# taz.de -- Coronamutation in Österreich: Machtkampf zwischen Tirol und Wien
       
       > Wien greift durch und verhängt schärfere Maßnahmen für das Bundesland.
       > Tirol hatte sich heftig gegen die Extrabehandlung gewehrt.
       
 (IMG) Bild: Teststation in Mayrhofen im Zillertal: Tirol spielt seit Beginn der Pandemie eine unrühmliche Rolle
       
       Wien taz | Tirol rüstet sich für einen Abwehrkampf gegen Österreichs
       Bundesregierung. Die hatte im Ringen gegen die zuerst [1][in Südafrika
       aufgetretene Virus-Variante] nun doch am Dienstag schärfere Maßnahmen für
       das Bundesland verhängt. Aus dem Bundesland sei – von Osttirol abgesehen –
       vom kommenden Freitag an für zehn Tage eine Ausreise nur noch mit negativem
       Coronatest möglich, sagte Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag in Wien.
       
       Nirgendwo außerhalb von Südafrika sind so viele Menschen mit der Mutation
       B.1.351 infiziert. Zwei Drittel davon allein wurden im Bezirk Schwaz
       ausfindig gemacht, 30 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Innsbruck.
       Schon am Sonntag hatte es daher stundenlange Verhandlungen zwischen dem
       Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und dem Tiroler
       Landeshauptmann Günter Platter (ÖVP) gegeben. Ohne Ergebnis.
       
       Am Wochenende hatte man in Wien auch eine komplette Quarantäne über das
       Bundesland in den Raum gestellt. Der südafrikanische Mutant gilt nicht nur
       als ansteckender als das gängige Virus. Er soll auch weniger stark durch
       die bisher vorhandenen Vakzine ausgebremst werden.
       
       Tirol dürfe nicht zum Sündenbock gemacht werden, hatten am Wochenende viele
       vom Seilbahnbetreiber bis zum Direktor der Tiroler Wirtschaftskammer
       Christoph Walser protestiert. Der drohte in einem Fernsehinterview am
       Sonntag: „Wenn morgen ansatzweise aus dem Gesundheitsministerium etwas
       kommen sollte, dann werden's uns am Montag richtig kennenlernen.“ Worin
       dieses Kennenlernen bestehen solle, präzisierte er nicht.
       
       Dabei hantierte er auch mit falschen Zahlen. Lediglich 165 Ansteckungsfälle
       gebe es im Land, und die seien unter Kontrolle. Offiziell ist hingegen von
       293 bestätigten Fällen von B.1.351 die Rede. Da die Sequenzierungen in Wien
       gemacht werden müssen, muss man mit Verzögerungen bei der Ausforschung des
       Mutanten rechnen.
       
       ## Tricksereien in Ischgl
       
       Der gelernte Konsenspolitiker Anschober, der als Gesundheitsminister
       gegenüber dem Landeshauptmann weisungsberechtigt ist, hatte zunächst auf
       die Keule aus Wien verzichtet, als Platter verkündete, Tirol würde am
       Montag dieselben Lockerungsschritte vollziehen wie der Rest der Republik.
       Mit einer 7-Tages-Inzidenz von 99,7 liege Tirol unter dem
       Österreich-Schnitt von 105, so das Argument.
       
       In einer Art Notwehrakt verhängte Anschober gemeinsam mit Bundeskanzler
       Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag zunächst eine Reisewarnung für Tirol.
       Rechtlich war sie aber bedeutungslos. Tirols ÖVP-Wirtschaftsbundspräsident
       Franz Hörl sieht in der Reisewarnung nicht mehr als einen „Rülpser aus
       Wien“.
       
       Der Aufstand des Bergvolkes erinnert an die Ereignisse vom vergangenen
       März, als Hoteliers gegenüber ihren Gästen behauptet hatten, es gäbe im Ort
       keine Coronafälle und sich dann [2][von Ischgl und St. Anton] Tausende
       Urlauber mit dem Virus im Körper über ganz Europa verteilten. Die Behörden
       hätten „alles richtig gemacht“, wie der Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg
       (ÖVP) damals beharrlich behauptet hatte, wurde zum geflügelten Wort.
       
       Auch [3][während des jüngsten Lockdowns] zeigten sich Hoteliers,
       [4][Liftbetreiber und Urlauber] erfinderisch. Bei einer Razzia in St. Anton
       am Arlberg und im Stanzertal hatte die Polizei Ende Januar Deutsche,
       Briten, Dänen, Polen und Australier entdeckt. Viele waren über die Schweiz
       eingereist, manche gaben sich als Geschäftsreisende aus, die sich von der
       Familie begleiten ließen, andere deklarierten sich als arbeitssuchend und
       meldeten in einer Pension einen Zweitwohnsitz an.
       
       9 Feb 2021
       
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