# taz.de -- Ägyptischer Journalist wieder frei: Wegen Recherchen im Visier
       
       > Hossam Bahgat wurde vom Militärgeheimdienst inhaftiert. Er recherchierte
       > über die Armee und Korruption in der Familie Mubarak.
       
 (IMG) Bild: Der Journalist noch vor seiner Verhaftung in seinem Büro (Archivbild 2011).
       
       Kairo taz | Investigativer Journalismus in der autokratischen arabischen
       Welt, das scheint zunächst ein Widerspruch in sich zu sein. Und doch gibt
       es einige mutige arabische Kollegen, die sich der Königsdisziplin des
       Journalismus verschrieben haben, der ihn manchmal zur vierten Macht im
       Staate werden lässt. Der Ägypter Hossam Bahgat ist derzeit wohl der
       prominenteste investigative Journalist Ägyptens und damit dem Militär, das
       im Land den Ton angibt, ein Dorn im Auge.
       
       Nun droht Bahgat vor ein Militärgericht gestellt zu werden; am Dienstag
       wurde er zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt. Am Wochenende war er vom
       Militärgeheimdienst zu einem fast achtstündigen Gespräch zitiert worden,
       zunächst ohne Handy und ohne Anwalt.
       
       Danach wurde ihm erklärt, dass er mit einer Klage der
       Militärstaatsanwaltschaft rechnen müsse – wegen Verbreitung von
       Falschinformationen, die die öffentliche Ordnung störten und die nationale
       Sicherheit gefährdeten. Am gleichen Abend wurde der Journalist an einen
       unbekannten Ort in Militärhaft genommen, wo er zunächst vier Tage
       verbringen soll, bis die Anklage ausgearbeitet ist.
       
       Dabei soll es vor allem um einen Bericht Bahgats über die Verurteilung von
       26 Militäroffizieren gehen, denen vorgeworfen wurde, im August einen
       Militärputsch gegen die gegenwärtige Regierung des Präsidenten und
       ehemaligen Militärchefs Abdel Fattah al-Sisi geplant zu haben. Die wenigen
       Berichte darüber, die damals erschienen, stellten in Frage, wie geschlossen
       die unteren Ränge der Armee hinter der Regierung in Kairo stehen. Bahgat
       hatte ausführliche Interviews mit den Verwandten der Verurteilten geführt
       und so versucht, den geheimen Prozess gegen die Militäroffiziere zu
       rekonstruieren. Der Artikel erschien, wie alle von Baghats investigativen
       Stücken, auf der Internet-Nachrichtenseite madamasr.com, einer der wenigen
       Plattformen für unabhängigen Journalismus in Ägypten.
       
       Der engagierte Journalist hat 2002 die „Ägyptische Initiative für
       Persönlichkeitsrechte“ gegründet, die heute eine der aktivsten
       Menschenrechtsgruppen des Landes ist. In den letzten Jahren hatte Baghat
       sich von der Arbeit als Menschenrechtler abgewandt und dem investigativen
       Journalismus verschieben.
       
       ## Unterdrückung der Meinungsfreiheit
       
       Bekannt wurde er auch durch einen Artikel mit dem Titel „Wer hat die
       Dschihadisten freigelassen?“. Dort weist er nach, dass die Mehrheit der
       militanten Islamisten nicht während der Amtszeit des Muslimbruders und
       Präsidenten Mohammed Mursi aus den Gefängnissen entlassen wurden, sondern
       in der Zeit nach Mubaraks Sturz, als der oberste Militärrat das Land
       regierte. Ausführlich widmete sich Bahgat auch dem Scheitern der
       Untersuchungsbehörden und der Staatsanwaltschaft in den Mubarak-Prozessen.
       Später dokumentierte er im Detail einen Korruptionsfall in der
       Mubarak-Familie, wobei er nachwies, dass der Staat für den extravaganten
       Lebensstil der Familie gezahlt hatte.
       
       Amnesty International (AI) bezeichnete das Verhör und die Verhaftung
       Bahgats als ein klares Signal, dass die Behörden weiterhin mit aller Macht
       gegen unabhängigen Journalismus und die Zivilgesellschaft vorgehen. „Die
       Verhaftung Bahgats ist ein weiterer Nagel im Sarg der Meinungsfreiheit in
       Ägypten“, sagte Phillip Luther, der das Nahost-und Nordafrika-Programm von
       AI leitet. Er forderte, dass alle Anklagepunkte fallen gelassen und Bahgat
       bedingungslos freigelassen wird.
       
       Auch die internationale Medien-Menschenrechtsgruppe Komitee zum Schutz von
       Journalisten fordert die Freilassung Bahgats. „Das ägyptische Militär hat
       durch eine Reihe von Verhaftungen von Journalisten bereits gezeigt, wie es
       mit der Rolle eines unabhängigen Journalismus umgeht. Diese neue Verhaftung
       ist ein klarer Versuch, Berichterstattung zu unterdrücken“, erklärte deren
       Nahost-Koordinator Scherif Mansour.
       
       Die Verhaftung Bahgats führte in den ägyptischen sozialen Medien zu einem
       Aufschrei, gerade im Zusammenhang mit einem möglichen Sicherheitsskandal
       rund um den Absturz des russischen Flugzeugs über der Sinai-Halbinsel, der
       möglicherweise auf eine Bombe an Bord zurückgeht. Wie es zynisch in einem
       Tweet heißt: „Was ist passiert? Ein Flugzeug ist abgestürzt? Was tust du
       dagegen? Verhafte einen Journalisten.“
       
       10 Nov 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karim El-Gawhary
       
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