# taz.de -- Charlotte Merz auf dem CDU-Parteitag: Die Wegboxerin
       
       > Die Showeinlage von Charlotte Merz beim CDU-Parteitag am vergangenen
       > Wochenende sorgt weiter für Erregung. Dabei hat sie nur Schlimmeres
       > verhindert.
       
 (IMG) Bild: Glückwunsch ganz ohne Geboxe: Charlotte und Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag nach Friedrichs Wahl zum Vorsitzenden
       
       Vier Bodyguards, eine Ehefrau und einen Daniel Günther – so viele Menschen
       braucht Friedrich Merz, um sich [1][vor den kritischen Fragen eines
       Journalisten] zu schützen. Was wie die Pointe eines blöden Witzes klingt,
       ist vergangenes Wochenende genau so passiert.
       
       Als „heute show“-Reporter Lutz van der Horst den CDU-Vorsitzenden mit einer
       Frage zur „Leitkultur“ konfrontiert, beschützen ihn nicht nur seine
       Bodyguards, sondern auch Ehefrau Charlotte. Die Szene ist bizarr: Sie
       drängt sich dem Reporter auf, reißt ihm sein Mikro aus der Hand und
       antwortet auf die Frage, die eigentlich ihrem Gatten galt. „Leitkultur
       bedeutet, als allererstes zu fragen, ob man eine Antwort geben möchte“,
       schnauzt sie ins Mikro. Das mediale Echo auf die Aktion ist in den
       darauffolgenden Tagen groß, allgemein herrscht große Empörung. [2][Und
       jetzt verurteilt auch der Deutsche Journalisten Verband die
       „Unverschämtheit“ scharf.]
       
       Doch ehrlicherweise sollten wir Charlotte Merz dankbar sein. Denn auf
       Fragen zur „Leitkultur“, die an Friedrich Merz gerichtet werden, können nur
       populistische und ausgrenzende Antworten folgen. Zur Erinnerung: Merz
       verbreitete Gerüchte von Geflüchteten, die sich zum Spaß [3][die Zähne neu
       machen ließen,] sprach von „kleinen Paschas“, die unsere Leitkultur
       bedrohten, und bezichtigte ukrainische Kriegsflüchtlinge des
       „Sozialtourismus“.
       
       Es ehrt Charlotte Merz also, dass sie ihrem schwer beschäftigten Ehemann
       Friedrich die Bürde der erwartbaren Antwort abnahm. Zudem lenkt das leichte
       Unbehagen, das die Aktion von Charlotte Merz hinterlässt, immerhin ein
       wenig von der Vorstellung ab, dass der nächste Bundeskanzler tatsächlich
       Friedrich Merz heißen könnte, wie seine Wiederwahl als Vorsitzender auf dem
       CDU-Parteitag unterstrich.
       
       ## Echte Image-Glattbüglerin
       
       Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sprang für
       Friedrich Merz in die Bresche. Cool und ehrlich antwortete er auf die Frage
       des Reporters, warum man das Thema Leitkultur in der CDU immer wieder
       aufwärme: „Weil uns halt sonst nichts eingefallen ist.“ Dass Günther kein
       Problem damit hat, die Fragen eines Journalisten zu beantworten, zeichnet
       ihn im Gegensatz zu Merz aus. Eine Gefahr für den potenziellen
       Kanzlerkandidaten der CDU also?
       
       Charlotte Merz ist so etwas wie ein Multitalent, das die Schwächen ihres
       Ehemanns überstrahlen kann. Sie funktioniert nicht nur als
       Schlagzeilen-Wegboxerin, sondern auch Image-Glattbüglerin. Ende April gab
       sie der BILD am Sonntag ein Interview. Darin zeichnet sie ihren Gatten als
       liebenden Großvater und Ehemann – eine lustige Vorstellung, die der des
       impulsiven und hetzenden CDU-Chefs auf den ersten Blick so gar nicht
       entsprechen will.
       
       Was eher wie belangloses Geplänkel scheint, könnte für Friedrich Merz
       entscheidend werden, denn seine persönlichen Beliebtheitswerte sind
       konstant niedrig, besonders bei jungen Menschen und bei Frauen. Die
       Vorstellung, dass Friedrich Merz seiner Ehefrau den Kopf bereits beim
       ersten Treffen verdrehte, wie sie – kein Scherz – im Interview mit der BamS
       schwärmte, lässt Merz fast menschlich wirken. Eine echte Qualität für einen
       möglichen zukünftigen Kanzler, die andere potentielle Kandidaten bisher
       besser beherrschen.
       
       Zudem könnte Charlotte Merz die Rolle einer Art „First Lady“ ausfüllen,
       eine Position, die in Deutschland eher vorsichtig beschritten wird (wer war
       nochmal Britta Ernst?). Charlotte Merz strahlt spätestens seit ihrer
       Nahkampfeinlage etwas Kultiges aus, sie wird zur öffentlichen Figur, gar
       zum Meme.
       
       Doch beim ganzen Schwärmen von Charlotte Merz ist nicht zu vergessen, dass
       die Causa auch einen ernsten Hintergrund hat. Obwohl Van der Horst
       Adiletten trägt und freche Fragen stellt, verdient er wie jede:r
       Journalist:in eine Antwort statt Bevormundung.
       
       Das ist bislang jedenfalls noch bundesdeutsche Leitkultur.
       
       15 May 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=bENDaN0RKgQ&t=1s
 (DIR) [2] https://www.djv.de/news/blog/blog-detail/default-67d6e7309c2fb944acc7d8e3f66c87fd/
 (DIR) [3] /Friedrich-Merz-ueber-Gefluechtete/!5962475
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joscha Frahm
       
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