# taz.de -- Machtmissbrauch in Krankenhäusern: Ein Klima der Angst und des Schweigens
       
       > Die Zahlen zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung in Krankenhäusern
       > sind erschreckend. Ein runder Tisch soll für Veränderung sorgen.
       
 (IMG) Bild: Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung und der gleichen sind leider Teil des Krankenhausalltags
       
       Eine Ärztin berichtet: „Ein Vorgesetzter hat mich gebeten, die Unterhaltung
       auf seinem Schoß sitzend zu führen, er könne sich dann besser
       konzentrieren“: Danach habe er das Ganze als „einfachen Scherz“ abgetan.
       Vorgesetzte, die an Brüste fassen, anzügliche Bemerkungen machen, im
       Beisein anderer Kolleg*innen demütigen: Eine ganze Reihe solcher
       Ereignisse [1][beschreiben Ärzt*innen in einer Befragung] der
       Ärzt*innengewerkschaft Marburger Bund zu Machtmissbrauch und sexueller
       Belästigung im Krankenhaus. Ein runder Tisch soll jetzt für Veränderung
       sorgen. Daran beteiligen sich führende Organisationen der deutschen
       Kliniklandschaft.
       
       Zahlen aus der Befragung, die der Marburger Bund bereits im Frühjahr
       veröffentlicht hatte, sind erschreckend. Knapp die Hälfte der über 9.000
       Befragten gab an, in den zwölf Monaten zuvor Machtmissbrauch durch vor
       allem männliche Vorgesetzte erlebt zu haben, gut die Hälfte von ihnen
       mehrmals, 14 Prozent sogar wöchentlich. Zu den häufigsten Formen von
       Machtmissbrauch gehörten ein herablassender Umgangston, grundloses
       Infragestellen von Kompetenz und öffentliches Bloßstellen.
       
       Mehr als jede zehnte der befragten Personen berichtete außerdem von
       sexueller Belästigung innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate – drei
       Viertel der fast ausschließlich weiblichen Betroffenen sogar mehrmals. Es
       handele sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um ein
       strukturelles Problem, sagte Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger
       Bundes, bei der Vorstellung des runden Tischs am Mittwoch.
       
       ## Pflege ist kaum erforscht
       
       Besonders alarmierend sei, dass 74 Prozent der Betroffenen von
       Machtmissbrauch die Vorfälle nicht meldeten. Bei sexueller Belästigung
       seien es sogar 84 Prozent. Die Betroffenen hätten kein Vertrauen in das
       Beschwerdesystem, erwarteten keine Konsequenzen für die Verursacher, wohl
       aber für sich selbst. In der strengen Hierarchie der Krankenhäuser sind
       junge Ärzt*innen abhängig von der Fürsprache ihrer Vorgesetzten.
       
       Die Befragung der Klinikärzt*innen war die bisher größte ihrer Art.
       Aber die Dimensionen des Machtmissbrauchs in Krankenhäusern dürften noch
       weit größer sein. So gibt es für Pflegekräfte bislang keine vergleichbaren
       Befragungen. Dabei gehörten gerade Auszubildende oder aus dem Ausland
       angeworbene Pflegekräfte zu den gefährdetsten Gruppen, betonte Christine
       Denk, Geschäftsführerin des Deutschen Pflegerates. Auch der Pflegerat
       beteiligt sich deshalb am runden Tisch.
       
       ## Schweigen mit Folgen
       
       Mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und weiteren Klinikverbänden sind
       auch die Leitungsebenen Teil des runden Tisches. „Wir haben dem Thema in
       der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit gegeben“, räumte Gerald Gaß,
       Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, ein.
       Offensichtlich seien aber gerade jüngere Kolleg*innen nicht mehr bereit,
       überkommene Hierarchien hinzunehmen. Auf dem Deutschen Ärztetag im Mai in
       Hannover hatten zudem Medizinstudentinnen von [2][Belästigungen berichtet,
       die sie auf dem Kongress selbst erlebt hatten.]
       
       Das bisherige Klima des Schweigens und der Angst habe auch Folgen für
       Patient*innen, betonten Denk vom Pflegerat und Johna vom Marburger Bund.
       Wenn zum Beispiel eine junge Ärztin oder Pflegekraft sich nicht traue, zu
       sagen, dass der Oberarzt vergessen habe, die Hände zu desinfizieren, bevor
       er eine Wunde versorge, könne das ernste Folgen haben.
       
       Der runde Tisch tagte am Mittwoch zum ersten Mal, zuvor hatten die
       Beteiligten bereits ein Leitbild formuliert. Ziel sind konkrete Maßnahmen
       zur Sensibilisierung der Beschäftigten in Kliniken und zur Verbesserung der
       Beschwerdemöglichkeiten. „Wir wollen in einem Jahr gefragt werden, was sich
       verändert hat und dann auch Antworten haben“, versprach Gaß.
       
       5 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.marburger-bund.de/bundesverband/pressemitteilung/machtmissbrauch-und-sexuelle-belaestigung
 (DIR) [2] /Sexualisierte-Gewalt-in-der-Medizin/!6180243
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Manuela Heim
       
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