# taz.de -- Krankenhausreform in Schleswig-Holstein: Ein System, das die Starken stärkt
> Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin tourt, um den Umbau der
> medizinischen Versorgung zu erklären – und trifft auf besorgte
> Lokalpolitiker.
(IMG) Bild: Neuordnung des Krankenhauswesens: Große Kliniken werden größer, kleine kleiner
Christian Stemmer blickt ernst und wiederholt die Zahl: „500 Menschen“,
sagt er. Er hält ein Mikrofon in der Hand, das seine Stimme in alle Ecken
des Sitzungssaals und per Livestream an das Publikum außerhalb überträgt.
Es geht um die Zukunft der Krankenhäuser. Der Verwaltungschef des Amtes
Föhr-Amrum ist an diesem Morgen in die Kreisstadt Husum auf dem Festland
gereist, um zu erklären, warum sie sich auf Föhr Sorgen machen.
Ihr Krankenhaus, das „Inselklinik“ heißt, als stamme es aus einer deutschen
Vorabendserie, soll seinen Status verlieren. Aktuell versorgt das
18-Betten-Haus die knapp 8.500 Menschen, die dauerhaft auf Föhr leben, die
rund 1.700 Zweitwohnungs-Besitzerinn:en und die Tourist:innen. Rund 500 Mal
pro Jahr kommen Menschen nachts und an den Wochenenden ins Krankenhaus.
Künftig aber wird die Inselklinik nur noch ein sogenannter
sektorenübergreifender Versorger (SÜV) sein, so plant es zumindest das
Gesundheitsministerium in Kiel. Das bedeutet, dass die Notfallambulanz um
16 Uhr schließt. „Wo sollen die Leute dann hin?“, fragt Stemmer. Die Praxen
der niedergelassenen Ärzt:innen könnten das nicht auffangen. Und Kranke
auszufliegen sei auch nicht immer möglich: „Was tun wir bei Nebel und
Sturm?“
Vorne im Saal sitzen Landesgesundheitsministerin Kerstin von der Decken
(CDU) und ihre Fachleute. Es ist die vierte von sechs Regionalkonferenz,
auf der sie die Neuordnung des Krankenhauswesens erklären. Neben ihnen
sitzen Lena Varnhorn und Stefan Sudmann. Beide sind Chefärzt:innen in
Notaufnahmen regionaler Kliniken im Land und ehrenamtlich in der Deutschen
Gesellschaft für Notfallmedizin engagiert.
## Soviele Betten wie kaum anderswo
Sie könne die Sorgen gut nachvollziehen, sagt Varnhorn. Aber auch ein SÜV
könne eine Notfallversorgung leisten. Sudmann verweis auf die Telemedizin,
die in Schleswig-Holstein zurzeit ausgebaut wird: „Auch ich habe schon
unter Anleitung von Kollegen Behandlungen gemacht, die nicht in mein
eigentliches Fachgebiet fallen.“ Richtig beruhigt wirken Stemmer und die
mit ihm angereisten Lokalpolitiker:innen nicht.
Die [1][bundesweit angelaufene Krankenhausreform] will nicht weniger als
einen radikalen Umbau der stationären medizinischen Versorgung in
Deutschland. Es gilt, die Krankenhäuser fit zu machen für die Jahre, in
denen die Welle der alternden Riesenjahrgänge auf immer weniger Fachkräfte
trifft. Es wird Gewinner geben – und Verlierer. Am Ende steht die Frage,
wer am Sonntagnachmittag einen Beinbruch auf Föhr richtet.
Nicht nur auf Föhr wird sich etwas ändern. Zurzeit gibt es 102
Klinik-Standorte in Schleswig-Holstein. Die kleinsten haben nur drei Betten
wie die Klinik Klosterstraße in Neumünster, das größte, das Uniklinikum in
Kiel und Lübeck, weit über 1.000.
In Deutschland kommen derzeit auf 10.000 Einwohner:innen 76
Krankenhausbetten, das ist ein [2][Spitzenwert in Europa]. Im Nachbarland
Dänemark etwa sind es 24, in Italien 31 Betten pro 10.000 Menschen.
[3][Bereits jetzt fehlt es an Personal], und das Problem wird sich
verstärken: Ein gutes Drittel der Ärzt:innen ist laut Statistischem
Bundesamt älter als 55 Jahre.
Aktuell arbeiten in den Krankenhäusern in Schleswig-Holstein mit seinen
fast 15.000 Krankenhausbetten mehr als 8.000 Ärzt:innen, die über 500.000
Fälle pro Jahr behandeln. Rund 3 Milliarden Euro pro Jahr fließen aus der
gesetzlichen Krankenversicherung allein in Schleswig-Holstein in das
Kliniksystem, das zunehmend von privaten Trägern bestimmt wird. Viele
Häuser arbeiten defizitär.
Obwohl die Schieflage immer sichtbarer wurde, hielt sich die Politik mit
direkten Eingriffen lange zurück: Zwar müssen die Landesregierungen die
Versorgung sicherstellen sowie Investitionen in bestehende Häuser und in
den Bau neuer Kliniken bezahlen. Aber welche Leistungen ein Krankenhaus
anbietet, blieb lange weitgehend ihm selbst überlassen.
Ähnlich wie in der Arbeitswelt, in der Gewerkschaften und
Arbeitgeberverbände die Tarife aushandeln, gilt im [4][Gesundheitswesen das
Selbstverwaltungsprinzip]. In vielen Fragen entscheidet der [5][Gemeinsame
Bundesausschuss (GBA)], in dem die Bundesvereinigungen der Ärzteschaft,
Krankenhäuser und Krankenkassen zusammensitzen.
Der GBA dreht seit einiger Zeit an Stellschrauben, um Krankenhäuser zur
Konzentration zu zwingen. Seit 2018 gelten die sogenannten Notfallstufen.
Es ist ein System, das die Starken stärkt: Ein Krankenhaus, das rund um die
Uhr vom Beinbruch bis zum Herzinfarkt jeden Fall versorgen kann, erhält
mehr Geld pro Behandlung als eine kleine Klinik, die weniger Geräte und
Personal zur Verfügung hat. Krankenhäuser müssen sich entweder besser
ausstatten, um in eine höhere Stufe zu kommen, oder Abteilungen schließen,
weil sie unrentabel werden.
In Schleswig-Holstein zeigte das Wirkung: 2018 gab es noch 114
Krankenhäuser im Land, seither sind ein Dutzend Standorte geschlossen oder
in ambulante Tageskliniken umgewandelt worden, berichtet der
Ersatzkassenverband.
## Umsetzen müssen das Bundesgesetz jetzt die Länder
Im Oktober 2024 wurde unter dem Bundesgesundheitsminister der
Ampelkoalition, Karl Lauterbach (SPD), [6][das
Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz] erlassen. Seine Nachfolgerin
Nina Warken (CDU) schob 2025 das Krankenhausreformanpassungsgesetz nach,
das [7][Ausnahmen und Fristverlängerungen der Lauterbach’schen Reformen]
erlaubte.
Dennoch bleibt es im Kern bei einer Verschärfung des Notfallstufen-Systems:
Ab 2027 dürfen Kliniken Behandlungen nur noch anbieten und abrechnen, wenn
sie die Qualitätskriterien in Bezug auf Personal, Ausstattung und
Fallzahlen erfüllen. Für die [8][Patient:innen bedeutet das weitere
Wege.] Auf der Habenseite steht die Gewissheit, dass das Team im
Krankenhaus eine komplizierte Operation oder Krebsbehandlung oft genug
macht, um Routine zu haben.
Umsetzen müssen diese Bundesgesetze jetzt die Länder. Und darum tourt
[9][Ministerin von der Decken] quer durch Schleswig-Holstein, um ihre Pläne
vorzustellen. Sie ist eine gesundheitspolitische Quereinsteigerin.
Eigentlich sollte die Juraprofessorin das Justizressort übernehmen, bekam
dann aber noch das sperrige Gesundheitsthema mit aufgedrückt, weil die
Grünen es nicht wollten.
Von der Decken glaubt daran, dass die Bevölkerung bereit für Änderungen
sei, wenn Dinge erklärt werden. „Wenn ich einen Herzinfarkt habe, würde ich
mich ärgern, wenn erst der verstauchte Fuß behandelt wird“, sagt von der
Decken. „Das verstehen die Menschen.“
Das Konzept scheint aufzugehen, während der Regionalkonferenzen gibt es
kaum Proteste. „Der Wille zur Transformation ist da“, sagt Patrick Reimund,
Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft des Landes. Aber er kritisiert
auch, wie chaotisch die Umstellung abläuft: „Alles soll gleichzeitig
passieren, alles ist im Nebel.“ So steht kurz vor Ende der Frist noch nicht
fest, welches Krankenhaus künftig welche Behandlungen anbieten darf.
Klar ist nur, dass nicht alle Standorte den Wechsel überstehen werden.
Betroffen sind unter anderem sogenannte Belegkrankenhäuser, die nur ein
oder zwei Behandlungen anbieten. „Wozu soll eine Hand- oder Mandel-OP in
einer Uni-Klinik stattfinden, wenn die Kollegen in der Belegklinik mit
ihrem kleinen Team mit viel Leidenschaft und sehr effektiv arbeiten?“, sagt
Bettina Schultze, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung.
In Schleswig-Holstein gibt es überdurchschnittlich viele dieser
Beleghäuser, oft seien Fachärzt:innen eigens in den Norden gekommen, um
so eine Klinik zu gründen. Nun passt das Konzept nicht mehr in die neue
Struktur. „Wir haben dafür bisher keine Lösung gefunden“, bedauert
Schultze.
Nach der letzten der sechs Regionalkonferenz ist Ministerin von der Decken
heiser, aber zufrieden: „Es war genau richtig, dass wir das gemacht haben.“
Teilweise schauten mehrere tausend Menschen den Übertragungen zu. Aber wer
kümmert sich nun künftig auf Föhr um den Beinbruch am Sonntag? Die
Ministerin verspricht einen Kompromiss. Eine
Rund-um-die-Uhr-Notfallbereitschaft werde es geben. Wie das geht und wer es
bezahlt? Das ist noch offen.
11 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krankenhausreform-Verbessert-oder-verwaessert/!6129473
(DIR) [2] https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/Tabellen/Basistabelle_Krankenhaus.html
(DIR) [3] /Buch-ueber-Zukunft-der-Arbeit/!6201405
(DIR) [4] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gesundheitswesen-selbstverwaltung
(DIR) [5] https://www.g-ba.de/service/faq/
(DIR) [6] /Neue-Spitze-des-Gesundheitsministeriums/!6196776
(DIR) [7] /Bundestag-verabschiedet-Klinikreform/!6160528
(DIR) [8] /Sparzwang-fuer-Krankenhaeuser/!6197511
(DIR) [9] https://de.wikipedia.org/wiki/Kerstin_von_der_Decken
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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