# taz.de -- Medien in Spanien: Im Griff der Mächtigen
       
       > Die spanische Regierung hat Angst vor Podemos. Deswegen werden
       > Journalisten nun auf Linie gebracht, versetzt oder sogar entlassen.
       
 (IMG) Bild: Angsteinflößend: Tausende folgten dem Aufruf von Podemos zum „Marsch des Wandels“, Januar 2015.
       
       MADRID taz | Zwei Wochen dauerte es, bis der spanische TV-Moderator Jesús
       Cintora auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erste Worte fand. „Ihr wisst,
       dass sie beschlossen haben, dass ich nicht weitermache. Es ist nicht
       leicht, aber ich lass mich nicht unterkriegen“, lautete [1][die Nachricht
       Cintoras an seine Fans], nachdem er pünktlich zur Osterwoche als Moderator
       der allmorgendlichen Politiktalkshow im Privatsender Cuatro abgesetzt
       worden war. Betreiber Mediaset begründete dies mit dem „klaren Ziel, die
       Zuschauer mit Pluralismus zu informieren, mit Moderatoren, die die
       Informationen objektiv darstellen“.
       
       Die Entscheidung kam überraschend und war doch die Chronik eines
       angekündigten Todes. Cintora war vielen zu kritisch. Er überging keinen
       noch so kleinen Fehltritt der regierenden konservativen Partido Popular
       (PP) unter Ministerpräsident Mariano Rajoy. Seine Gäste debattierten über
       die tiefe Krise des Zweiparteiensystems, das Spanien seit Ende der Diktatur
       regiert. Korruption war ein wichtiges Thema. Berichte über die Opfer der
       Sparpolitik durften nicht fehlen. Cintora ließ neue Stimmen aus der Mitte
       der krisengeschüttelten Gesellschaft zu Wort kommen. Allen voran Vertreter
       der neuen Protestpartei Podemos (Wir können). Dem Fernsehmoderator wurden
       gute Beziehungen zu deren Gründer Pablo Iglesias nachgesagt.
       
       Cintoras Linie hatte Erfolg. In seinen zwei Jahren bei „Las manañas de
       Cuatro“ stieg die Zuschauerquote von gerade einmal sechs Prozent auf über
       13 Prozent. Seine Nachrichtenshow war immer wieder das meistgesehene
       Programm am Morgen.
       
       Doch was dem Publikum gefällt, war nicht nach dem Geschmack der Mächtigen
       im Lande. Es war ein offenes Geheimnis, dass immer wieder vor allem
       Vertreter der regierenden PP beim Sender vorstellig wurden, um sich über
       Themenwahl und Gäste Cintoras zu beschweren. Die Chefetage bei Mediaset gab
       dem Druck nun nach. In zwei Monaten stehen Kommunal- und Regionalwahlen und
       im Herbst Parlamentswahlen an. Die beiden großen Parteien – PP und die
       sozialistische PSOE – rutschen seit Monaten bei den Umfragen ab. Spanien
       steht – darauf deutet alles hin – vor dem Ende des Zweiparteiensystems.
       Fernsehauftritte neuer Kräfte wie Podemos sind deshalb nicht länger
       erwünscht.
       
       Das Druckmittel der Regierung: Es ist geplant, zusätzliche Frequenzen für
       das Digitalfernsehen zu vergeben. Alle in der Branche wissen, nur wer sich
       gut benimmt, wird etwas vom Kuchen abbekommen.
       
       ## Das mediale Ende von Podemos
       
       Seit etwas mehr als drei Jahren ist Ministerpräsident Rajoy im Amt. Noch
       nie hat eine Regierung in Spanien so wenig vor der Presse Rede und Antwort
       gestanden wie das derzeitige Austeritätskabinett. Und noch nie hatte eine
       Regierung die Medien so im Griff wie die Konservativen. Im öffentlichen
       Radio und Fernsehen RTVE wurden alle kritischen Geister abgesetzt.
       
       Podemos wurde ausdrücklich von den neuen Chefs zum unerwünschten Thema
       erklärt. Seit die neue Kraft bei den Europawahlen im vergangenen Mai
       überraschend acht Prozent erzielte, verging mehr als ein halbes Jahr, bevor
       Gründer Iglesias interviewt wurde – mit dem Ziel, ihn völlig zu
       diskreditieren. Unvergessen bleibt die Frage, ob er mit seiner Partei die
       Freilassung zweier ETA-Terroristen ordentlich gefeiert habe.
       
       „Der Redaktionsrat der Nachrichtenabteilung beim staatlichen Funk und
       Fernsehen beschwert sich immer wieder über die fehlende Unabhängigkeit der
       redaktionellen Inhalte“, erklärt Miguel Álvarez, Professor an der Fakultät
       für Journalismus der Universität im zentralspanischen Cuenca.
       
       Die Liste der Themen, bei denen RTVE der Informationspflicht nicht genüge
       tut, ist lang: Podemos, die Sozialproteste oder die Mobilisierungen für die
       Unabhängigkeit im nordostspanischen Katalonien. „Das gilt auch für die
       regionalen, öffentlichen Fernsehsender“, weiß Álvarez, der auch im
       Parteivorstand von Podemos in der Region Madrid für das „Recht auf
       Information“ zuständig ist.
       
       ## Zuschauer bemerken die Manipulation
       
       Telemadrid ist eines der traurigen Beispiele für die Medienpolitik der PP.
       Zuerst wurde eine Schattenredaktion eingerichtet, die streng über die
       Inhalte wachte. Als die Zuschauer ausblieben, weil sie es leid waren, statt
       eines öffentlichen Fernsehens einen Parteisender vorgesetzt zu bekommen,
       geriet Telemadrid in die roten Zahlen. Ein Großteil der Belegschaft wurde
       entlassen. Die Programme werden seither von PP-nahen Unternehmen
       produziert. In Valencia wurde das Regionalfernsehen gar ganz geschlossen.
       „Sie treiben die Sender gezielt in den Ruin“, beschwert sich Professor
       Álvarez.
       
       RTVE – so befürchtet die Belegschaft – soll ähnlich gegen die Wand gefahren
       werden. „Die semitotalitäre Tendenz der PP gegenüber den öffentlichen
       Medien ist ziemlich eindeutig. Doch der qualitative Sprung, der die
       bedauernswerte Lage der Medienlandschaft in Spanien besiegelt, ist die
       Unterwerfung der großen privaten Mediengruppen“, [2][//:schreibt der
       Blogger Pere Rusiñol] auf der beliebten, unabhängigen
       Online-Nachrichtenseite El Diario. Nirgends in Europa sind die privaten
       Medien in den Händen so weniger wie in Spanien. Diese Wenigen sind
       hochverschuldet.
       
       Als in Folge der Krise die Werbeeinnahmen dramatisch zurückgingen, einigten
       sich die Unternehmen mit den Banken. Statt Schuldentilgung akzeptierten die
       Finanzinstitute Aktienpakete und wurden so Teilhaber an den
       Medienkonzernen. Dies wirkte sich auf die redaktionelle Linie aus.
       
       Bei der katalanischen Vanguardia, der Madrider El Mundo und selbst bei der
       größten spanischen Tageszeitung El País wurden die Chefredakteure durch der
       Regierung wohlgesonnene Journalisten ersetzt. El País ging noch einen
       Schritt weiter. Der Journalist, der bisher über die PP schrieb, wurde als
       Korrespondent nach Argentinien versetzt. „Auf Druck der Regierung“, heißt
       es unter Kollegen.
       
       Alle Blätter reden mittlerweile unisono vom Aufschwung, auch wenn die
       Bürger nichts davon spüren. Alle schießen sich auf Podemos ein –
       beschimpfen die neue Partei als populistisch, suchen verzweifelt nach
       Skandalen, um die jungen Politiker in Misskredit zu bringen. Das bisherige
       Parteiensystem soll gerettet werden, selbst zum Preis der eigenen
       Glaubwürdigkeit.
       
       ## Boykottkampagne auf Twitter
       
       Wie es mit Cintora weitergehen wird, weiß keiner. Mediaset plane ihn – so
       heißt es im [3][Kommuniqué zu seiner Absetzung] – „für neue Projekte“ ein.
       Seit Cintoras Entlassung ist eine Boykottkampagne auf Twitter gegen Cuatro
       und Mediaset jeden Tag Trending Topic, also Hauptthema im sozialen
       Netzwerk. Über 90.000 Zuschauer haben eine [4][Solidaritätserklärung mit
       Cintora] auf der Petitionsplattform change.org unterzeichnet.
       
       „Wenn selbst das rentabelste Fernsehen seine Söhne opfert, um die Götter zu
       besänftigen, was können wir dann vom Rest erwarten?“, fragt Blogger Rusiñol
       und gibt die Antwort gleich selbst: „Der Kopf Cintoras ist eine klare
       Nachricht an die restliche Branche im Superwahljahr mit neuen politischen
       Kräften, die nicht nur die Regierung, sondern das ganze System in Frage
       stellen.“ Jetzt wüssten alle – bei den Führungskräften angefangen –, dass
       die Politik Ernst mache.
       
       11 Apr 2015
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://twitter.com/JesusCintora/status/585375240601083904
 (DIR) [2] http://onlinetaz.hal.taz.de/http
 (DIR) [3] http://twitter.com/mediasetcom/status/581456715360706561
 (DIR) [4] http://www.change.org/p/mediasetcom-readmisi%C3%B3n-inmediata-de-jes%C3%BAs-cintora-y-su-equipo?recruiter=53860488
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
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