# taz.de -- Einheitsfeier in Bremen: Eine Stadt findet sich gut
> Bremen richtet das Fest zur Deutschen Einheit aus und feiert in erster
> Linie sich selbst. Manche hoffen auf linksextremistische Randale.
(IMG) Bild: Muss einem ja gesagt werden: Freuen ist in Bremen an diesem Wochenende Bürgerpflicht
Am Tag vor Beginn der Feierlichkeiten zum [1][Tag der Deutschen Einheit]
führt Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) einen kleinen Trupp
Journalist:innen durch die Bremer City. Dort wird von Freitag bis
Sonntag das „Bürgerfest“ anlässlich des 3. Oktober gefeiert. Das findet
jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt.
Bovenschulte plaudert mit den am Aufbau beteiligten Handwerkern und freut
sich über das an eine Autobahnabfahrt erinnernde blau-weiße Schild
„Industrie und Mobilität“, das hoch in der Luft den Weg zu Ausstellern aus
dieser Branche weist. Direkt dahinter befindet sich der Pavillon von
Mercedes – wie lange es das Bremer Werk angesichts des Sparkurses des
Unternehmens noch geben wird, ist jedoch offen.
Schwarz-rot-goldene Flaggen sind keine zu entdecken, was für diejenigen ein
bisschen schade ist, die den „Imperialisten“ die „Fahne herunterreißen und
in Flammen aufgehen lassen“ wollen. So hat es ein „roter Bund“ im Internet
angekündigt und im Eifer des erhofften Gefechts das Pronomen vergessen.
Die Deutschland-Farben sind lediglich als dezenter Wimpel auf hohen weißen
Flaggen zu sehen, auf anderen prangt das Logo der Einheitsfeier: Die Bremer
Stadtmusikanten, in Origami-Optik, changieren in einem Farbverlauf von
Hellgelb über Orange und Rot bis zu einem warmen Braun, und daneben steht:
„Viele Stärken – ein Land“.
## Ein großes Bremen-Fest
„Esel, Hund, Katze und Hahn haben ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zur
gemeinsamen Stärke gebündelt“, heißt es dazu auf der Website. Und: „Der Tag
der Deutschen Einheit 2026 in Bremen steht für ein modernes und geeintes
Deutschland, das Vielfalt lebt – und das in der Kraft seiner Regionen die
Stärke des Ganzen erkennt.“
Zwischen diesen beiden Sätzen steht nichts über dieses Deutschland und
[2][einiges über das Bundesland Bremen]. Zum Beispiel „Bremen und
Bremerhaven sind wirtschaftlich stark, haben eine international renommierte
Wissenschaftslandschaft sowie eine engagierte Zivilgesellschaft.“
Auch beim Gang durch die Stadt mit dem Bürgermeister wird klar: Das hier
ist eine dreitägige große Bremen-Show, das verhehlen die Verantwortlichen
auch gar nicht. Es geht darum zu zeigen, was man hat: Auf dem
Liebfrauenkirchhof stehen zwei spacige Iglus, hier präsentiert sich die
Luft- und Raumfahrtbranche. Alles, was sich unter „Wissenschaft“
zusammenfassen lässt, stellt im ehemaligen Kaufhof-Gebäude aus und entlang
der Weser reiht sich zwischen zwei Kreuzungen Container an Container – es
geht um Häfen und Logistik.
Auch die weichen Standortfaktoren bekommen einen Platz, „die engagierte
Zivilgesellschaft“ nennen das die Organisator:innen, und darunter fallen
Kunst und Kultur, Sportvereine, Kirchen und was es sonst noch so gibt an
Organisationen, Vereinen und Initiativen.
## Linke Gruppen wollen demonstrieren
Nur die ganz linken Gruppen, die fehlen natürlich, weil die den Einheitstag
blöd finden. Deshalb wollen sie am Freitagabend auch demonstrieren – gegen
Nationalismus und dessen direkte Nachkommen „Sozialabbau, Militarisierung
und Antifeminismus“. Wer den Tag der Deutschen Einheit feiert, würde all
das auch feiern, heißt es in einer Pressemitteilung.
Am Samstagnachmittag wollen dann noch die „Antiimperialisten“ protestieren,
gegen die Annexion der DDR durch die „Erben Hitlers“. Damit sind dem
veröffentlichten Text zufolge alle gemeint, die nicht „die Völker“ sind,
schwierige Terminologie, aber egal, man wird schon selbst wissen, ob man
Hitlers Erbe ausgeschlagen hat.
Aber, wie gesagt, den Nationalismus wird man an diesem Wochenende eher
suchen müssen und man könnte fast vergessen, dass der Einheitstag an die
Wiedervereinigung von BRD und DDR erinnern soll, wenn das nicht
ausgerechnet die [3][christlich-fundamentalistische Martini-Gemeinde] täte.
Die sitzt nämlich mitten auf der Festmeile; in einer schönen alten
Backsteinkirche thront sie über der Weser und an ihrer Fassade hängen
meterhohe Transparente mit der Aufschrift „Die deutsche Einheit verdanken
wir nicht zuerst politischen Entscheidungen, sondern den Betern, die auf
Jesus Christus vertrauten“.
## The Länd am Deich
Das ist ein zielsicherer Schlag ins Gesicht all derjenigen Christ:innen,
die das Ende der DDR nicht nur herbeibeteten, sondern ihr Leben riskierten,
als sie für ihre Freiheit und die ihrer weniger mutigen Mitmenschen auf die
Straße gingen.
Wenn man die Kirche links liegen lässt und Richtung Weserstadion geht,
kommt man auf die „Ländermeile“. Dort dürfen die anderen Bundesländer
zeigen, was sie so drauf haben. Osterdeich heißt die Straße entlang der
Weser, und sie liegt wirklich an einem Deich. Auf halber Strecke ist dort
in Lila auf Gelb „The Länd“ zu lesen: Baden-Württemberg hat eine sehr große
Plastikplane mit diesem Schriftzug auf der hitzegeschädigten Grasnarbe
ausgebreitet. Zu erkennen ist er am besten vom anderen Weserufer aus – oder
aus der Luft.
Direkt hinter dem Ländle haben die anderen Süddeutschen ihre Zelte
aufgeschlagen und machen das so deutlich wie kein anderes Bundesland. Über
der Straße prangt BAYERN in hölzernen oder vielleicht auch nur holzfarbenen
Lettern – ein Schrift gewordener Holzhammer.
Berlin ist auch vertreten, mit einer wie echt wirkenden Müllhalde am
Ostertorsteinweg parallel zum Osterdeich – aber nein, das ist nur eine
meterlange und -hohe illegale Müllkippe, wie es sie nicht nur in der
Hauptstadt, sondern im ganzen Land gibt.
Die Mitarbeiter der Bremer Stadtreinigung räumen sie gerade ab: Müllsäcke
und Farbeimer und Schuhe und Backformen und einen Schrubber, auch genug
Laminat für das Auslegen einer Zweizimmerwohnung ist noch da, es sieht aber
sehr gebraucht aus. „Nicht, dass das am Ende angezündet wird“, sagt ein
Mitarbeiter.
Denn auch das kann ja passieren: dass es jetzt doch zu einer [4][Neuauflage
der Randale] aus dem Jahr 1994 kommt, als Bremen zum ersten Mal die
Einheitsfeier ausrichtete. 16 Jahre danach, beim nächsten Festakt, wurde
die Randale herbeigeschrieben, fiel dann aber mangels Beteiligung aus.
Auch in diesem Jahr raunen sowohl der Weser-Kurier als auch anonyme Gruppen
oder Einzelpersonen seit Monaten davon, dieses Mal könnte es wieder so weit
kommen, wobei die Lokalzeitung zuletzt mehr mit den Verkehrseinschränkungen
beschäftigt war. Gut in den Kram passen würde linker Krawall der CDU und
der FDP, die Anfang des Jahres mit viel Elan und tatkräftiger Unterstützung
der Lokalmedien [5][die linksextremistische Gefahr beschworen] haben.
Auch das ist eben gelebte Bremer Vielfalt: Hier gibt es nicht nur
Rechtsextremisten, sondern auch die anderen. Lasst uns beten.
2 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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