# taz.de -- Seenotrettung im Mittelmeer: Rund 30 Cent pro EU-Bürger
       
       > Nach der Einstellung der Marinemission Mare Nostrum wird die Zahl der
       > Toten wohl steigen. Wie könnte eine neue Seerettungsmission aussehen?
       
 (IMG) Bild: Mare Nostrum stellte Beitrag zur Rettung der Schiffbrüchigen dar. Zum November 2014 wurde die Mission eingestellt.
       
       Nach dem [1][offenbar bislang schlimmsten Unglück im Mittelmeer] haben
       Politiker und NGOs die Forderung nach einer europäischen Seerettungsmission
       bekräftigt. „Wer jetzt nicht handelt, macht sich unterlassener
       Hilfeleistung schuldig“, sagte der SPD-Politiker Frank Schwabe. „Das
       Schwarze-Peter-Spiel muss jetzt schnell beendet werden.“
       
       Eine Nachfolgemission der [2][italienischen Marinemission „Mare Nostrum“]
       wäre keineswegs ein Anreiz für weitere Flüchtlinge, „sondern ein Gebot der
       Menschlichkeit“, so Schwabe. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU)
       müsse eine solche Rettungsmission umgehend europäisch durchzusetzen. De
       Maizière hatte ein neues Seenotrettungsprogramm kürzlich abgelehnt.
       
       Die Grüne EU-Politikerin Barbara Lochbihler sagte, die „Tatenlosigkeit der
       Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten“ sei „längst nicht mehr
       hinnehmbar“. Auch sie forderte eine europäische Seenotrettung und legale
       Einreisemöglichkeiten in die EU. Die Bundeskanzlerin schweige in der Frage
       „konsequent“, die Union spiele „den Schleusern in die Hände“ und die SPD
       komme „über Worte des Bedauerns nicht hinaus“, so Lochbihler.
       
       Es sei „an der Zeit, dass Deutschland seine restriktive Abwarte- und
       Abwehrhaltung aufgibt und sich in Europa an die Spitze setzt, um
       umfangreiche Hilfsmaßnahmen schnell und unbürokratisch zu organisieren“,
       sagte auch der Linken-Fraktionsvize Jan Korte.
       
       ## „Abschottungsoperation“ Triton
       
       Die [3][Initiative Watch the Med] – zu Deutsch etwa: Augen auf's Mittelmeer
       – die seit Oktober eine [4][Hotline für in Seenot geratene Flüchtlinge]
       betreibt, sprach davon, dass die EU „Flüchtlinge tötet.“ In einer am
       Sonntag verbreiteten Erklärung der Initiative heißt es: „Die EU hätte die
       Mittel und die Möglichkeiten, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten.
       [5][Aber sie lässt die Menschen ertrinken.]“
       
       Die Verantwortung dafür trügen die EU-SpitzenpolitikerInnen, die am 27.
       August 2014 in Brüssel das Ende der italienischen Mare Nostrum Operation,
       das Herunterfahren der Rettungsprogramme im Mittelmeer und die
       „Abschottungsoperation Triton-Frontex vor den italienischen Küsten
       beschlossen haben“, so die Initiative.
       
       Die AktivistInnen seien in den letzten Wochen direkte ZeugInnen geworden,
       „wenn Flüchtlinge auf Booten um das Überleben kämpften und Angehörige um
       sie bangten“, heißt es in der Stellungnahme. „Wir wurden zudem ZeugInnen,
       wie sich die Küstenwachen Italiens und Maltas sowie immer mehr Besatzungen
       kommerzieller Schiffe um Rettung bemühten, das Sterben aber oftmals nicht
       verhindern konnten, weil sie zur Rettung nicht ausreichend ausgerüstet
       waren.“ Die Initiative rief zu „sofortigen direkten Aktionen gegen die
       mörderische Politik der EU“ auf.
       
       ## Kaum Unterstützung durch die EU
       
       Aber wie könnte eine Seerettungsmission konkret aussehen – und was würde
       sie kosten?
       
       Soweit bekannt hat die seit Herbst 2013 laufende italienische Marinemission
       Mare Nostrum etwa 9 Millionen Euro im Monat gekostet. Italien hatte im
       vergangenen Jahr die Einstellung von Mare Nostrum angekündigt, weil die EU
       nur rund ein Zehntel der Kosten tragen wollte.
       
       Mit Mare Nostrum ließ sich ein substanzieller Beitrag zur Rettung der
       Schiffbrüchigen leisten. Alle Unglücke verhindern konnten die Italiener
       allerdings nicht: 2014 starben offiziell etwa 3.600 Flüchtlinge im
       Mittelmeer, über 150.000 erreichten Italien. Eine Dunkelziffer eingerechnet
       muss mit einer Sterberate von knapp 3 Prozent gerechnet werden – von 30 bis
       40 Menschen, die die Überfahrt aus Libyen wagen, ertrinkt einer. Soweit
       bekannt dürfte in diesem Jahr die Sterbequote höher liegen.
       
       An der europäischen Flüchtlingsrettung müssten sich alle Mitgliedstaaten
       gemäß ihrer Wirtschaftskraft finanziell und mit Schiffen, Hubschraubern und
       Personal beteiligen, die Kapazitäten müssten über die von Mare Nostrum
       hinausgehen. Die monatlichen Kosten dafür könnten so möglicherweise in
       einer Größenordnung von rund 15 Millionen Euro liegen – Folgekosten für die
       Versorgung der Flüchtlinge noch nicht eingerechnet. Auf das Jahr gerechnet
       würde sich der Aufwand für die Patrouillen vor Libyen auf etwa 180
       Millionen Euro summieren. Das wären pro EU-Bürger rund 30 Cent.
       
       19 Apr 2015
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schiffsunglueck-vor-Libyen/!158391/
 (DIR) [2] /!145013/
 (DIR) [3] http://www.watchthemed.net/index.php/page/index/12
 (DIR) [4] /!158286/
 (DIR) [5] http://www.facebook.com/watchthemed.alarmphone/posts/1572486993025538?_rdr
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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