# taz.de -- Sachverständigenrat Wirtschaft: Wirtschaftsweise senken Wachstumsprognose
       
       > Die Expert:innen rechnen für 2026 nur noch mit einem deutschen
       > Wachstum von 0,5 Prozent. Die Gegenmaßnahmen sind umstritten – selbst in
       > dem Gremium.
       
 (IMG) Bild: Wohin geht es in der Zukunft? Die Folgen des schwachen Wachstums müssen Alt und Jung tragen
       
       Die sogenannten Wirtschaftsweisen haben ihre Erwartungen für die deutsche
       Wirtschaft drastisch heruntergeschraubt. Wegen des Irankriegs und seiner
       Folgen rechnen sie für 2026 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts
       von 0,5 Prozent, wie sie am Mittwoch in Berlin bei der Präsentation ihres
       [1][Frühjahrsgutachtens] mitteilten. Noch im November hatten sie einen
       Anstieg von 0,9 Prozent prognostiziert. Für das kommende Jahr gehen die
       Wissenschaftler:innen von einem Plus von 0,8 Prozent aus.
       
       Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
       Entwicklung, dessen fünf Mitglieder umgangssprachlich Wirtschaftsweise
       genannt werden, berät die Bundesregierung seit 1964. Sie werden vom
       Bundespräsidenten auf Vorschlag der Regierung für jeweils fünf Jahre
       ernannt.
       
       Während sie die Wachstumsprognose senken, erhöhen sie die für die
       Inflation: Für 2026 erwarten sie eine Teuerung der Verbraucherpreise von
       3,0 Prozent. Ein großer Sprung nach oben. Zuvor, als von Irankrieg und
       Ölpreisschock noch nichts zu ahnen war, hatten sie 0,9 Prozentpunkte
       weniger angenommen. Das hätte noch unter dem moderaten Wert der zwei
       vergangenen Jahre gelegen, in denen es eine durchschnittliche
       Inflationsrate von 2,2 Prozent gab.
       
       Den Wirtschaftsweisen macht allerdings nicht nur der Irankrieg Sorgen. Sie
       warnen auch vor einem starken Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge, der
       die Wirtschaft zunehmend belasten werde.
       
       ## Gewerkschaftsnaher Wirtschaftsweiser widerspricht
       
       Der Handlungsdruck sei „massiv“, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin
       Monika Schnitzer, Vorsitzendes des Sachverständigenrats. Steigende Beiträge
       hätten negative Konsequenzen wie weniger Netto vom Brutto für
       Arbeitnehmer:innen und steigende Arbeitskosten für Unternehmen. Der
       Anteil der Sozialversicherungsbeiträge am Bruttolohn, also Arbeitgeber- und
       Arbeitnehmerbeitrag zusammen, könnte von heute 42,3 Prozent auf 49,7
       Prozent im Jahre 2040 steigen, so das Gutachten.
       
       Dieser Anstieg sei vor allem dem demografischen Wandel geschuldet, heißt es
       in dem Papier. Er belaste vor allem die jüngeren Generationen. Das Gremium
       schlägt daher mehrheitlich Einschnitte in der Krankenversicherung und der
       Pflege vor.
       
       So soll in der Pflegeversicherung der Zugang zu Leistungen „restriktiver“
       ausgestaltet werden. Dies würde die Anzahl der Pflegebedürftigen reduzieren
       und den durchschnittlichen Pflegegrad senken.
       
       Der Sachverständigenrat schlägt zudem vor, dass der Leistungszuschlag in
       der stationären Versorgung, der den Eigenbeitrag der Versicherten dämpft,
       reduziert werden soll. Auch der Entlastungsbeitrag im Pflegegrad 1, mit dem
       Pflegebedürftige etwa Haushaltshilfen finanzieren können, steht auf der
       Streichliste.
       
       ## Tabak, Alkohol und Zucker teurer machen
       
       Zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherungen soll die
       kostenlose Mitversicherung von Ehepartner:innen „reformiert“ werden. Um
       das Arbeitsvolumen zu erhöhen, sollen das Ehegattensplitting und die
       Minijobs abgeschafft werden.
       
       Höhere Steuern oder Mindestpreise auf [2][Tabak], Alkohol und stark
       zuckerhaltige Lebensmittel sollen Geld in öffentlichen Haushalte spülen und
       auch gesundheitsschädliche Verhaltensweisen reduzieren.
       
       Bei den Renten soll der Anstieg der Renten durch Stärkung des
       Nachhaltigkeitsfaktors gedämpft werden. Dieser Faktor ergibt sich aus dem
       Verhältnis von Einzahler:innen und Ruheständler:innen und mindert
       den Anstieg der Renten, wenn es relativ gesehen immer weniger
       Einzahler:innen gibt. Die kapitalgedeckte Altersvorsorge müsse
       ausgebaut werden, so das Gutachten. Im Jahresgutachten 2023 hatte der
       Sachverständigenrat Wirtschaft bereits Reformoptionen für die gesetzliche
       Rentenversicherung entwickelt und diskutiert, im diesjährigen
       Frühjahrsgutachten konzentrierte er sich vor allem auf die Kranken- und
       Pflegeversicherung.
       
       Einig sind sich die Expert*innen auf diesem Weg allerdings nicht. Der
       gewerkschaftsnahe Wirtschaftsweise Achim Truger hat zu den Empfehlungen ein
       Minderheitenvotum abgegeben. Er zog den Zwang zur
       Beitragssatzstabilisierung, den die Mehrheit der Gutachter:innen
       betonte, infrage.
       
       So führe ein starker Anstieg des Gesamtbeitragssatzes der
       Sozialversicherungen um 6 bis 7 Prozentpunkte in den kommenden 10 Jahren
       nur zu einem „um 0,5 Prozent bis 0,9 Prozent geringerem
       Bruttoinlandsprodukt“, so Truger. Dieser Wachstumsverlust ließe sich durch
       wirtschaftspolitische Maßnahmen „überkompensieren“.
       
       Truger warnte vor der Verteilungswirkung durch den Ausbau der privaten
       Altersvorsorge. Dies würde von den Arbeitnehmer:innen zusätzliche
       Belastungen von 4 Prozent des Bruttolohnes erfordern, während die
       Arbeitgeber keinen paritätischen Teil zur Finanzierung leisten müssten.
       Müssten Pflegebedürftige mehr Eigenanteile leisten, würde diese die
       Sozialhilfequote bei den Pflegebedürftigen erhöhen, warnte Truger.
       
       Ein Teil der Vorschläge der Wirtschaftsweisen ist bereits in der Planung
       der Bundesregierung enthalten. So arbeitet das Gesundheitsministerium
       bereits an einer [3][Reform der kostenfreien Mitversicherung von
       Ehepartner:innen] und an einer Reduzierung der Leistungen der
       Pflegeversicherung. Ein Gesetzentwurf zur Pflegereform steht noch aus.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/fg2026/FG2026_Gesamtausgabe.pdf
 (DIR) [2] /Reform-der-Gesetzlichen-Krankenkassen/!6164562
 (DIR) [3] /Was-bedeutet-das-Gesetz-zur-Krankenkassen-Finanzierung-fuer-Versicherte-Ein-FAQ/!6175004
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Dribbusch
 (DIR) Susanne Schwarz
       
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