
       einem Lächeln betritt sie am Dienstagmorgen den Saal A101 des Münchner
       Oberlandesgerichts. Sofort beugt sie sich hinüber zu ihrem Anwalt Mathias
       Grasel, tuschelt, gestikuliert, lächelt wieder. Geradezu aufgekratzt wirkt
       Zschäpe.
       
       Einen Tag noch, so will sie es, so will es ihr neuer Anwalt, dann wird der
       NSU-Prozess eine spektakuläre Wende nehmen. Dann möchte Zschäpe sich
       einlassen, in einer schriftlichen Erklärung. Erstmals, nach vier Jahren des
       Schweigens.
       
       Doch schon kurz darauf wird Zschäpes Euphorie gebremst. Kaum hat Richter
       Manfred Götzl den Prozesstag eröffnet, ergreift ihr Anwalt Wolfgang Heer
       das Wort. Wolfgang Stahl, Anja Sturm und er – Zschäpes drei ursprüngliche
       Pflichtverteidiger – wollten ihr Mandat niederlegen. Trotz mehrmaliger
       Nachfragen an den Strafsenat sei man über die Kehrtwende von Zschäpe nicht
       informiert worden. Schon seit Monaten spricht diese nur noch mit dem erst
       im Juli ernannten Anwalt Grasel. Nun, klagt Heer, grenze auch das Gericht
       sie aus. Eine Verteidigung sei so nicht mehr möglich.
       
       Es ist eine Frontalattacke. Bereits im Juli hatten Heer, Sturm und Stahl
       nach Zerwürfnissen mit Zschäpe ihre Enthebung beantragt – erfolglos.
       Diesmal aber ist es ernst. Denn das Verteidigertrio pocht seit
       Prozessbeginn auf das Schweigen Zschäpes. Worüber diese sich nun
       hinwegsetzt.
       
       ## Möglicher erster schwerer Fehler
       
       Bedeutsamer noch: Womöglich hat Richter Manfred Götzl einen ersten schweren
       Fehler gemacht. Er selbst berichtet am Morgen, dass ihm bereits Ende August
       ein Kanzleikollege Grasels, der renommierte Münchner Strafverteidiger
       Hermann Borchert, eine schriftliche Erklärung Zschäpes angekündigt hatte.
       Seitdem wurde über eine Aussage beraten. Nur die drei Altverteidiger von
       Zschäpe informierte Götzl nicht.
       
       Dabei wusste er, dass zwischen diesen und Grasel Funkstille herrscht. Erst
       die wiederholten Attacken von Zschäpe auf Sturm, Stahl und Heer hatten
       Götzl veranlasst, Grasel nachträglich als Verteidiger zu ernennen – als
       Besänftiger. Die Angeklagte jedoch brach darauf jeden Kontakt mit ihrem
       alten Anwältetrio ab. Entsprechend harsch reagieren diese am Dienstag
       darauf, dass sie von Götzl nicht über die Zschäpe-Aussage informiert
       wurden.
       
       ## Befangenheitsantrag
       
       Die Anwälte des mitangeklagten Ralf Wohlleben bemerken das Momentum sofort.
       Sie stellen einen Befangenheitsantrag gegen den Senat. Offenbar wolle
       dieser eine Aussage Zschäpes „um jeden Preis“, ungeachtet jeden
       „Fairnessgebots“. Und die Anwälte ergänzen ein brisantes Detail: Bereits im
       September habe sie Grasel vertraulich über die geplante Aussage Zschäpes
       informiert – mit der Bitte um „unbedingtes Stillschweigen“ gegenüber Heer,
       Stahl und Sturm. Die drei blicken sich entgeistert an: Selbst die
       Verteidiger eines anderen Angeklagten wussten Bescheid?
       
       Noch am Morgen hatte sich Zschäpe Verstärkung organisiert. Borchert, der
       Kanzleikollege Grasels, hatte sich als weiterer Verteidiger beim Gericht
       angemeldet. Grasel gab bekannt, dass man nach der Einlassung zwar keine
       Nachfragen der Opfer-Anwälte, wohl aber des Gerichts beantworten werde.
       Wozu Zschäpe genau etwas sagen wird, darüber schweigt Grasel. „Umfassend“
       werde die Einlassung sein, teilt er nur mit. Sie werde die Person Zschäpes
       betreffen wie auch die Taten. Am frühen Abend ist klar, dass Zschäpes für
       Mittwoch geplante Aussage verschoben wird.
       
       Die 40-Jährige selbst verfolgt das Gezerre zunehmend konsterniert. Richter
       Götzl unterbricht den Prozess bis Dienstag, den 17. November. Zschäpes
       Lächeln ist verschwunden. Die Regie, die sie plante, ist ihr entglitten.
       
       10 Nov 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
       
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