# taz.de -- Gaza-Tagebuch: Ich verachte das Wort „Verhandlungen“
       
       > Unsere Autorin sinniert über das Leben. Und stellt fest, dass sie
       > bestimmte Wörter wie „Vermittler“, „Völkermord“, „Krieg“ nicht mehr hören
       > will.
       
 (IMG) Bild: Was bleibt nach all dem Leid?
       
       In einer US-Fernsehsendung habe ich einen Satz gehört: „Die Welt ist nicht
       für Menschen wie uns gemacht“. Er hat mich auf eine seltsame Weise
       getroffen. Er blieb hängen. Ich begann darüber nachzudenken, ihn auf mein
       Leben hier in Gaza zu übertragen – besonders in diesen Tagen. Und erkannte:
       Die Welt, in der wir leben, ist wirklich nicht für Menschen wie uns
       gemacht.
       
       Ich wollte immer Zeugin dessen sein, was geschieht. Doch mit der Zeit
       versank ich in ein schwarzes Loch. Ich hatte nicht mehr die Energie, zu
       beschreiben, was im Gazastreifen geschieht. Ich hatte nicht mehr die Kraft,
       auf die Frage „Wie geht es dir?“ zu antworten – eine Frage, die derzeit
       wohl alle als absurd empfinden. Ich hatte nicht die Energie, andere zu
       fragen: „Was ist los?“ Egal, wie schwer ihre Last war, ich konnte ihnen
       nicht helfen, sie zu tragen.
       
       Ich merkte, wie ich immer tiefer in dieses Loch fiel: Wir drehen uns im
       Kreis, es gibt keinen Ausweg. Jeden Tag höre ich Worte, die mein Verstand
       nicht mehr als normale Vokabeln akzeptieren will.
       
       Ich verachte das Wort „Verhandlungen“. Ich will es von niemandem mehr hören
       – ebenso wenig die Worte [1][„Krieg“, „Völkermord“,] „Abkommen“,
       „Vermittler“, „Geiseln“, „Proteste“. Ich will niemanden mehr in einem
       schicken Anzug unter einer Klimaanlage stehen sehen, und sagen hören: „Wir
       verurteilen. Wir verurteilen aufs Schärfste“. Was ist denn das sogenannte
       „Schärfste“?
       
       ## Den Kopf in den Sand stecken
       
       Ich will keine weitere „Evakuierungsanordnung“ in schlechtem Arabisch aus
       dem Mund eines israelischen Soldaten hören. Ich möchte meinen Kopf wie ein
       Vogelstrauß in den Sand stecken, das Wort „Vertreibung“ nicht mehr hören.
       Ich möchte nicht den Rest meines Lebens als „Vertriebene“ bezeichnet werde,
       so wie mein Großvater bis heute ein „Flüchtling“ ist.
       
       Heute sterben wir für nichts. Früher starben wir, „damit Palästina leben
       konnte“. Jetzt sterben wir, weil ein Laib Brot zum größten Wunsch jedes
       Vaters geworden ist. Und zum Ziel jeder Mutter, die ihr Kind schreien hört:
       [2][„Ich habe Hunger“].
       
       Einmal ging ich die Al-Rimal-Straße im Zentrum von Gaza entlang – eine
       überfüllte Straße voller Zelte und Marktstände, voller Menschen, die sich
       kaum ins Gesicht sehen. Alle Augen sind auf das gerichtet, was die anderen
       in den Händen tragen – Einkaufstüten mit Lebensmitteln.
       
       ## „All dieser Schmerz – für zwei Tomaten?“
       
       Ich sah einen Jungen, der am Eingang eines Zeltes auf seinen Vater wartete
       und auf die schwarze Tasche in der Hand seines Vaters starrte, ohne sehen
       zu können, was darin war. Der Junge stand barfuß da, hüpfte auf der Stelle
       und schluckte erwartungsvoll, als sein Vater näher kam – sein Körper blass,
       als fließe kein Blut mehr in seinen Adern. In dem Moment, als der Vater das
       Zelt erreichte, schnappte sich der Junge die Tüte und brach in Gelächter
       aus.
       
       Ich stand wie erstarrt da und starrte auf die Szene. Der Vater streichelte
       seinem Sohn über den Kopf, lächelte aber nicht. Dann öffnete der Junge die
       Tasche: Darin waren zwei Tomaten. Das war alles.
       
       Das Leben selbst schien angesichts solcher Szenen, die sich wohl jeden Tag
       in Gaza wiederholten, entwertet. All diese Freude – für zwei Tomaten? All
       dieser Schmerz – für zwei Tomaten? Was für eine bittere Ironie. Wie konnte
       die Rebellion gegen die Besatzung, der Kampf um das Recht auf Leben, zu
       einem [3][Kampf um ein Stück Brot] verkommen?
       
       ## Angst – vor so vielem
       
       Nichts spielt mehr eine Rolle. Die Besatzung hat uns weit mehr als nur Land
       genommen. Alle Wärme scheint verschwunden. Ich habe Angst, dass ich nicht
       überleben werde. Ich habe Angst, dass ich vergessen werde, was geschieht –
       selbst wenn ich alles aufschreibe. Ich habe Angst, meine Lieben leblos im
       Staub zu finden. Angst, nur noch Trauer und Verlust zu spüren.
       
       Ich möchte an eine Idee glauben, die nicht [4][vom Blut befleckt] ist. Ich
       möchte sagen: Endlich haben wir in dieser Welt, die nicht für Menschen wie
       uns geschaffen wurde, zurückerobert, was uns rechtmäßig gehört. Wir haben
       unseren Geist wieder aufgebaut, unsere Herzen geheilt, alle zerstörten
       Straßen repariert. Die Welt, in der wir leben, und das Land, auf dem wir
       leben, ist endlich wieder für Menschen wie uns gemacht.
       
       Sawsan Al-Ajouri hat an der Islamischen Universität Gaza Englisch studiert
       und schreibt seit acht Jahren Gedichte. Noch ist ihr Erstlingswerk
       unveröffentlicht. 
       
       Internationale Journalist*innen können seit dem Beginn des Krieges
       nicht in den Gazastreifen reisen und von dort berichten. Im „Gaza-Tagebuch“
       holen wir Stimmen von vor Ort ein.
       
       18 Aug 2025
       
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