# taz.de -- Zukunft Syriens: Kraftprobe am Euphrat
       
       > Der Konflikt zwischen der Zentralregierung und den Kurd*innen ist
       > eskaliert. Nun ist eine Waffenruhe in Kraft, aber die ist zerbrechlich.
       
 (IMG) Bild: Islamisten mit westlicher Legitimation: Soldaten der Armee von Übergangspräsident Al-Sharaa in Syrien
       
       Eine fragile Waffenruhe schwebt über den Ufern des Euphrats in
       Nordostsyrien. Seit Dienstagabend sollen für [1][vier Tage die Waffen in
       den kurdischen Gebieten schweigen.] Vier Tage, in denen die
       Anführer*innen der kurdischen Autonomieverwaltung über den Vorschlag
       der syrischen Zentralregierung, und damit die Zukunft Rojavas, entscheiden
       sollen.
       
       Auf der einen Seite stehen die syrische Armee und die Regierung unter
       Führung von Ahmed al-Scharaa, der seit Monaten versucht, die kurdischen
       Streitkräfte, deren Verwaltung und letztlich die gesamte Region unter
       Kontrolle der neuen syrischen Republik zu bringen. In seinem jüngsten
       Vorschlag vom 18. Januar versprach al-Scharaa, den „besonderen Charakter
       der kurdischen Gebiete zu schützen“, im Gegenzug für die Integration
       kurdischer Soldat*innen in den staatlichen Sicherheitsapparat,
       allerdings als einzelne Kämpfer*innen und nicht als kurdische Einheiten.
       Die Kurden sollen die Kontrolle über die Regionen Deir al-Sor und Rakka
       sowie über die Außengrenzen und die Ölfelder Rojavas aufgeben.
       
       Al-Scharaa gegenüber befinden sich die kurdischen Streitkräfte der Syrian
       Democratic Forces (SDF) unter Leitung von General Mazloum Abdi und die
       Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Diese war bislang eine autonome
       Region, deren Verwaltung sich auf Prinzipien wie Gleichberechtigung,
       Nachhaltigkeit und direkte Demokratie stützt, abgeleitet von der Lehre
       Abdullah Öcalans, des kontroversen Anführers der Arbeiterpartei Kurdistans
       (PKK). Wegen früherer Angriffe auf Zivilist*innen wird die PKK von den
       USA und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft.
       
       Für die Selbstverwaltung steht einiges auf dem Spiel: die Zukunft eines
       Regierungsmodells, das sie sich mühsam erkämpft hat, der Kontrollverlust
       über fast ein Drittel des syrischen Bodens sowie über Ressourcen wie den
       Tabqa-Staudamm und die einträglichen Ölfelder. Nicht zuletzt gibt es die
       Angst vor einem Erstarken des religiösen Fundamentalismus sowie, allen
       Versicherungen al-Scharaas zum Trotz, der Verlust von Frauen- und
       Minderheitenrechten.
       
       ## Angst, Frust und Unzufriedenheit
       
       Es sind vier schicksalhafte Tage. Eine Frist, die wie ein Ultimatum klingt.
       Denn in den vergangenen Wochen konnte die syrische Armee weite Gebiete
       Nordostsyriens einnehmen, etwa die arabisch geprägten [2][Rakka, Deir
       al-Sor sowie Teile der Provinz um Hasakah.] Ob die Kurd*innen bei einer
       weiteren Offensive ihre Städte halten könnten, ist fraglich. Zumal die USA
       nun klare Signale zugunsten der Zentralregierung gesendet haben. „Die
       größte Chance für die Kurd*innen in Syrien liegt gerade in dem Übergang
       nach Assad, unter der neuen Regierung, angeführt von Präsident Ahmed
       al-Scharaa“, schrieb US-Botschafter Tom Barrack am Dienstag auf X.
       
       Wer die aktuellen Kämpfe verstehen will, muss auf Rojavas Vergangenheit
       blicken. Unter Assad wurden Kurd*innen diskriminiert. Tausenden Familien
       entzogen die Behörden die Staatsbürgerschaft, sie verloren bürgerliche und
       politische Rechte, sie wurden vertrieben und ihr Land an arabische Familien
       vergeben. Ihre Sprache war nicht anerkannt, genauso wenig ihre Kultur.
       
       Doch mit dem Arabischen Frühling 2011 erhoben sich Kurd*innen gegen Assad
       und forderten mehr Autonomie. Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS)
       konnten sich vor allem die weiblichen Kampfeinheiten behaupten, sie
       gewannen an Unterstützern, in erster Linie die USA. Die Selbstverwaltung
       war offiziell geboren. Nach und nach gerieten auch arabische Städte wie
       Rakka unter ihre Kontrolle. Dort regierten die Kurd*innen indes
       autoritär. Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der
       Meinungsfreiheit kamen ans Licht.
       
       Dann kommt der 8. Dezember 2024, der Autokrat Baschar al-Assad fällt. Die
       SDF erobern im Machtvakuum Gebiete jenseits der bisherigen Grenzen. Es
       kommt zu Tumulten und Toten. Unter arabischen Stämmen herrschen Angst,
       Frust und Unzufriedenheit gegenüber den SDF. Manche Beobachter finden,
       diesen Frust zu ignorieren, sei ein strategischer Fehler gewesen.
       
       ## Angst vor einer Rückkehr des IS
       
       Die Rebellenkoalition, die Assad am 8. Dezember von der Macht verdrängt,
       besteht vorwiegend aus der sunnitischen Terrorgruppe Hai’at Tahrir
       asch-Scham (HTS), angeführt von Ahmed al-Scharaa, und den türkeinahen
       Milizen der Syrian National Army (SNA). Die Türkei bekämpft seit eh und je
       die Arbeiterpartei Kurdistans und sieht die SDF als mit der PKK verbunden.
       Ein sich lang hinziehender Konflikt entflammt an der nördlichen Grenze. Die
       Kurd*innen kämpfen weiter gegen die SNA im Norden und gegen den
       besiegten, doch nie verschwundenen IS im Osten.
       
       Im März einigen sich al-Scharaa und Abdi auf die Integration von kurdischen
       Kampfeinheiten in die staatliche Armee. Das Abkommen wird nie umgesetzt.
       Die SDF ziehen sich aus den kurdischen Vierteln Aleppos zurück, doch die
       kurdische Polizei bleibt. Im Dezember eskaliert hier die Lage, Gefechte
       erschüttern die Straßen. Anfang Januar kommen die Stadtteile unter heftigen
       Beschuss, nach und nach gewinnt die syrische Armee die Kontrolle über die
       Viertel sowie die umliegenden Dörfer. Die SDF müssen sich in die kurdischen
       Gebiete zurückziehen.
       
       Auch die ehemalige IS-Hochburg Rakka wird aufgegeben, mit ihr das
       Flüchtlingslager al-Hol sowie mehrere Gefängnisse, in denen IS-Kämpfer
       sitzen. In al-Hol leben Frauen und Kinder von ehemaligen foreign fighters
       der Islamisten. Sie dürfen das Camp nicht ohne Überprüfung verlassen. Den
       ausländischen Frauen wird eine besondere Grausamkeit zugeschrieben, viele
       sehnen sich offenbar nach dem Kalifat. Ihre Zukunft ist jetzt unklar. Am
       Tag nach der Übernahme schreibt die Direktorin des Camps, Jihan Hanan:
       „Gestern war ich noch die Direktorin. Heute weiß ich nicht, was die
       Verwaltungsanweisungen sein werden.“
       
       Die Angst vor einer Rückkehr des IS ist unter den Kurd*innen groß.
       Mehrere IS-Leute sind aus den Gefängnissen ausgebrochen, das bestätigt das
       syrische Verteidigungsministerium. Die USA haben angekündigt, 7.000
       Ex-IS-Kämpfer in den Irak zu überführen.
       
       ## Die SDF haben wenig Spielraum
       
       Zwar hat sich al-Scharaa von seiner dschihadistischen Vergangenheit
       distanziert und dem IS den Kampf angesagt, doch unter seinen
       Unterstützer*innen hegen manche noch salafistische Gedanken. Nach der
       Übernahme postete ein Militär ein KI-generiertes Video von
       vollverschleierten Frauen in al-Hol mit der Unterschrift „Die Freude,
       Frauen zu befreien, ist groß“. Die Gewalt an den Alawit*innen und
       Drus*innen im vergangenen Jahr hat weitere Angst unter den Kurd*innen
       geschürt.
       
       Doch nun haben die SDF wenig Spielraum. Die nördliche Stadt Kobanê wird
       belagert. Gehen sie keine Kompromisse ein, riskieren sie ein Blutbad und
       den Verlust kurdischer Städte. „Der Schutz der kurdischen Gebiete ist eine
       rote Linie. Wir werden sie ohne Zögern verteidigen“, verkündete Abdi am
       Dienstag. Doch an mehreren Fronten zu kämpfen, ohne internationale
       Unterstützung, dürfte schwierig werden.
       
       Al-Scharaa will keine Waffen in den Händen von Minderheitenmilizen und
       könnte die Ölfelder wirtschaftlich gut gebrauchen. Es könnte ein neues
       Syrien entstehen – aber auch ein neues Rojava.
       
       24 Jan 2026
       
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