# taz.de -- Cyberattacken auf Kühlgeräte: Kontrolle über Tiefkühlkost verloren
       
       > In mehreren europäischen Ländern sind Tiefkühlgeräte gehackt worden. Wer
       > hinter den Angriffen steht, ist unklar. Auch Deutschland ist betroffen.
       
 (IMG) Bild: Wer Kühlschränke übers Netz kontrolliert, muss aktuell damit rechnen, sein Gefriergut zu entsorgen. Hier ein ICA-Markt in Schweden
       
       Hacker übernehmen die Kontrolle über Kühlregale in Supermärkten. Sie drehen
       die Temperatur von einem unbekannten Ort aus hoch, über Nacht taut die
       Tiefkühlkost und wird unbrauchbar: Was klingt wie aus einem dystopischen
       Film, ist in diesen Tagen in Europa beunruhigende Realität. Es passierte in
       Belgien, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland, den Niederlanden und
       Schweden – und am Dienstagvormittag wurden [1][erste Fälle auch aus
       Deutschland] berichtet.
       
       „Man kriegt Bauchschmerzen vor Angst“, sagte die Filialleiterin eines
       betroffenen ICA-Marktes in Schweden. Bei ihnen sei die Temperatur auf 50
       Grad gestiegen. Die Woche begann am Montagmorgen damit, die aufgetaute Ware
       so schnell wie möglich in Einkaufswagen zu werfen und in einem eilig
       bestellten Container zu entsorgen, wie die Zeitung Dagens Nyheter (DN)
       berichtete. Waren im Wert von zehntausenden Euro hätten entsorgt werden
       müssen.
       
       Wer oder was hinter den Angriffen steckt, ist bislang unklar. Die
       Kühlanlagen sind mit dem Internet verbunden, damit sie gewartet werden
       können, ohne dass dafür ein Techniker vor Ort sein muss.
       
       „Wie angreifbar wir sind – und es wird einfach immer schlimmer“, sagte eine
       Kundin gegenüber DN. Sie habe sich schon gefragt, wann sie einmal von einem
       Hackerangriff betroffen sein würde. „Jetzt kam es sehr nahe, das fühlt sich
       gruselig an.“
       
       Die ICA-Gruppe in Schweden sprach von „einer begrenzten Anzahl“ betroffener
       Geschäfte, bei der Kette Coop soll es sich um sieben Märkte gehandelt
       haben. Auch ein Großhändler und vereinzelte Restaurants gehörten zu den
       Betroffenen.
       
       In Belgien passierte zeitgleich dasselbe in dutzenden Filialen der Ketten
       Delhaize und Carrefour sowie in fünf Spar-Minimärkten, wie die Zeitung Le
       Soir berichtete. Bereits Mitte Oktober waren 150 Geschäfte in Frankreich
       auf diese Weise angegriffen worden. Der Lieferant der Kühlsysteme, die
       dänische Firma Danfoss, sagte damals dem dänischen Rundfunk DR, die
       betroffenen Geschäfte hätten trotz Aufforderung offenbar ein
       Sicherheitsupdate nicht durchgeführt.
       
       ## Sicherheitsupdates nicht durchgeführt
       
       Ähnlich klang laut DR nun die Begründung, warum Danfoss-Geräte etwa in den
       Niederlanden gehackt worden seien: Nicht alle Kunden hätten nach dem
       Frankreich-Hack den Hinweis befolgt, die Systeme vom Netz zu nehmen und nur
       über ein sicheres Netzwerk wieder anzuschließen. Dem DR teilte Danfoss
       schriftlich mit, man sei in engem Kontakt mit seinen Kunden und helfe
       dabei, mit der Situation umzugehen.
       
       Schwedens Nationales Zentrum für Cybersicherheit (NSCS) nannte die jüngsten
       Attacken einen Weckruf. Wenn Angreifer sich Zugriff auf die richtige Sorte
       Unternehmen verschafften, könnte großer Schaden entstehen, warnte NSCS-Chef
       John Billow am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur TT. Als Beispiel
       nannte er Solarparks, industrielle Systeme und Kameras, die mit dem
       Internet verbunden seien.
       
       NCSC empfiehlt Unternehmen aus gegebenem Anlass eine Inventur ihrer ans
       Netz gekoppelten Geräte. In einem zweiten Schritt solle überprüft werden,
       ob die Internetverbindung tatsächlich in jedem Fall nötig ist. Und wenn ja,
       sollten diese Einheiten immer mit dem neuesten Update versehen und mehrfach
       geschützt sein.
       
       EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach am Montag von einem „bewussten
       Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der
       Verbraucher in sie zu untergraben“, schreibt die Nachrichtenagentur AFP.
       Das [2][wiederholte Auftreten dieser Cyberangriffe] sei „zutiefst
       besorgniserregend“. Die EU-Kommission hatte für Dienstag zu zwei
       Krisentreffen einberufen. Dabei ging es vor allem darum, Informationen
       auszutauschen und das weitere Vorgehen abzustimmen, wie ein Sprecher der
       Kommission in Brüssel sagte.
       
       ## Attacken auch in NRW und Niedersachen
       
       In Deutschland konzentrierten sich die bekannt gewordenen Fälle zunächst
       auf Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dort seien Kühltruhen gehackt
       und die Temperaturen aus der Ferne hochgestellt worden, teilten
       Polizeisprecher mit. Für betroffene Läden ist der Schaden groß. In
       Niedersachsen etwa wurde die Kühlkette eines Supermarkts in Lilienthal bei
       Bremen zeitweise lahmgelegt. „Wir mussten Waren im Wert von über 360.000
       Euro wegwerfen“, sagte Inhaber Daniel Breiding der Nachrichtenagentur dpa.
       
       Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) hat am Dienstag zu mehr
       Anstrengungen beim Schutz von digitaler Gebäude- und Betriebstechnik
       aufgerufen. Dazu habe es auch schon vor den jüngsten Cyberattacken
       entsprechende Aufforderungen des Bundesamts für Sicherheit in der
       Informationstechnik gegeben, betonte er im Sender Welt TV. „Alle
       Unternehmen, das gilt auch für die Verwaltung“, müssten mehr Vorsorge
       tragen.
       
       Die EU schreibt die Dokumentation ununterbrochener Kühlketten vor. Ans
       Internet angeschlossene Kühlsysteme sind da praktisch, weil sie manuelle
       Kontrollgänge ersetzen – das senkt Kosten. (mit dpa)
       
       3 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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