# taz.de -- Ex-Leichtathletin Schüller über WM-Boykott: "So eine Prüfung ist lächerlich"
> Sie hätte die Zuverlässigkeitsprüfung, wegen der die taz die
> Leichtathletik-WM boykottiert, auch verweigert, sagt Ex-Leichtathletin
> Heidi Schüller. Bei den Sportjournalisten gebe es zu viele Mitläufer.
(IMG) Bild: Sympathisiert in der Boykottfrage mit der Haltung der taz: Heidi Schüller.
taz: Frau Schüller, halten Sie als ehemalige Hürdensprinterin einen Boykott
der Leichtathletik-WM durch die taz für gerechtfertigt, weil Journalisten
durch die Polizei und den Verfassungsschutz überprüft werden?
Heidi Schüller: Die taz darf das. Die taz hat immer so eine bunte Farbe und
geistreiche Hintergrundberichte, die ich nicht missen möchte. Eigentlich
auch nicht bei diesem Event im Olympiastadion. Aber ich verstehe es sehr
gut, dass Sie diesen Wisch nicht unterzeichnet haben. Ich hätte die
Einverständniserklärung zur Zuverlässigkeitsprüfung auch nicht
unterschrieben. Ich wundere mich, warum 3700 Journalisten minus 2 sich
diesem Diktat unterwerfen.
Warum hätten Sie denn nicht unterschrieben?
Weil ich den Ton als eine Zumutung empfinde. Hier steht: "Ich erkläre mich
ausdrücklich und ohne Vorbehalt einverstanden". Ich finde so eine Prüfung
lächerlich und unangemessen. Dagegen muss man sich verwehren. Dass eine
Datenübermittlung von Journalisten an Dritte so nebenbei erwähnt wird,
widerspricht meinem Rechtsstaatsverständnis.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum nicht mehr die Unterschrift
verweigert haben?
Ich sage mal so: Bis auf zehn Sportjournalisten, die ich kenne und die ich
erlebt habe, macht der Rest doch 1:0-Journalismus.
Sie meinen, reinen Ergebnisjournalismus?
Ja, Tore, gewonnen, verloren, Medaillenspiegel. Hintergründe sind den
meisten Sportjournalisten eigentlich wurscht.
Im Printbereich gibt es eine Menge Kollegen, die gerade daran interessiert
sind.
Aber auch in den Qualitätszeitungen herrscht doch mittlerweile
Existenzkampf pur. Und die freien Journalisten, die nach Zeile bezahlt
werden, haben große existenzielle Sorgen. Die müssen gucken, wie sie über
die Runden kommen. Für die ist so ein Event fast unverzichtbar, weil sie
ihre Miete bezahlen müssen. Vor allem freie Journalisten werden also vom
Organisationskomitee dieser WM fast erpresst. Sie sind nicht frei in ihrer
Entscheidung, ob sie der Zuverlässigkeitsprüfung zustimmen oder nicht.
Das betrifft freilich nicht nur den Sport.
Ja, das ist überall so. In der Politik. Und im Medizinjournalismus läuft es
auch nicht anders.
Was meinen Sie konkret?
Es gibt viele Zugangshürden und viele angepasste Mitläufer, "Journalisten",
die sich der Pharmazie voll verschrieben haben. Viele, die sich den großen
Unternehmen verpflichtet fühlen. Ich kenne mich in dem Bereich gut aus,
weil ich hier über Jahre recherchiert habe. Kritische Berichterstattung ist
auch da sehr schwierig. Aber eines will ich noch festhalten.
Bitte!
Die Berliner Polizei hat das Recht und die Pflicht, sich um die Sicherheit
bei dieser WM zu kümmern.
Auch im Rahmen von verdachtlosen Ermittlungen, denn nichts anderes ist
diese Zuverlässigkeitsprüfung?
Das geht aber natürlich nicht. Ich halte das für eine Machtdemonstration
der Veranstalter. Ich bin zwar kein Jurist, aber nach meinem
Rechtsempfinden darf doch die Exekutive in dieser Art einem
privatwirtschaftlich geführten Unternehmen nicht zuarbeiten.
Hätten Sie Vertrauen in die Löschung der Daten, die im September erfolgen
soll?
Nicht wirklich. Da, wo Daten bekannt sind, sind sie auch immer zugänglich -
auch widerrechtlich. Und dann sind sie auch ganz schnell zu verwenden gegen
den Betroffenen.
Haben Sie ein Beispiel hierfür?
Wenn sie psychisch krank sind oder ein Rückenleiden haben, und diese Leiden
sind einer Betriebskrankenkasse bekannt, und die Daten gelangen irgendwie
in die Chefetage, dann wäre ja jeder Chef schön dumm, die Betroffenen
einzustellen, weil er weiß: Diese Leute werden womöglich chronisch krank
und fallen später mal aus.
Wo Daten massenhaft erhoben werden, ist der Missbrauch nicht weit?
Ich denke schon.
Haben Sie sich als ehemalige Leichtathletin jemals bedroht gefühlt von
Journalisten?
Nein. Bedroht habe ich mich eher von der Polizei und dem Nationalen
Olympischen Komitee gefühlt. Anstelle von Journalisten sollten mal lieber
VIPs und Ehrengäste kontrolliert werden, da summieren sich die Vorstrafen
ja manchmal schnell zu einer dreistelligen Zahl. Die Ehrentribüne erscheint
mir für eine Zuverlässigkeitsprüfung ergiebiger zu sein.
Sie spielen auf 1972 und die Umstände des Attentats im Olympischen Dorf an?
Ja, damals hat sich die Polizei dilenttantisch verhalten und alles
verschlimmbessert. Auch das NOK verhielt sich unprofessionell. Denen ist
nichts anderes eingefallen, als den Sportlern ein Ausgehverbot zu erteilen.
Aber ich lasse mich nicht gern drangsalieren und gängeln. Und das sollten
Sie heute auch nicht tun.
21 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Markus Völker
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Überwachung
(DIR) Schwerpunkt Überwachung
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