# taz.de -- Die neuen Demokraten-Stars: Links, populistisch, authentisch
       
       > Sie sind die Kinder der Obama-Generation: Stars wie Jon Ossoff oder
       > Alexandria Ocasio-Cortez könnten die nächsten Präsidentschaftskandidaten
       > der Demokraten werden.
       
 (IMG) Bild: Sie scheint so hell am Demokraten-Firmament: Alexandria Ocasio-Cortez im Wahlkampf in North Las Vegas, Nevada
       
       Als Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, war Abdul El-Sayed 24
       Jahre alt und hatte gerade seinen Bachelor in Biologie und Politik
       abgeschlossen. Jon Ossoff büffelte derweil in Georgetown für seinen
       College-Abschluss. Und doch war bei den Wahlkampfveranstaltungen zwischen
       den beiden Juniorkandidaten und dem mittlerweile ergrauten Elder Statesman
       bei gemeinsamen Auftritten eine echte Chemie zu spüren.
       
       El-Sayed und Obama witzelten über ihre für den amerikanischen Geschmack
       eigenartigen Namen, Obama erwähnte mit Neid den eindrucksvollen Bizeps von
       Sayed. Jon Ossoff wird derweil schon lange nachgesagt, dass er die
       Lässigkeit und Souveränität von Obama hat. New-York-Times-Kolumnist Ezra
       Klein sagte, dass die Wahlkampfvideos von Ossoff die visuelle Grammatik von
       Obamas Wahlkämpfen benutzten, und der Politico-Kolumnist Jonathan Martin
       meinte, das O in Ossoffs Wahlkampflogo könne genauso gut für Obama stehen.
       
       Die Demokratische Partei und die liberale Öffentlichkeit beklagen seit
       Obamas Amtsübergabe an Donald Trump Anfang 2017, dass es keine politischen
       Talente und keine Führungsfiguren in der Partei mehr gebe. Präsident Joe
       Biden war Anfang 2021 eine heiß ersehnte Rückkehr zu politischer Normalität
       nach vier Jahren Trump, aber alles andere als eine Offenbarung. Im
       Präsidentschaftswahlkampf 2024 traute sich erst gar kein demokratischer
       Kandidat, gegen Biden und seine Wahlkampfmaschine anzutreten. Seit dem
       Beginn von Trumps zweiter Amtszeit sucht der Widerstand nun umso
       händeringender nach einem Anführer.
       
       Seit diesem Dienstag scheint es jedoch so, als könne sich die demokratische
       Partei vor potenziellen Führungsfiguren kaum mehr retten. [1][El-Sayed hat
       in Michigan] souverän auch den übelsten Angriffen auf seine Person
       widerstanden. Die Versuche seiner Gegner, ihn als Islamisten zu zeichnen,
       prallten an ihm ab, und selbst der Verrat seiner [2][Parteigenossin Haley
       Stevens, die kurz vor knapp die politischen Seiten wechselte], vermochte
       ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Er wehrte sich standhaft seiner Haut,
       ohne in die Vulgarität seiner Kontrahenten abzurutschen, und transportierte
       eine überzeugende Mischung aus Kompetenz und Bodenständigkeit.
       
       ## Die Aura eines Kennedy
       
       Ossoff wird unterdessen die Aura eines Kennedy nachgesagt. In seinem
       Wahlkampf hat er es geschafft, mit präzisen Angriffen Donald Trump unter
       die Haut zu fahren, ohne dabei seine Coolness zu verlieren. Ossoff sagte an
       Trump gerichtet Sätze wie: „Unsere Aufgabe ist es, nicht nur seine
       Boshaftigkeit zu bekämpfen, sondern die Fäulnis zu kurieren, die zu seinem
       Aufstieg geführt hat.“
       
       Hinzu kommt Ossoffs Virtuosität im Umgang mit sozialen Medien, die er nicht
       zuletzt seiner Vergangenheit als Filmemacher zu verdanken hat. Seine
       aufwendig produzierten Kurzvideos, nicht selten mit kompakten Attacken
       gegen Trump aus seinen Reden versehen, erreichen regelmäßig Millionen
       Klicks. Seine Wahlkampfveranstaltungen sind immer bereits mit Blick auf
       Instagram choreografiert.
       
       Ossoff und Sayed sind jedoch nicht die einzigen jungen demokratischen
       Talente, die sich am Dienstag der Nation gezeigt haben. Der Charme von
       James Talarico ist gewiss nicht jedermanns Sache, war aber im
       tiefreligiösen Süden überaus effektiv.
       
       In South Carolina lernte die breite Öffentlichkeit die 46 Jahre alte
       Kinderärztin Annie Andrews kennen, die mit ihrer beißenden Kritik an
       Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. bei ihren WählerInnen punktete
       und das republikanische Urgestein Lindsey Graham ersetzte.
       
       In New Hampshire gewann der nun erste offen schwul lebende Senator Chris
       Pappas. In Iowa wurde Rob Sands zum Gouverneur gewählt, der 2008 als junger
       Freiwilliger für Obama arbeitete und sich in Iowa einen Namen als
       Korruptionsbekämpfer gemacht hat. Und in Texas wurde die 52 Jahre alte Gina
       Hinojosa die erste Latina, die zur Gouverneurin gewählt wurde, und die
       erste Demokratin seit 1994, die in Texas einen staatsweiten Wahlkampf
       gewinnen konnte.
       
       ## Die Millennials sind am Zug
       
       Sie alle stellen einen Generationswechsel bei den Demokraten dar. Die
       späten Boomer und jungen Gen-Xer haben abgedankt, die Millennials sind
       dran. Sie verkörpern einen Abschied vom verkrusteten Parteiestablishment,
       das nicht zuletzt das Debakel von 2024 zu verantworten hat. Sie bringen
       frischen Wind, eine frische Energie und das Versprechen eines Neubeginns
       nach Washington.
       
       Dabei scheint es eine direkte Linie von Barack Obama zu dieser Generation
       zu geben. Der Meinungsforscher und Polit-Experte Nate Silver verglich in
       einem Interview Obama mit dem Basketballstar Steph Curry. Curry
       revolutionierte vor 15 Jahren seinen Sport, indem er ausschließlich auf
       Distanzwürfe setzte. Die Taktik hatte Erfolg, seine Mannschaft gewann eine
       Meisterschaft nach der anderen, und heute üben schon die Dreikäsehochs in
       der Schule Distanzwürfe.
       
       Auf ähnliche Weise habe Obama die Politik revolutioniert. Er war der Erste,
       der einen wirklich digitalen Wahlkampf geführt hat und gleichzeitig einen
       neuen Kommunikationsstil auf die Bühne brachte. Obama riss die Mengen mit
       einer Vision mit, ohne intellektuelle Tiefe einzubüßen. Laut Nate Silver
       ähnelt die neue Riege Politiker den High-School-Kids, die einem neuen
       Vorbild nacheifern.
       
       Die Generationenfolge in der Demokratischen Partei wurde jedoch
       unterbrochen. 2016 verlor innerparteilich Bernie Sanders gegen Hillary
       Clinton, die eine Rückkehr zur Demokratischen Partei vor Obama
       symbolisierte. Und dann unterbrach die Wahl Trumps alles.
       
       So ging die Generation Obamas, die heutigen alten Boomer und jungen
       Gen-Xer, zwischen zwei politischen Zeitaltern politisch unter. Kamala
       Harris ist gewiss das tragischste Beispiel des Scheiterns dieser
       Generation. Sollte sie tatsächlich 2028 antreten, stünden ihre Chancen wohl
       eher mäßig.
       
       ## Der Aufstieg der neuen Generation begann 2018
       
       Der Aufstieg der neuen Generation begann unterdessen schon bei den
       Zwischenwahlen 2018 mit dem Überraschungssieg der klugen und
       charismatischen Sozialistin Alexandria Ocasio-Cortez, die in vielerlei
       Hinsicht die Bahn für die jetzigen Kandidaten brach. Es folgte etwa ein
       Pete Buttigieg, der erste offen schwule Präsidentschaftskandidat der USA.
       Im vergangenen Jahr tauchte dann wie aus dem Nichts der Jung-Millennial
       Zohran Mamdani als neuer Star der Demokratischen Partei auf.
       
       Laut Nate Silver nimmt diese Generation mit ihrer Energie und einem neuen
       Wertekanon den Stab von Obama auf. Sie haben den Umgang mit sozialen Medien
       perfektioniert – Mamdani gewann in New York City den Bürgermeisterposten,
       zugespitzt gesagt, mit seinem Instagram-Auftritt. Sie sind tendenziell
       linksprogressiv und scheuen sich nicht davor, politische Botschaften
       populistisch zuzuspitzen. Und sie kommen durchweg authentisch rüber.
       
       Als handfeste Kandidaten für die Präsidentschaft 2028 bieten sich derzeit
       aus dieser Gruppe vor allem zwei an: Jon Ossoff und Alexandria
       Ocasio-Cortez. Ossoffs Fixierung auf Trump und die Professionalität seines
       Wahlkampfes machen es schwer, seine Ambitionen zu übersehen. Zudem scheint
       er eine aussichtsreiche Formel darin gefunden zu haben, das
       Korruptionsthema mit dem Leid der einfachen Leute zu verbinden, die unter
       der Inflation leiden.
       
       AOC hält sich derweil bedeckt, was ihre mögliche Zukunft angeht: „Ich werde
       tun, was ich schon immer getan habe, mit aller Kraft dem amerikanischen
       Volk und meinen Wählern dienen“, sagt sie. Das geht freilich auf
       verschiedene Weisen. Auffällig war jedoch, das Ocasio-Cortez, die in ihrem
       Stammbezirk, der Bronx in New York, mühelos zum fünften Mal wieder gewählt
       wurde, während dieses Wahlkampfes ein dicht gedrängtes Reiseprogramm hatte.
       Sie zeigte sich von Virginia bis Nebraska und von Kalifornien bis nach
       Pennsylvania an der Seite ihrer Parteigenossen – gewiss nicht ohne
       Hintergedanken. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, sich den Wählern im
       ganzen Land zu präsentieren.
       
       Bis der Wahlkampf 2028 ernsthaft beginnt, dauert es jedoch noch ein paar
       Monate. In der Zwischenzeit müssen die neuen Senatoren und
       Kongressabgeordneten in Washington beweisen, dass sie es tatsächlich
       schaffen, dort die politische Kultur zu verändern. Wie schwer das ist,
       davon kann Barack Obama ein Lied singen.
       
       4 Nov 2026
       
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