# taz.de -- 1.563 Tage Krieg in der Ukraine: Blutiger Alltag
> In der Ukraine gibt es seit Kriegsbeginn einen erhöhten Bedarf an
> Blutkonserven. Unser Autor kommt dem Aufruf zur Blutspende in Odessa
> nach.
(IMG) Bild: Gespendetes Blut kann Leben retten
„Odessa! Kritischer Mangel an Blutkonserven für unsere Verteidiger. Wir
brauchen dringend Blut der Gruppen I (+) und III (+). Spendentermine morgen
ab 9 Uhr. Stadtteil Primorskyj. Registrieren Sie sich und warten Sie auf
unseren Anruf.“
Diese Meldung ploppte kürzlich im Telegram-Kanal „Odessa-Spender“ auf. Ich
hatte quasi schon darauf gewartet: Zeit zum Blutspenden! Das heißt, keine
Milchprodukte und nichts Fettiges am Vortag. Und präventiv auch keinen
Alkohol. Morgens dann Porridge, Apfel und warmes Wasser.
Ob das für den menschlichen Körper eigentlich gut ist, so viel Blut auf
einmal zu verlieren, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber vor diesem
Termin überzeuge ich mich selbst davon, dass das gut ist: Ich erneuere
sozusagen mein Blut, senke das Risiko für irgendwelche Krankheiten und tu
etwas Gutes.
## Der Check-up verrät gute Gesundheit
Aber, um ehrlich zu sein: Ich bin Egoist. Dieser Termin zeigt mir, dass es
um meine Gesundheit noch nicht ganz so schlecht bestellt ist und ich das
noch problemlos schaffe. Und auch, dass dieser kurze medizinische Check-up
mir sagt: „Du bist noch in einem Top-Zustand!“
Blutdruck – im Normbereich, Hämoglobin – ebenfalls. Chronische Krankheiten,
die sich im Blut nachweisen lassen – keine. Regelmäßig eingenommene
Medikamente – auch nicht. Während dieselben Ärzte zeitgleich eine
23-Jährige nach Hause schicken: „Sie haben erhöhten Blutdruck und sollten
heute kein Blut spenden.“ Noch eine Kontrollfrage an mich: „Haben Sie
früher schon einmal Blut gespendet? Wie haben Sie sich dabei gefühlt?“ Ich
lache fröhlich zur Antwort. Denn wirklich: Obwohl ich nicht besonders groß
und schwer bin und auch nicht wirklich gesund lebe, werde ich nicht
ohnmächtig, wenn mir 450 Milliliter Blut abgenommen werden – darin liegt
meine Superkraft. Ich habe große, rotwangige Jungs vom Land erlebt, die das
kein zweites Mal tun könnten.
Auch Frauen scheinen diese Prozedur besser zu ertragen. Das ist nur meine
persönliche Beobachtung, wissenschaftlich belegt ist es nicht. Sie geben
manchmal sogar ein bisschen damit an, wenn sie beim Blutspenden wieder
einen kräftigen Typen sehen, der beim Blutverlust blass wird. „Die Männer
sind heute so zart besaitet“, beklagt dann auch die temperamentvolle
Krankenschwester.
## Dritte Blutspende seit Kriegsbeginn
Diese Blutspende war übrigens die fünfte in meinem Leben und die dritte
seit Beginn des russischen Großangriffs. „Das ist ja noch gar nicht so
viel“, sagen Sie jetzt vielleicht. Und klar, es gibt Menschen, die das alle
zwei Monate machen. Und auch ich würde gerne öfter … Aber egal, jetzt bin
ich hier.
Der Fragebogen ist ausgefüllt, die Voruntersuchung gemacht, ich liege mit
punktierter Vene im Behandlungsstuhl, direkt neben einer schmatzenden
Pumpe, die das Blut aus mir heraussaugt. Unangenehm, klar, aber auch nicht
tödlich. „Machen Sie eine Faust. Soll ich Ihnen vielleicht einen kleinen
Gummiball dafür geben?“, fragt die Krankenschwester.
Nach fünfzehn, zwanzig Minuten ist alles vorbei. Dann sollen wir noch ein
bisschen liegenbleiben, manchen Spendern wird doch etwas schwindlig. In
einem Raum gibt es Saft und Kekse. In einigen Zentren werden sogar Urkunden
vergeben – so was wie „Verdienter Spender“ – und lustige Sticker mit
Blutspende-Content.
Und dann gibt es noch die Ratschläge, wie man sich im Anschluss verhalten
soll: das Pflaster am Arm mindestens zwei Stunden dranlassen. Nicht Auto
fahren oder ins Gym gehen – generell keine körperliche Belastung während
der nächsten 24 Stunden. Mehr trinken, aber keinen Alkohol.
Und dann wird immer noch gefragt, ob man eine Bescheinigung für den
Arbeitgeber braucht. „Nicht nötig“, sage ich und stelle mir vor, wie ich
mir als freiberuflicher Journalist selbst den Schein vorlege und mir
erkläre, an diesem Tag nicht mehr arbeiten zu können. Aber das wäre
Quatsch. Denn natürlich arbeite ich noch. Auch mit 450 Milliliter weniger
Blut im Körper.
5 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Artem Perfilov
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