# taz.de -- Ein Jahr Berliner Baumgesetz: Die Ungeduld wächst schon
> Beim „BaumEntscheid“, der das Berliner Klimaanpassungsgesetz vor einem
> Jahr ins Parlament brachte, ist man nicht glücklich mit der Umsetzung
> durch den Senat.
(IMG) Bild: Das Baumgesetz gibt es seit einem Jahr – nur die Bäume fehlen noch
Als vor einem Jahr das Berliner Klimaanpassungsgesetz im Abgeordnetenhaus
mit breiter Mehrheit verabschiedet wurde, war das ein beeindruckender
strategischer Sieg der Bürgerinitiative BaumEntscheid. Die guten Zahlen bei
der Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren und die Aussicht, einen
parallel zur Parlamentswahl abgehaltenen Volksentscheid zu gewinnen, hatten
selbst das grüne Herz der CDU lauter schlagen lassen und überzeugte die
regierende Koalition davon, dem Gesetzentwurf weitgehend unverändert
zuzustimmen.
Zwölf Monate später hat die vermeintliche Harmonie unübersehbare Risse
bekommen. Zwar klang Umweltstaatssekretär Andreas Kraus (CDU) fast wie ein
lupenreiner Grüner, [1][als er bei seiner vorläufigen Bilanz am Montag die
ambitionierten Ziele des Gesetzes vollumfänglich bekräftigte]. Bei der
Frage der Anwendbarkeit ließ er allerdings schon durchblicken, dass man in
seinem Haus nicht wirklich glücklich ist mit einem Regelwerk, das wenig
Spielraum lässt – bis hin zum genauen Abstand der Straßenbäume, die in den
kommenden Jahren hunderttausendfach gepflanzt werden sollen.
„Es ist ein sehr technisches Gesetz“, so Kraus. Deshalb denke man in der
Senatsumweltverwaltung über die Notwendigkeit einer Novelle nach, auch mit
weniger starren zeitlichen Vorgaben. Letztere seien im Zuge des
Verwaltungshandelns nicht immer ohne Weiteres einzuhalten. [2][Was insofern
stimmt, als der Senat schon die erste substanzielle Frist klar reißt]: die
zur Aufstellung eines Klimaanpassungsprogramms bis spätestens ein Jahr nach
Inkrafttreten des Gesetzes. Nicht einmal das digitale Beteiligungsverfahren
dafür hat begonnen, was allerdings auch dem Hackerangriff auf die Landes-IT
geschuldet ist.
Auf der anderen Seite kommt das alles nicht so gut an: Bei der Bilanz des
BaumEntscheid e.V. am Dienstag fehlten Initiator Heinrich Strößenreuther
„die Adjektive“, um die Kritik des Staatssekretärs zu bewerten. Bei den
Gesprächen mit der Senatsverwaltung im Gesetzgebungsprozess sei diese im
vergangenen Jahr nicht vorgebracht worden. Da habe es sinngemäß geheißen:
„Wir machen das schon so.“ Nun die Starrheit des Gesetzes zu beklagen und
Veränderungen zu fordern, „das ist schon Vorsatz“.
## Ein Jahr Zeit gewonnen
Dabei sieht man beim BaumEntscheid auch das Positive: „Für uns war und ist
die Verabschiedung durch das Parlament ein Anlass zum Feiern, denn wir
haben dadurch ein Jahr Zeit gewonnen“, so Strößenreuther. Er bezog sich
damit auf die alternative Zeitschiene, die sich durch den Weg zum
Volksentscheid ergeben hätte, wenn Schwarz-Rot nicht eingelenkt hätte.
Auch über die Umsetzung gebe es Lobenswertes zu sagen: So kommuniziere die
Umweltverwaltung relativ breit mit der Öffentlichkeit über die Umsetzung
des Baumgesetzes. Die vom Gesetz geforderte „Klimarisikoanalyse“ sei
fristgerecht vorgelegt worden, und bei der Einrichtung des
Wissenschaftlichen Kontrollrats sowie des Steuerungskreises (in dem auch
Strößenreuther sitzt) habe es nur „leichte Verzögerungen“ gegeben.
Dagegen stocke es beim zentralen Planungsinstrument, dem
Klimaanpassungsprogramm, und auch die „Hitzeviertel“, in denen verstärkte
Schutzmaßnahmen zur Anwendung kommen müssen, seien noch nicht definiert
worden. Schwerer wiegt aus Sicht von Strößenreuther und Co., dass noch
keine Stellen für das sogenannte Umsetzungsplanungsprojekt ausgeschrieben
worden sind. Bei diesem geht es darum, so das Gesetz im Wortlaut,
„innerhalb von 18 Monaten Entscheidungsgrundlagen, Zuständigkeiten,
Ressourcenkalkulationen und alle sonstigen notwendigen Vorarbeiten für die
Umsetzung dieses Gesetzes zu erarbeiten“.
Das aber lasse sich nur mit einem „20- bis 30-köpfigen Team“
bewerkstelligen, sind sich die BaumEntscheid-AktivistInnen sicher.
Staatssekretär Kraus hingegen hatte darauf verwiesen, dass sich das am 21.
November in Kraft getretene Gesetz nicht mehr in den Haushaltsverhandlungen
niedergeschlagen habe. In Folge müsse man erst einmal mit vorhandenem
Personal arbeiten und habe hier intern umgeschichtet.
## Eine Million oder keine Million?
Ein Dauerbrenner, der auch am Dienstag zur Sprache kam, ist die Zahl der
Straßenbäume, die laut Gesetz bis 2040 in Berlin stehen müssen. Heinrich
Strößenreuther rechnete noch einmal vor: Aktuell seien es 430.000 bis
440.000 Bäume, und wenn künftig an allen Straßenrändern und auf allen
Mittelstreifen alle 15 Meter ein Baum stehen müsse, ergäben sich inklusive
Nachpflanzung bei notwendigen Fällungen rund 900.000 Bäume. Auf den
Endstand von einer Million, den die Initiative immer wieder nennt, komme
man, wenn man noch einmal 100.000 [3][für die Bepflanzung der „Kühlinseln“
in Hitzevierteln] draufschlage.
Andreas Kraus hatte am Montag von „Zahlenfetischismus“ gesprochen. Aus
seiner Sicht sei es wichtiger, im Sinne des gesetzlichen Ziels für eine
tatsächliche Linderung der Klimawandel-Folgen bei den BerlinerInnen zu
sorgen – was auch durch Lösungen wie Grünfassaden oder Verdunstungsanlagen
erreicht werden könne. „Ob eine Million oder 750.000 Bäume“, darauf komme
es ihm nicht so sehr an.
BaumEntscheid-Sprecherin Elke Thiele betonte, wie wichtig das Thema der
Stadtgesellschaft sei. Das sehe man auch an den [4][Protesten von
AnwohnerInnen in der Torstraße] gegen dort geplante Fällungen. Ein großes
Potenzial des Baumgesetzes liege deshalb in den Kooperationsmöglichkeiten
für BürgerInnen, etwa indem diese ab Ende 2027 auf eigene Initiative leere
Baumscheiben neu bepflanzen lassen können: „Ich denke, viele hätten
genügend Geld und auch ein Interesse daran.“ Diese Rechte müssten noch viel
stärker kommuniziert und organisatorisch erleichtert werden.
Die Hoffnungen des BaumEntscheids richten sich nun auf einen potenziellen
rot-grün-roten Senat und eine grün geführte Umweltverwaltung: „Wir rechnen
damit, dass das Ressort wieder an die Grünen geht“, so Strößenreuther. Und
das sei auch gut so, könnte man ergänzen, denn „die Partei hat sich im
Wahlkampf bei diesem Thema sehr aus dem Fenster gelehnt“.
3 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claudius Prößer
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