# taz.de -- Einheitsfeier in Bremen: Polizei stört Bürgerfest
       
       > Stundenlang setzte die Polizei am Freitag und Samstag Bürger:innen
       > fest – offenbar ohne Rechtsgrundlage. Anwält:innen kündigen Klagen an.
       
 (IMG) Bild: Zweifel an Rechtsmäßigkeit: Polizei setzt bei Bremer Einheitsfeierlichkeiten Menschen stundenlang fest
       
       Überschwänglich lobte sich am Montag die Bremer Senatskanzlei für ihr
       [1][Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit]. Dabei werden einige Bremer
       Bürger:innen davon vor allem eins behalten: Wie sie stundenlang von der
       Polizei eingekesselt waren, einige von ihnen ohne etwas zu essen und zu
       trinken, ohne wärmende Decken und ohne Rechtsbeistand.
       
       So berichtet es Laura Kalke, die eigentlich anders heißt, deren Namen die
       taz auf ihren Wunsch geändert hat. Von den Omas gegen Rechts erfuhr die
       50-Jährige, dass am späten Samstagnachmittag die AfD zu einer
       Podiumsdiskussion im Zelt des Deutschen Bundestags am Weserstadion geladen
       hatte – sie ging spontan alleine hin, [2][um dagegen zu protestieren].
       
       „Wir haben so Sprechchöre gerufen, ‚Nie wieder Faschismus‘“, erzählt sie am
       Telefon, und dass sich viele Passant:innen spontan angeschlossen hätten.
       Protest gab es auch im Zelt. Auf mehreren Videos in sozialen Medien ist zu
       sehen, wie Menschen im Publikum laut klatschen. Nach Angaben der AfD habe
       dieser Protest eine halbe Stunde angedauert und die Diskussion damit
       größtenteils verhindert. Die Polizei, auch das ist auf den Videos zu sehen,
       greift nicht ein.
       
       Eine Person, die bei dem Protest im Zelt dabei war, beschreibt die Menschen
       draußen so: „Das war ein bunter Trupp aus der Zivilgesellschaft, Menschen,
       die nicht wollen, dass die AfD auf einer Bühne sitzt und so tut, als sei
       sie eine normale Partei.“ Sie hat von drinnen auch beobachten können, wie
       die Polizei draußen eine Kette um die Protestierenden bildete.
       
       „Als wir nach dem Ende der AfD-Veranstaltung gehen wollten, haben wir
       gemerkt, dass die Polizei uns eingekesselt hat“, erzählt Laura Kalke, die
       nach ihren Angaben das erste Mal in so einer Situation war. „Aber wir haben
       nicht erfahren, warum.“ Was sie wie viele andere nicht wusste: Vom 2. bis
       4. Oktober galt in Bremen eine Allgemeinverfügung, die nicht angemeldete
       Versammlungen verboten hat. Die erste polizeiliche Maßnahme hätte
       allerdings die Aufforderung sein müssen, die Versammlung zu beenden. Nach
       Nichtbefolgen hätte sie sie auflösen können. Beides sei nicht geschehen,
       sagt Laura Kalke.
       
       Nach etwa zweieinhalb Stunden sei ihnen mitgeteilt worden, dass jetzt ihre
       Personalien aufgenommen werden, 38 Personen habe sie gezählt. „Es hat aber
       noch einmal anderthalb Stunden gedauert, bis das los ging.“ Weil sie keinen
       Personalausweis dabei hatte, war sie eine der letzten, die gehen dufte,
       gegen 22.30 Uhr. Sie bekam einen mündlichen Platzverweis, der für den Rest
       der Nacht galt.
       
       ## Frieren und stehen
       
       „Mir war irgendwann sehr kalt“, sagt sie, „ich hatte nur T-Shirt und Rock
       an. Außerdem haben wir fast die ganze Zeit gestanden, weil der Boden zu
       kalt war, um sich hinzusetzen“. Auf Toilette hätten sie in Begleitung gehen
       dürfen, aber die Polizei habe die Menschen weder mit Nahrung, Getränken
       oder Decken versorgt.
       
       Nach zwei, drei Stunden, schätzt Laura Kalke, hätte die Polizei es
       Umstehenden erlaubt, ihnen Wasser in den Kessel zu reichen. „Irgendwann
       habe ich schon Angst bekommen und ich war erschöpft“, sagt sie. Am Telefon
       wirkt sie in erster Linie irritiert darüber, dass ihr so etwas passiert
       ist.
       
       Ihre Darstellung bestätigen Nina Markovic und Martin von Borstel. Die
       beiden sind Rechtsanwält:innen und waren am 3. Oktober von 12 bis 22.30
       Uhr im ehrenamtlichen Einsatz, um Menschen zu beraten und gegebenenfalls
       anwaltlich zu vertreten, die sich in Situationen wiederfinden wie Laura
       Kalke. Und davon, sagen die beiden am Telefon, habe es am Samstag einige
       gegeben – so viele, dass sie weitere Kolleg:innen um Verstärkung baten.
       
       Die wiederum riefen ihrerseits um Hilfe: „Unsere Kollegin hat uns
       irgendwann gebeten zum Stadion zu kommen, weil der Ton dort immer rauer
       wurde“, sagt Nina Markovic. Gegen 20 Uhr seien sie dort angekommen. Was sie
       selbst so noch nicht erlebt habe: Dass ihnen die Polizei keinen Zugang zu
       den festgesetzten Menschen gewährte. „Wir duften nicht mit ihnen reden.“
       
       ## Keine Erklärungen für Maßnahme
       
       Auch sei ihnen weder ein polizeilicher Ansprechpartner genannt worden noch
       der Grund für die Maßnahme. „Das war wie ein Spiel – mal sollte der
       zuständig sein, dann doch jemand anderes.“ Diese Erfahrung machten die
       Anwält:innen auch an anderen Orten, wo sie um Rechtsbeistand gebeten
       wurden, zum Beispiel in einem Fußgängertunnel an der Weser. Dort seien am
       Samstagnachmittag etwa 20 bis 30 Personen festgehalten worden.
       
       Diese hätten nach drei Stunden Getränke, Nahrung und Rettungsdecken
       bekommen, schildert Nina Markovic. „Im Tunnel war es sehr kalt und man
       hatte von außen überhaupt keinen Einblick, was drinnen geschah.“ Auch hier
       hätten ihnen die Polizist:innen nicht sagen können, auf welcher
       Rechtsgrundlage sie die Menschen festhalten.
       
       Am Ende sei es offenbar bei allen auf eine Identitätsfestellung und einen
       Platzverweis hinausgelaufen – was Zweifel an der Rechtsmäßigkeit des
       stundenlangen Festhaltens schüre. „Wenn man drei bis fünf Stunden
       festgesetzt wird, ist das mehr als Personalien aufnehmen“, sagt Martin von
       Borstel. Sollten Betroffene klagen, müsste ein Gericht feststellen, ob es
       sich um einen rechtswidrigen Freiheitsentzug gehandelt hat. Der ist
       beispielsweise möglich zur Verhinderung von Straftaten – aber davon sei nie
       die Rede gewesen.
       
       In einem weiteren Fall seien vier Personen rund anderthalb Stunden
       festgehalten worden mit der Begründung, sie hätten nicht weiter
       spezifizierte Sticker und Flyer dabei. Darunter habe sich eine trans Person
       befunden, die mehrfach von der Polizei gefragt worden sei, ob sie männliche
       oder weibliche Genitalien habe. Auch bei diesen vieren seien die
       Personalien fest gestellt worden, sie seien mit einem Platzverweis
       „entlassen“ worden. „Das wirkte so, als stecke System dahinter“, sagt
       Martin von Borstel, „hauptsache alle, die irgendwie stören könnten, so
       lange wie möglich festsetzen“.
       
       Ein weiterer Anwalt hat im Gespräch mit der taz eine Klage angekündigt. Er
       vertritt eine Person, die zusammen mit drei weiteren Personen ebenfalls
       anderthalb Stunden ausharren musste – schon am Freitag. „Ich nehme an
       aufgrund ihres Aussehens“, sagt der Anwalt, irgendwie autonom. An dem
       Abends fand eine linke Demonstration gegen die Einheitsfeier statt.
       
       Die Polizei konnte sich auf Nachfrage der taz nicht zu den Vorfällen
       äußern. Das sei erst möglich, sobald die vollständige Berichterstattung
       vorliege und die Auswertung abgeschlossen sei.
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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