# taz.de -- Syrer und Libanesen "beiruten" gemeinsam: Annäherung bei Arrak und Musik
       
       > Syrer galten im Libanon lange als Teil der Besatzungsmacht, die erst 2005
       > abzog. Das ändert sich nun: Junge Leute genießen gemeinsam das Nachtleben
       > in Beirut.
       
 (IMG) Bild: Ein Syrer im Libanon grölt für Assad.
       
       BEIRUT taz | Es ist eine Szene, die bis vor kurzem undenkbar war. In einer
       Beiruter Bar im Ausgehviertel Hamra trinken einige Dutzend Syrer und
       Libanesen gemeinsam Arrak. Die Musik: dröhnender Dabke, zu dem ausgelassen
       der Sirtaki der Levante getanzt wird, dann gibt es Pogo zu den Sex Pistols.
       Junge Beirutis und Damaszener feiern gemeinsam ihr erstes ausgelassenes
       Fest und trinken auf die Revolution.
       
       Christoph, ein christlicher Libanese, dessen Bruder sich rühmt, im
       Bürgerkrieg Hunderte Syrer erschossen zu haben, schmeißt Lokalrunden. Er
       schüttelt Hände, klopft den Gästen, bessergestellten jungen Flüchtlingen
       und Wochenendbesuchern, auf die Schultern. Die mittellosen Syrer sitzen zu
       Tausenden im Flüchtlingslager im Norden des Libanon, die jungen, die noch
       ein paar gesparte Dollars besitzen, erkunden am Wochenende Beiruts
       Nachtleben.
       
       Syrer seien gar nicht so dumm, wie er dachte, erklärt Christoph. "Das ist
       cool, dass wir die Nachbarn jetzt mal anders kennen lernen", freut er sich,
       "die könnten eigentlich Libanesen sein. Ich unterstütze die syrische
       Revolution mit meinem Arrak!", erklärt er lachend.
       
       Zu ihm gesellen sich Libanesen, die stolz berichten, dass auch sie
       Verwandte in Syrien hätten, dass sie das Land zwar nie besucht hätten, aber
       jetzt ganz mit der revolutionären Bewegung seien. Vor dem Umbruch
       berichtete man nur von kanadischen, französischen oder deutschen
       Angehörigen, syrische galten als peinlich.
       
       ## Künstler- und Intellektuellenszene
       
       In der hippen Beiruter Künstler- und Intellektuellenszene ist derzeit ein
       Che-Guevara-artiger Stil angesagt, lässige Klamotten, Bärte, längere Haare
       für die Männer. Es ist auch der Stil der jungen Syrer. Optisch gibt es
       keinen Unterschied zwischen den jungen Männern der halboffiziell
       verfeindeten Nationen in dieser Nacht. Syrer, die meist als billige
       Gastarbeiter und Tagelöhner in den Libanon kamen und kommen, waren bislang
       an der Kleidung zu erkennen.
       
       Spitze Kunstlederschuhe und -jacken, billige Pullover, Pomadenfrisuren und
       der Fakt, dass sie sich vom Staat unterdrücken ließen, begründeten in den
       Augen der Libanesen ihren Ruf als Witzfiguren. Ein Beispiel: "Wie
       beschäftigt man einen Syrer den ganzen Tag lang? Gib ihm ein Papier in die
       Hand, auf dem auf beiden Seiten ,bitte wenden' steht."
       
       Doch nun sind Damaszener in Beirut, auf die diese Klischees nicht mehr
       zutreffen. Sie wollen den Mythos des hiesigen Nachtlebens ergründen, sie
       wollen Schießereien, Tote und Angst zumindest für eine Nacht vergessen.
       Feiern, als gäbe es kein Morgen mehr, das Traumaverdrängungsprogramm der
       Beirutis, jetzt auch für die Syrer.
       
       ## 24 Stunden Sex, Alkohol und Drogen
       
       Mohsen ist ein 25-jähriger Computeranimateur aus Damaskus, er weiß nicht,
       wie alles weitergehen soll, aber heute will er die Ängste, die ihn seit
       fast einem Jahr verfolgen, vergessen. Er und seine Freunde aus allen
       religiösen Gruppen - auch ein Alawit und seine sunnitische Ehefrau sind
       dabei - wollen "beiruten" und freuen sich, dass sie herzlich willkommen
       sind.
       
       Unisono hieß es, dass alle Syrer schon viel von dieser Stadt, in der Sex,
       Alkohol und Drogen 24 Stunden am Tag erhältlich sind, gehört hatten, aber
       nie auf die Idee gekommen wären, in Beirut auszugehen. Weil sie um ihren
       Ruf wussten, sich unterlegen fühlten, sich für ihr Regime und die
       Besatzungszeit ihrer Väter schämten.
       
       Langsam ändert sich das, die Völkerverständigung hat in der jungen Szene
       längst begonnen. Mireille, eine junge Libanesin, die eher auf Frauen steht,
       brachte es - nach einigen Gläschen Arrak - auf den Punkt: "Syrer sind sexy.
       Heute Nacht nehme ich einen mit nach Hause, das ist meine Unterstützung der
       Revolution."
       
       20 Feb 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila Djamila
       
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