# taz.de -- Interview: Frauenmangel bei Piraten: "Barbies müsste man verbieten"
       
       > Bei den Piraten gibt es einen großen Männerüberschuss. Zwei Piratinnen
       > diskutieren, was man dagegen tun könnte - und ob das überhaupt ein
       > Problem ist.
       
 (IMG) Bild: Keine Frau, nirgends: Piraten im Berliner Parlament
       
       taz: Frau Arlt, Frau Zinn, in der Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus
       sitzen 14 Männer und eine Frau. Hat die Piratenpartei ein Frauenproblem? 
       
       Alexandra Arlt: Zumindest haben wir den gesellschaftlichen Status quo - bei
       dem es etwa 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen geben müsste - noch
       nicht erreicht.
       
       Jessica Zinn: Ich finde, eine Gleichverteilung ist stark überbewertet.
       Männer und Frauen interessieren sich nun einmal unterschiedlich stark für
       unterschiedliche Bereiche. In Kindergärten wird nicht so schnell die Hälfte
       der Erzieher männlich sein.
       
       Arlt: Das ist aber nicht biologisch, sondern ein Sozialisations-Ding. Das
       kann man ändern.
       
       Woran liegt es denn, dass bei den Piraten von außen mehr Männer sichtbar
       sind? 
       
       Arlt: Das frage ich mich auch. Vielleicht, weil wir immer noch als
       Nerdpartei wahrgenommen werden?
       
       Also als Partei, in der vorwiegend Computerfreaks sind … 
       
       Arlt: Ich finde jedenfalls, wir brauchen mehr Frauen.
       
       Zinn: Wir haben doch welche.
       
       Arlt: Aber ich will mehr.
       
       Zinn: Für eine Partei mit IT-Wurzeln haben wir schon sehr viele Frauen. Sie
       interessieren sich aber weniger dafür, im Vordergrund zu stehen und Ämter
       zu besetzen, als Männer.
       
       Arlt: Auch das ist ein Sozialisationsproblem. Frauen wird anerzogen
       bescheiden zu sein, während Männer sich als Alphas geben und konkurrieren
       müssen.
       
       Sind die Piraten post-gender, also über Geschlechterrollen hinaus? 
       
       Arlt: Nein. Die Geschlechtersterotype treffen auch bei uns weitgehend zu.
       Die Frauen sind leider überwiegend im Hintergrund und auch die Presse
       transportiert aktuell das Bild einer reinen Männerpartei.
       
       Zinn: Ich hatte nie das Gefühl, als Frau bei den Piraten schlechter oder
       anders behandelt zu werden. Das spricht doch dafür, dass wir über die
       Gender-Debatte hinaus sind.
       
       Arlt: Natürlich ist das Fernziel, die Geschlechterrollen loszuwerden. Wir
       wollen eine Post-gender-Gesellschaft. Aber noch haben wir sie nicht. Und
       wir müssen als Partei mit dem Zustand arbeiten, wie er gerade ist.
       
       Wie ließe sich eine Post-gender-Gesellschaft erreichen? 
       
       Arlt: Ich denke, am besten geht das durch bessere und günstigere
       Kindererziehung. Dabei ist es wichtig, dass man den Kindern nicht
       vorschreiben darf, wie sie zu sein haben. Man muss den einzelnen Menschen
       sehen und nicht das Geschlecht. Außerdem sind Frauen und Männer durch die
       Arbeitsmarktverhältnisse bestimmt. Es gibt beispielsweise die meisten
       Teilzeitjobs in von Frauen dominierten Berufen, während ein Kfz-Mechaniker
       sicher Probleme hätte, wegen seiner kleinen Kinder eine Teilzeitstelle zu
       finden.
       
       Zinn: Ich verstehe nicht, warum nicht darauf geschaut wird, wie
       unterschiedlich die Männer bei uns sind, sondern nur nach der Anzahl von
       Männern und Frauen gefragt wird. Bei den Piraten sind teilweise die Männer
       weiblicher sozialisiert als die Frauen. Ein Mann kann auch eher
       schüchterner oder zurückhaltender und daher benachteiligt sein.
       
       Arlt: Klar, aus deiner Perspektive gibt es diese ganzen Gender-Probleme
       nicht. Du lebst schon lange in einer Hacker-Community, alle sind sich
       ähnlich, es gibt ein reflektiertes Umfeld. Ich komme aus einer Kleinstadt,
       da sieht das anders aus.
       
       Zinn: Es stimmt natürlich, dass Probleme, wie die Benachteiligung von
       Frauen in meiner Umgebung eher weniger auftreten. Trotzdem finde ich
       beispielsweise die Diskussion über eine Quote veraltet. Zu sagen, wir
       besetzen einen Posten so lange nicht, bis es eine geeignete Frau dafür
       gibt, das geht nicht.
       
       Arlt: Ich lehne die Quote auch ab. Was sollen wir damit, wenn die
       Geschlechterstereotype so bleiben wie zuvor? Vor allem: Wenn sich 100
       Männer und eine Frau auf einen Posten bewerben, und sie wird genommen, nur
       weil sie Brüste hat, das kanns nicht sein.
       
       Zinn: Deshalb sollte es keine Fotos in Bewerbungen geben.
       
       Sind es wirklich nur die Fotos? 
       
       Zinn: In den aktuellen Stellenausschreibungen der Piratenpartei sollen die
       Bewerber auch keine Angaben zu Alter oder Geschlecht machen. Ein Punkt,
       warum die Geschlechterzugehörigkeit bei den Piraten eine geringere Rolle
       spielt als bei anderen Parteien, ist auch, dass bei uns ein großer Teil der
       Kommunikation über das Internet abläuft. Dort kann man anonym auftreten.
       Man lernt sich kennen, ohne zu wissen, wie der andere aussieht und welches
       Geschlecht er hat. Das, was zählt, ist, was man sagt und was man macht.
       
       Das klingt, als würden Sie davon ausgehen, dass mit der Zeit die Stereotype
       schon von selbst verschwinden. 
       
       Zinn: Genau. Die Bilder der Frau als Hausfrau und Mutter und des Mannes als
       Ernährer, die haben wir ja schon ziemlich aufgebrochen. Wer jetzt
       aufwächst, sieht, dass er viel mehr Wahlmöglichkeiten hat als jemand, der
       in den 50er Jahren aufgewachsen ist. Ich glaube, diese ganze Diskussion
       erledigt sich irgendwann von selbst.
       
       Arlt: Aber das ist wirklich nur unsere kleine, intellektuelle Insel. Schau
       doch mal Werbung im Fernsehen. Oder neulich, da hatte ich eine
       Cerealienpackung in der Hand. Und was zeigte die Geschichte darauf? Die
       brave große Schwester und mit dem kleinen Bruder, der als totaler Rowdy
       dargestellt wurde. Klischee, schlimmer gehts doch nicht.
       
       Zinn: In einem Gespräch hat mir eine Hauptschullehrerin erzählt, dass für
       viele ihrer Schülerinnen die einzige Perspektive ist, Kinder zu kriegen und
       ein Hausfrauendasein zu führen.
       
       Arlt: Und jetzt stell dir mal vor, die hätte noch andere Perspektiven. Da
       müssen wir ansetzen, und zwar mit Bildung.
       
       Bildung muss aber nicht verhindern, dass Jungs in der Kita mit Autos und
       Mädchen mit Puppen spielen. 
       
       Arlt: Barbies müsste man ohnehin verbieten. Was bitte soll denn das für ein
       Vorbild sein, magersüchtig mit Silikonbrüsten. Pädagogisch sinnvolles
       Spielzeug ist das jedenfalls nicht.
       
       Wenn es danach ginge, müsste man auch ziemlich vieles andere verbieten. 
       
       Arlt: Verbieten hilft nicht wirklich, aber ich denke, dass eines der großen
       Probleme tatsächlich die Industrie ist, die hinter den Geschlechterrollen
       steckt. Die Kosmetika verkaufen will und chirurgische Eingriffe und
       Kleidung. Das ließe sich alles nicht mehr verkaufen, wenn allen vermittelt
       würde, dass sie so in Ordnung sind, wie sie sind. Das ganze System basiert
       darauf, Komplexe aufzubauen mit Normen, in die kein Mensch jemals passen
       wird.
       
       Zinn: Das ist die kapitalistische Logik. Sie zielt nicht auf Humanismus und
       Gleichberechtigung ab.
       
       Das heißt, ohne grundsätzlichen Systemwechsel keine Gleichberechtigung? 
       
       Arlt: Ein Anfang wären neben Bildung auch Strukturen, die es ermöglichen,
       dass Frauen Karriere machen, wenn sie das wollen. Betriebskindergärten zum
       Beispiel.
       
       Glauben Sie, wenn die Piraten bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl in fünf
       Jahren antreten, haben sie mehr als eine Frau auf ihrer Landesliste? 
       
       Zinn: Es werden mehr sein. Bislang wurden wir vor allem als Nerdpartei
       wahrgenommen. Es gab eine Menge Vorurteile in Richtung Internet- oder
       Männerpartei. Mittlerweile kommen auch Frauen zu uns, die uns zum Beispiel
       wegen unseres Sozial- oder Bildungsprogramms gut finden.
       
       Arlt: Ich würde mir wünschen, dass die Frauen sehen, dass man bei uns was
       machen kann. Das haben wir wohl bislang nicht so gut kommuniziert. Und die
       Nerds sind eigentlich ganz handzahm. Neulich wurde ich gefragt, wie das mit
       den Frauen bei uns aussieht und ich sagte, wir hätten sogar Männer in
       Kleidern.
       
       Zinn: Trotzdem finde ich es albern, reine Frauentreffen zu machen.
       
       Arlt: Das finde ich auch. Reine Frauentreffen sind auch den Männern
       gegenüber diskriminierend.
       
       Sollte denn die Hälfte der Piraten-Abgeordneten weiblich sein? 
       
       Arlt: Ja.
       
       Zinn: Ich finde das nicht wichtig. Ich will jemanden, der ordentlich
       arbeitet und Ahnung hat. Wir werden nie das Ziel erreichen, die
       Gesellschaft abzubilden. Ziel muss es sein, dass jeder frei entscheiden
       kann, was er machen will.
       
       Arlt: Das wird aber noch eine ganze Zeit dauern, bis man von wirklicher
       Gleichberechtigung sprechen kann. Die Gesellschaft muss aufhören, Frauen zu
       benachteiligen.
       
       5 Nov 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Svenja Bergt
       
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