# taz.de -- Nach der Berlin-Wahl: Warum wollten die Grünen in Berlin nicht gewinnen?
> Die Grünen taten alles, um die Wahl nicht zu gewinnen. Sie schmiegten
> sich an die Linkspartei ran. Dabei kann die die neuen Radikalitätsgefühle
> besser bedienen.
(IMG) Bild: Berlin, 20. September: keine Partystimmung bei den Grünen am Wahlabend im Schöneberger Gasometer
Die CDU [1][schoss sich vor der Wahl ins Knie], die SPD hat sich schon
längst in beide Knie geschossen, [2][die AfD ist vergleichsweise schwach].
Die Chance war groß wie nie [3][für die Grünen], Berlin zu regieren, das
urbane, kulturelle und politische Zentrum des Landes. Berlin steht in der
Welt für Deutschland, da kann es nicht nur um ein paar Kreuzberger
Schluffis und ihre Befindlichkeiten gehen. Aber wenn sich nun die
„Polarisierungsunternehmer“ (Steffen Mau) auf den Wahlsieger Linkspartei
stürzen können, so ist das auch eine Folge der krachenden Niederlage der
Grünen.
Die Grünen taten alles, um diese Wahl nicht zu gewinnen. Sie ignorierten
die Lücke und schmiegten sich an die Linkspartei an. Sie schleppen
hartnäckig Folklore aus der Gründerzeit mit sich rum, angefangen beim
„Spitzenduo“, quotiert nach Mann/Frau und Linker/Reala. Das Spitzenduo
(„Werner & Bettina“) und auch der möglichst anonym bleibende
Spitzenkandidat ist traditionell ein interner Kompromiss und wird auf
keinen Fall danach ausgewählt, ob man damit gewinnen kann. Die Berliner
Grünen beharren darauf, dass der Köder dem Angler schmecken muss und nicht
dem Fisch, sagt ein grüner Insider.
Diese Ströbele-Traditionsgrünen waren in der Vergangenheit bei Wahlen
relativ erfolgreich. Verkürzt: weil es genügend Linke gab, die mit ihnen
weiter den alten 68er-Traum von einer gerechteren und friedlichen Welt
träumen konnten, während das richtige Leben gemütlich seinen Gang ging.
Jetzt ist Folgendes passiert: Die Bundespartei musste in der Ampelregierung
endgültig mit der widersprüchlichen unangenehmen Realität umgehen.
Das behält sie auch weiter bei, etwa in Fragen der Geopolitik, des
Haushalts, der Sicherheit und der Verteidigung. Alles nicht sexy. Die
besorgten Jungen und die illusionstreuen Alten [4][wechseln zur
Linkspartei], weil ihre Bedürfnisse da mit identitätsstiftenden Positionen
bedient werden. Die politischen Emotionen liegen bei vielen Jungen nicht
mehr in der fehlenden Klimapolitik, sondern bei Palästina und
Enteignungssehnsucht.
## Ohne Führungsanspruch
Diese neuen Radikalitätsgefühle können die Grünen nicht mehr bedienen.
Gleichzeitig hat der Mix aus fehlender Konjunktur, fehlender Emotion und
diffuser Perspektive dazu geführt, dass auch manche sozialökologische
Pragmatiker der Generation Habeck nicht mehr sehen, was es bringen soll,
die Grünen zu wählen. Außer halt, um trotz Enttäuschung über Union und SPD
eine liberaldemokratische Mehrheit zu sichern.
So sind die Grünen derzeit im Wesentlichen eine Funktionspartei, die mit
allen Liberaldemokraten und auch der Linkspartei koalieren können muss,
aber ohne Führungsanspruch.
Jetzt könnte der Altlinke sagen: Ha, das haben die Grünen davon, dass sie
ins Zentrum der Gesellschaft gerückt sind. – Nein, das war eine
Notwendigkeit, die sich aus dem Zeitenbruch und dem Aufstieg der AfD
ergibt. Nur so kann man eine Mehrheit anführen. Nun bin ich gerade von
einem wohlmeinenden Kollegen gewarnt worden, ich solle nicht „immer“ auf
Baden-Württemberg und seinen Ministerpräsidenten Cem Özdemir hinweisen.
Offenbar gibt es auch taz-Leser, die da grundsätzliche Vorbehalte haben.
Gleichzeitig ist nicht zu leugnen, dass er gegen die Stimmung der Zeit
einen grandiosen Wahlsieg errungen hat und nun mit dem Juniorpartner CDU
die Breite der liberalen Gesellschaft abdeckt.
Wie hat er das gemacht? Nun, er wollte wirklich gewinnen, und er fand eine
plausible Geschichte, die in etwa lautet: CDU und Grüne halten unter meiner
Führung die Gesellschaft zusammen. Das machte seine Wahl auch für Leute
möglich, die sonst nicht die Grünen wählen.
Und dann ist er natürlich auch Cem Özdemir. Und nicht Bettina & Werner.
26 Sep 2026
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