# taz.de -- Nachruf auf Genesis P-Orridge: Unterhaltung durch Schmerz
       
       > Genesis Breyer P-Orridge von Throbbing Gristle, war eine der
       > einflussreichsten Künstlerinnen der Popgeschichte. Jetzt ist sie in New
       > York gestorben.
       
 (IMG) Bild: Peter Christopherson und Genesis Breyer P-Orrdige beim Coachella Festival 2009
       
       Genesis Breyer P-Orridge, am Samstag im Alter von siebzig Jahren an den
       Folgen einer schweren Krebserkrankung verstorben, wurde als Neil Andrew
       Megson in Manchester geboren. Zuletzt definierte er/sie sich als Angehörige
       des dritten Geschlechts und lebte damit ein Experiment.
       
       Von diesem Experiment zeugen die Artefakte, die sie hinterlassen hat –
       wobei die wichtigsten Werke signifikanterweise jene sind, die mindestens so
       viel der Kreativität ihrer Mitstreiter verdanken wie ihrer eigenen. Ihre
       Band Psychic TV, mit der Breyer P-Orridge in den Jahren vor ihrem Tod
       wieder tourte, hatte zuletzt den Charme einer etwas überlebten
       Psychedelic-Rockgruppe.
       
       Genesis P-Orridge, wie er sich seit den frühen 1970ern nannte, war als
       Künstler der Performancegruppe COUM und als Sänger der Bands Throbbing
       Gristle und Psychic TV in den 1980ern ein legendärer Typ und machte in den
       1990ern durch das Pandrogynie-Projekt von sich reden.
       
       ## Geschlechtliche Angleichung mit Lady Jaye
       
       Seine Frau Lady Jaye und er unterzogen sich einer Reihe von plastischen
       Operationen, die darauf abzielten, sich äußerlich und geschlechtlich
       anzugleichen. In den vergangenen zehn Jahren wurde Genesis Breyer P-Orridge
       vor allem in queeren und popkulturellen Kreisen als Ikone gehandelt, deren
       Verehrung Teilhabe an einem Radikalismus versprach, der weit über das
       hinauszugehen schien, was Popkünstler heute noch verkörpern können.
       
       Über subkulturelle Zirkel hinaus wurden COUM bekannt, als sie 1976 einen
       Skandal verursachten, als sie in ihrer „Prostitution“-Ausstellung im
       Londoner ICA pornografische Fotos des Gruppenmitglieds Cosey Fanni Tutti
       und gebrauchte Tampons ausstellten. „Zerstörer der Zivilisation“, schmähte
       sie ein britischer Parlamentsabgeordneter, und das wollten sie in gewisser
       Hinsicht auch sein.
       
       P-Orridge und seine Mitstreiterinnen bedienten sich fortan des
       popkulturellen Vehikels einer Band namens Throbbing Gristle. Sie machten
       sich zur Aufgabe, den von William S. Burroughs so benannten
       staatlich-gesellschaftlichen „Kontrollprozess“ anzugreifen, der Gilles
       Deleuze wenig später zu seiner Theorie der „Kontrollgesellschaften“
       inspirierte.
       
       ## Entertainment through Pain
       
       Auf der Bühne improvisierten TG, um jede Form von Unterhaltung zu
       hintertreiben – „Entertainment through Pain“ lautete einer ihrer vielen
       Slogans. Ihre „metabolic music“ zielte auf den Körper, während sich ihre
       Öffentlichkeitsarbeit die Mechanismen der Massenmedien zunutze machte.
       
       Throbbing Gristles Musik handelte also von Langeweile, Verblödung,
       Massenmord, Selbstbestimmung, Sex und Medien. Auf der Bühne stellten sie
       große Stroboskope auf, um ihr Publikum zu blenden. Auf fast
       wissenschaftliche Weise experimentierten sie mit Frequenz und Rhythmus. Als
       eine der ersten Pop-Bands nutzte die Band Loops und Samples und baute sich
       selbst elektronische Klanggeneratoren.
       
       Wo die Körper ihrer Hörer gezielt zu Adressaten von Manipulationen wurden,
       thematisierte Bandmitglied Cosey Fanni Tutti die Verfügbarkeit von Frauen
       und deren Sexualität. In ihrer vor einigen Jahren veröffentlichten
       Autobiografie erzählte die Musikerin aber davon, dass Genesis P-Orridge
       sie, als die beiden ein Paar waren, manipulierte, körperlich attackierte
       und schließlich, als sie sich von ihm trennte, um ein Haar schwer verletzt
       oder getötet hätte. Wobei unklar bleiben muss, ob es Absicht war, als er
       beim Sonnenbaden einen massiven Stein nach ihr warf, der nur knapp neben
       ihrem Kopf landete.
       
       ## Priester einer Glaubensgemeinschaft
       
       Nach dem Ende von TG gründete P-Orridge mit anderen die Band Psychic TV und
       den Temple ov Psychick Youth, der als dezidierter Anti-Kult und Parodie auf
       organisierte Religionsgemeinschaften begann, sich bald aber selbst zur
       autoritären Sekte wandelte. „Every man and woman is a star“, hatten Psychic
       TV proklamiert, doch ihre Anhänger sollten ihre Individualität aufgeben.
       Anfang der 1990er zog sich P-Orridge aus dem Temple zurück und ging in die
       religionsfreundlichen USA, wo er offiziell als Priester einer
       Glaubensgemeinschaft galt und als solcher zwei Ehen schloss.
       
       Genesis Breyer P-Orridge war eine eminent einflussreiche Figur für die
       Popkultur der 1970er und 1980er Jahre. Ihre Ambivalenzen und dunklen Seiten
       erzählen uns davon, wie der Wille zur Überschreitung und zur radikalen
       Freiheit jederzeit Gefahr läuft, missbraucht zu werden.
       
       19 Mar 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrich Gutmair
       
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