# taz.de -- 1.555 Tage Krieg in der Ukraine: Baumblüten für die Psyche
       
       > Blühende Kirschbäume und Blumen geben den Ukrainern Halt inmitten des
       > Krieges. Die Menschen fahren weit für diese kleinen Inseln der Schönheit.
       
 (IMG) Bild: Baumblüte in Uschhorod, im Hintergrund die ehemalige Synagoge
       
       Auch im Krieg finden die Ukrainer noch Freude an den einfachen Dingen des
       Lebens. Im Frühling sind die sozialen Netzwerke der Menschen von Kramatorsk
       im äußersten Osten bis nach Uschhorod ganz im Westen des Landes voll mit
       Fotos von blühenden Bäumen und Blumen. Kirschbäume, Tulpen, Blauregen und
       Kastanien blühen nacheinander – und ziehen Tausende von Ukrainern an, die
       nicht mal Reisen von mehreren Hundert Kilometern scheuen, um sie anzusehen.
       
       „Hier kann ich endlich einmal durchatmen“, sagt die Rentnerin Larysa, die
       gemeinsam mit 50 weiteren Menschen aus der Stadt Nischyn im Gebiet
       Tschernihiw Tausend Kilometer mit dem Bus zurückgelegt hat, um die
       blühenden Zierkirschen in Uschhorod zu bewundern. Ein Sirenenton von ihrem
       Telefon unterbricht das Gespräch. Es ist ihre Warn-App, die anzeigt, dass
       russische Drohnen sich gerade ihrer Heimatstadt nähern.
       
       Normalerweise bedeutet das, so schnell wie möglich in den Schutzraum zu
       müssen. Aber hier im Westen des Landes muss sie nicht rennen – und sie
       versucht gleichzeitig, so viele Eindrücke wie möglich aufzunehmen, bevor
       sie nach Hause zurückfährt.
       
       Mehr als Zweitausend Zierkirschen, der älteste von ihnen ist gerade Hundert
       Jahre alt geworden, gibt es an den Straßen von Uschhorod, das man in den
       20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer Gartenstadt machen
       wollte. Die beeindruckenden Alleen ziehen die verzauberten Besucher in
       ihren Bann.
       
       ## Kleine Inseln der Schönheit
       
       „Es ist schwer, sich so plötzlich auf diese Schönheit einzulassen. Aber ich
       versuche es“, sagt die 24-jährige Sofija, die extra für einen Tag [1][mit
       der Bahn aus Tscherniwzi] nach Uschhorod gekommen ist. Sie bekennt, dass
       sie wegen der schlechten Nachrichten immer ein Gefühl der Angst verspürt.
       Doch jetzt ist Sofija so begeistert von dem, was sie hier sieht, dass sie
       Passanten bittet, ein Foto von ihr zu machen. Und dabei muss sie trotz
       allem lächeln.
       
       Kleine Inseln der Schönheit kann man eigentlich in jeder ukrainischen Stadt
       finden. So werden in Lwiw in jedem Frühjahr Tausende von Tulpen gepflanzt,
       ein Geschenk aus den Niederlanden. Die Orte, an denen sie blühen, kann man
       auf speziellen Onlinekarten finden. Dort kann man auch sehen, wann der
       Blauregen blüht, der an den alten Bürgerhäusern aus der Habsburger Zeit
       hochrankt. Auch Flieder und Magnolien in den Parks der Stadt sind hier
       verzeichnet.
       
       Nicht alle können sich erlauben, in Städten zu flanieren, nicht mal in
       ihren eigenen. So wie zum Beispiel Jewhenija Karpenko aus dem stark
       beschossenen Cherson, deren Welt auf die unmittelbare Umgebung um ihr Haus
       beschränkt ist. Bilder von dem kleinen Garten im Hof wechseln sich [2][in
       ihren täglichen Facebook-Einträgen] mit Berichten über neue Angriffe und
       ihre Opfer ab. „Ich laufe im Hof herum und bete. Und wenn ich das Pfeifen
       eines Geschosses höre, renne ich in den Keller“, schreibt sie.
       
       Das Säen und Pflanzen neuer Blumen nennt Jewhenija „eine Investition in die
       Freude und die gute Laune“. Während sie darauf wartet, dass ihr Mann aus
       der Stadt zurückkommt, wo über ihm russische Drohnen kreisen, steigt ihr
       Blutdruck. Dann postet sie Bilder von Petunien und Tamarisken: „Das ist
       wirklich heilsam.“
       
       ## Natur zur seelischen Heilung
       
       Selbst ganz gewöhnlicher Löwenzahn auf einer Wiese könne schon eine Quelle
       der Freude sein, meint die Psychologin Viktorija Sokil, die aus
       Saporischschja, 25 Kilometer von der Front entfernt, nach Lwiw gezogen ist.
       
       „Das ist keine Flucht vor der Realität, sondern ein fundamentales Mittel
       zur seelischen Heilung“, betont die Psychologin, die Geflüchteten dabei
       hilft, den Verlust der Heimat und eines damit verbundenen Gefühls der
       Sicherheit zu verarbeiten.
       
       „Die Natur rettet uns auf verschiedene Weise. Dort, wo mein Mann jetzt als
       Soldat ist, sehen die Wälder apokalyptisch aus, mit kaputten Bäumen, in
       denen sich die Glasfaserkabel der Drohnen verheddert haben. Und doch
       schützen sie meinen Mann vor dem Feind“, sagt Viktorija.
       
       Für diejenigen, die weiter von der Front entfernt sind, ist es wichtig, die
       „kleinen Freuden“ zu bemerken und schätzen zu lernen, um seelisch gesund zu
       bleiben, trotz der ständigen schlechten Nachrichten.
       
       „Bäume und Blumen anzuschauen ist eine der wenigen guten Sachen, an denen
       wir uns in dieser chaotischen Welt aufrichten können“, betont die
       Psychologin.
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       29 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rostyslav Averchuk
       
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