# taz.de -- Hakeem Jeffries: Der ranghöchste Demokrat der USA
> Hakeem Jeffries wird Sprecher des Repräsentantenhauses und jubelt. Doch
> er muss mit Gegenwind aus dem Weißen Haus und aus seinen eigenen Reihen
> rechnen.
(IMG) Bild: Hakeem Jeffries während der Wahlnacht in Washington
Der Demokrat Hakeem Jeffries hatte ein gelöstes Lachen auf dem Gesicht, als
er kurz nach 23 Uhr in Washington vor seine Anhänger trat. Der ansonsten
eher reservierte Abgeordnete aus New York genoss sichtlich den
minutenlangen Jubel und reckte energisch wie zu seinen Football-Zeiten die
Fäuste in die Luft.
Seine anschließende Rede fiel ebenso uncharakteristisch kräftig aus. „Die
Menschen heute haben gezeigt, dass sie die Nase voll haben vom Extremismus
und der Korruption in Washington.“ Dann gelobte er, für alle Amerikaner zu
kämpfen, urbane und ländliche, schwarze, braune und weiße, konservative und
progressive.
Jeffries wird in den kommenden zwei Jahren an vorderster Front dieses
Kampfes stehen. Der bisherige Minderheitensprecher wird Sprecher des
Abgeordnetenhauses und somit ranghöchster Demokrat der USA. Sollten
Präsident und Vizepräsident durch ein Unglück ihr Amt nicht ausüben können,
würde er ins Weiße Haus einziehen.
Der Posten ist der bisherige Höhepunkt und das lang gehegte Ziel von
Jeffries’ Karriere. Als im Jahr 2018 [1][Alexandria Ocasio Cortez] ihren
Gegner in der eigenen Partei, Jim Crowley, besiegte, sah Jeffries seine
Chance. Eigentlich hätte Crowley Nachfolger von Nancy Pelosi werden sollen,
der alten Dame im Kapitol, die 20 Jahre lang entweder Sprecherin des Hauses
oder der Fraktion war. So aber gab es da eine Vakanz, in die Jeffries
reinstoßen konnte.
## Wie mit einem feindseligen Weißen Haus zurechtkommen?
Es dürfte jedoch in den kommenden Monaten Momente geben, in denen Jeffries
seinen Wunsch verflucht, auf diesem Stuhl zu sitzen. Jeffries muss nicht
nur einen Weg finden, mit einem feindseligen Weißen Haus zurechtzukommen,
das vermutlich mit allen Mitteln die Arbeit des Kongresses sabotieren wird.
Der 56-Jährige aus Brooklyn hat auch in der eigenen Partei keinen leichten
Stand.
Die Wahl an diesem Dienstag hat einen Generationswechsel in der
demokratischen Partei zementiert, der sich schon lange anbahnt. Die neuen
Stars der Partei, James Talarico, Abdul El-Sayed, AOC oder Jon Ossoff sind
allesamt Millenials. Das bringt Jeffries in eine komplizierte Lage. Als er
2023 nach Washington kam, verkörperte er Rebellion, Jugend und Aufbruch.
Sein Spitzname war „Brooklyn Barack.“ Jetzt verkörpert er jedoch für die
neue Generation und insbesondere für den sozialistischen Block das
Establishment.
Der Ruf hat sich in den vergangenen zwei Jahren gefestigt. Die neue Garde
wirft ihm vor, sich nicht energisch genug gegen die Trump-Regierung
gestemmt zu haben. Er hat sich zwar vor laufenden Kameras zu einem lauten
„Fuck Trump“ hinreißen lassen. Er hat sich, so lange es ging, [2][gegen
Trumps Haushalt] gestemmt und dafür starkgemacht, dass der Kongress den
Krieg gegen den Iran verfassungsgemäß ratifizieren muss. Dennoch glauben
viele unter den Millenials in Washington, dass er zu zahm, zu diplomatisch,
zu sehr vom Parlamentsalltag abgestumpft sei, um Trump effektiv die Stirn
zu bieten.
Die Antipathie berührt zumindest in Teilen auf Gegenseitigkeit. Ein großer
Fan der demokratischen Sozialisten war Jeffries noch nie. Er brachte sie
immer mit den verzogenen jungen Weißen in Verbindung, die seine Hood in
Brooklyn gentrifiziert haben. Mit seiner Unterstützung für Mamdani zögerte
er bis zum allerletzten Augenblick. Und bei einem der wichtigsten Themen
dieses Wahlkampfes, Israel, war er sich lange uneins mit der neuen Riege.
## Anpassung an den Israel-Zeitgeist
Jeffries war Zeit seiner Karriere ein unerschütterlicher Unterstützer
Israels, so sehr, dass man ihm in Anspielung an die Israel-freundliche
Lobbygruppe AIPAC den Spitznamen „Aipac Shakur“ verpasste. Seine Sympathien
für Israel hat er zwar nicht aufgegeben. [3][Als Zugeständnis an den neuen
Zeitgeist] ist er nun jedoch mit der jüdischen Organisation J Street
verbandelt, die sich für eine Zweistaatenlösung einsetzt.
So fällt Jeffries in den kommenden Jahren vor allem auch die Aufgabe zu,
seine eigene Partei zu einen. Als Minderheiten-Sprecher ist ihm das dadurch
gelungen, dass er mit jedem reden konnte, ob es nun Ocasio Cortez war oder
Zentristen wie Josh Gottheimer aus New Jersey. Zu seinen besten Qualitäten
gehört, dass er gut zuhören kann. „Doch irgendwann muss er auch einmal eine
Marschroute vorgeben“, sagte ein anonymer Abgeordneter gegenüber dem New
Yorker.
Die Marschroute, die er bei seiner Rede am Samstagabend vorgegeben hat, ist
ein unermüdlicher Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und dafür, „dass sich
jeder Bürger seinen amerikanischen Traum erfüllen kann.“ Große
Sozialgesetze werden jedoch wohl am Veto Trumps scheitern. Dennoch kann das
Haus sie formulieren und einbringen und damit eine Blaupause für 2028
zeichnen. Jeffries’ Leistung dabei wäre, seine Partei für eine gemeinsame
Zukunft geeint zu haben und eine gemeinsame Vision zu entwickeln.
Darauf, dass er erneut ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump anstreben
wird, mag er sich unterdessen bislang nicht festlegen. Dass das neue
Repräsentantenhaus die Trump-Regierung unter Druck setzen wird, steht
jedoch fest. Der Rechtsausschuss hat im vergangenen Jahr 130 Untersuchungen
gegen die Trump-Regierung vorbereitet. Aus diesen Untersuchungen, zumeist
wegen Korruption, könnten nun handfeste Klagen entstehen.
Es ist ein großes Paket an Aufgaben, die da auf Jeffries zukommen, und bis
zu seinem Amtsantritt im Januar als Sprecher des neuen Parlaments ist es
nicht mehr lange. Um die blaue Welle zu feiern, bleibt da kaum Zeit. Ab
heute fängt die Arbeit an.
4 Nov 2026
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## AUTOREN
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