# taz.de -- Ausstellung über Susanne Kerckhoff: Sonst ist alles Lüge
       
       > „Die Nachkriegszeit in ihrer Fragwürdigkeit“: Eine Ausstellung im Mitte
       > Museum in Berlin widmet sich Leben und Werk der kommunistischen
       > Schriftstellerin Susanne Kerckhoff.
       
 (IMG) Bild: Ausstellungsansicht: „Lang ist es nicht her. Und jetzt ist es soweit.“ im Mitte Museum
       
       Viel Materielles ist nicht geblieben vom Leben der kommunistischen
       Schriftstellerin Susanne Kerckhoff. Zwei Glaskästen mit Dokumenten und
       Pässen sowie Erstausgaben von Kerckhoffs Büchern sind im Mitte Museum in
       Berlin aufgestellt, den meisten Raum nehmen darin jedoch
       Zeitungsausschnitte ein.
       
       Susanne Kerckhoff beging 1950 im Alter von nur 32 Jahren Suizid, und wem
       der anzulasten war, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die
       westlichen Zeitungen berichteten von politischem Druck, Kerckhoff wolle
       sich durch den Suizid einer bevorstehenden „Säuberungsaktion“ der SED
       entziehen, wusste das St. Galler Tageblatt, im noch jungen Spiegel verwies
       man auf den Halbbruder, der ebenfalls einen „Nervenknacks“ habe.
       
       Richtig ist, dass Kerckhoff unter den Genoss:innen aneckte, die SED in
       einem Rundschreiben die „schwankende ideologische Haltung“ Kerckhoffs
       kritisierte. Doch ausschlaggebend für den Suizid dürften auch persönliche
       Gründe gewesen sein. Kerckhoff wurde von einem westdeutschen Gericht das
       Fürsorgerecht für ihre Kinder abgesprochen, der Verweis auf politische
       Beweggründe sei eine „infame Lüge“, schrieb das Neue Deutschland.
       
       Gestützt wird diese Sicht vom Ex-Mann der Verstorbenen, der in der Berliner
       Zeitung darlegte, dass diese unter der Trennung von ihren Kindern „unsagbar
       schwer gelitten“ habe, sowie von Freunden der verstorbenen
       Schriftstellerin, die sich offenbar genötigt sahen, aus persönlichen
       Abschiedsbriefen Kerckhoffs zu zitieren: „Die Ursache, die im wesentlichen
       meinen Selbstmord bewirkt, ist der Verlust meiner Kinder. Meine letzten
       Gedanken gelten, trotz meiner persönlichen Schwäche, ganz allein dem
       Gedeihen der Deutschen Demokratischen Republik, der ich stärkere und
       fähigere und tapferere Menschen wünsche als ich es bin“ (Stuttgarter
       Volksstimme). Ob nun der Brief wiederum echt war?
       
       ## Vergessen wird man nicht einfach so
       
       Susanne Kerckhoff, an deren Wiederentdeckung die Ausstellung im Mitte
       Museum mitwirken will, zählt zu den [1][vergessenen Schriftstellerinnen.]
       Die altbekannte Problematik des Aktiv und Passiv: Preise steigen nicht,
       sondern werden erhöht, und auch vergessen (gemacht) wird man zumeist nicht
       einfach so. Wahrscheinlich war das kurze Leben Susanne Kerckhoffs, waren
       ihre Positionen zu ambivalent, um eindeutig in den west- oder ostdeutschen
       Literaturkanon eingegliedert zu werden. Zu kompliziert – anscheinend bis
       heute. Erinnert sei hier etwa an die Debatte um die Neuauflage von
       Kerckhoffs [2][„Berliner Briefen“,] die es 2020 bis ins Literarische
       Quartett schaffte und die, [3][zumindest laut der Germanistin Ines Geipel,]
       der „hoch widersprüchlichen“ Kerckhoff als politischer Person nicht gerecht
       werde.
       
       Doch was war denn eigentlich so kompliziert, so widersprüchlich? Susanne
       Kerckhoff war Kommunistin und SED-Mitglied. Geboren und aufgewachsen in
       bürgerlichen Verhältnissen, hatte sie sich schon während der Schulzeit der
       Sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen. Während der NS-Zeit blieb
       sie, mittlerweile Mutter, im Land, konnte sogar weiterhin
       schriftstellerisch arbeiten, versteckte jedoch Juden und Jüdinnen.
       
       Die Schrecken der Nazizeit beschäftigten sie nachhaltig. Kerckhoff, die
       später Feuilletonchefin der Berliner Zeitung wurde, ging es auch um die
       Aufarbeitung der Schuld, die in der DDR zugunsten des neuen,
       kommunistischen Staatsprojekts weitgehend ausblieb, und unter der
       paradoxerweise die Aufrechten mehr zu leiden schienen als die Täter. „Die
       Nachkriegszeit in ihrer Fragwürdigkeit macht so kaputt“, wird die
       Schriftstellerin in der Ausstellung zitiert. „Es ist sehr sonderbar und
       tragisch, wie im heutigen Deutschland die Antifaschisten am meisten leiden,
       während die Nazis und Mitläufer wieder munter umherplätschern – es sind
       eben die Menschen, denen es so leicht fällt, sich zu akklimatisieren.“
       
       ## L’art pour l’art ist nicht mehr zeitgemäß
       
       Die Ausstellung in Berlin arbeitet vor allem mit Texttafeln zu Kerckhoffs
       Leben und Werk. Exponate gibt es wenige, aber immerhin einige Tonaufnahmen.
       So hören wir Kerckhoff auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress
       1947, wo sie die Notwendigkeit betont, sich auch als Künstler:in
       politisch zu positionieren. L’art pour l’art hält sie für nicht zeitgemäß,
       man dürfe den Punkt nicht verpassen, wo man sich einschalten muss, sonst
       „ist alles Lüge“.
       
       Man denkt überhaupt viel nach über Wahrheit und Lüge, im Kontext der
       Ausstellung, nicht nur in der Deutung von Kerckhoffs Tod. Vor allem beim
       Lesen ihrer Porträts, die sie unter dem Titel „Menschen unserer Zeit“ in
       der Nachkriegszeit in der Berliner Zeitung veröffentlichte. Das sind sehr
       gute Texte, die die Schuldfrage noch mal anders beantworten, indem sie sie
       nämlich offen lassen.
       
       In „Eine Inge aus Hamburg“ etwa skizziert Kerckhoff das Leben einer jungen
       Frau. Rümpften über sie und den Beruf ihres Vaters zu Kindertagen die
       Nachbarn noch die Nase, worüber „unsere Inge“ bittere Tränen vergoss, so
       wendete sich das Blatt, als der Vater Sturmführer wurde. Nach dem Krieg ist
       all das wieder dahin, „unsere Inge“ arbeitet für einen britischen
       Kommandanten, der sie dann jedoch sitzen lässt und für ihre Entlassung
       sorgt. Desillusioniert sehnt sich Inge zurück in eine Zeit, in der noch
       Ordnung herrschte: „Sie ist auf dem Wege nach rückwärts – eine bildsame,
       junge Deutsche, nicht gut und nicht schlecht“. Kerckhoff traut sich, zu
       differenzieren: Man muss kein Verständnis für etwas haben, um es dennoch zu
       verstehen.
       
       Kerckhoffs Figuren sind ausgedachte. Was sie beschreibt, hat sich so nicht
       zugetragen, ist nicht wahr, im strengen Wortsinne, bedarf aber keines
       Hinweises, denn wenn man liest, weiß man: Es ist richtig. Seltsam
       eigentlich, was da vorausgesetzt wird, waren die Zeitungen doch nur wenige
       Jahre zuvor voll der Unwahrheiten, voller angeblicher Kriegsgewinne, denen
       Glauben zu schenken stetig schwerer fiel, je mehr Bomben vom Himmel fielen.
       
       Auch heute, in unserer Zeit, die mitunter als post-truth bezeichnet wird,
       hat man zur Wahrheit ein durchaus angespanntes Verhältnis. Was als wahr
       gilt, ist nicht nur unwahr, es ist viel schlimmer: Es ist egal. Vielleicht
       täte ein bisschen mehr Fiktion, Unwahres aber Wahrhaftiges, uns allen
       dieser Tage doch ganz gut.
       
       6 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vergessene-Autorinnen-der-Gruppe-47/!5996363
 (DIR) [2] /Briefroman-der-Nachkriegstzeit/!5686294
 (DIR) [3] https://www.deutschlandfunkkultur.de/streit-um-rezeption-von-autorin-susanne-kerckhoff-als-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Hubernagel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berlin Ausstellung
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) NS-Widerstand
 (DIR) NS-Verbrechen
 (DIR) Kommunismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Dichter Eberhard Häfner im Porträt: Kam einer an, fand im Glück eine Lücke
       
       Wie lebt er, der einstige DDR-Underground, die
       „Prenzlauer-Berg-Connection“? Ein Besuch beim Dichterschmied und „letzten
       Bohemien Berlins“, Eberhard Häfner.
       
 (DIR) Ingeborg Bachmann und die Politik: Dichtung und Wahrheit
       
       Ingeborg Bachmann nahm in ihrem Schreiben stets die Gewalt in der Sprache
       in den Blick. Wo stand die Dichterin politisch?
       
 (DIR) Vergessene Autorinnen der Gruppe 47: Schöne Mädchen für das Fest
       
       Dass bei der Gruppe 47 auch Autorinnen vorlasen, ist fast vergessen. Nicole
       Seifert erzählt von ihnen und analysiert den damaligen Literaturmachismus.