# taz.de -- Landnutzung und Mietpreise: Berater der Bundesregierung fordert mehr Flächenverbrauch
       
       > Der Mangel an Wohnraum gefährde das Wirtschaftswachstum, warnt ein
       > Gutachten. Gefahren durch Hitze und Wassermangel aber bleiben dabei außen
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Klima- und Naturschutz geraten bei großen Wohnbauprojekten wie hier in München ins Hintertreffen
       
       Kommunen sollten mehr Bauland ausweisen, Eigentümer von Bauland sich
       stärker an Kosten für Infrastruktur beteiligen und es erleichtern,
       Innenstädte zu verdichten – also etwa Bauwerke ohne Genehmigung
       aufzustocken. Das schlägt ein Beratergremium des
       Bundeswirtschaftsministeriums vor, um den Mangel an Wohnraum in Deutschland
       zu bekämpfen. Dies sei notwendig, weil die hohen Wohnkosten sich zunehmend
       von einer sozialen Frage „zu einem gesamtwirtschaftlichen Problem“
       ausweiteten, schreibt der Wissenschaftliche Beirat beim
       Bundeswirtschaftsministerium [1][in seinem aktuellen Gutachten].
       
       So gäben die Haushalte in Deutschland durchschnittlich ein Drittel ihres
       Einkommens fürs Wohnen aus, bei ärmeren Haushalten sei es fast die Hälfte,
       sagte der federführende Autor des Gutachtens, Christian Bayer,
       VWL-Professor an der Universität Bonn, bei der Vorstellung des Gutachtens
       am Montag. Hohe Wohnkosten „gerade in Wachstumsregionen behindern die
       Mobilität von Arbeitskräften, erschweren den Zuzug in produktive Regionen
       und mindern damit gesamtwirtschaftliches Wachstum und Produktivität“, heißt
       es darin.
       
       Weil Wohnungen und Häuser in Städten mit starker Wirtschaft –
       beispielsweise Stuttgart, München oder Münster – zu teuer seien, zögen
       Arbeitnehmer:innen nicht hin, obwohl sie dort gut bezahlte Arbeit
       finden würden. Damit fehlten sie als Arbeitskräfte und erzielten nicht nur
       selbst ein niedrigeres Einkommen, sondern die Volkswirtschaft leide
       insgesamt darunter. Zudem entstünden Pendlerströme in die BallungszentreD
       mit hohen ökonomischen, sozialen und ökologischen Kosten.
       
       Das Gutachten kritisiert daher das in der Nationalen
       Nachhaltigkeitsstrategie formulierte Ziel, den Flächenverbrauch für
       Siedlungsflächen bis 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag und bis 2050 auf 0 zu
       senken. „Dieses Ziel hat seither die politische Debatte um
       Baulandausweisungen geprägt“, so Bayer. Dieses Ziel müsse „überdacht“ und
       regional angepasst werden. So könnten in Zentren mit wenig Wachstum und
       Zuzug andere Vorgaben gelten als in Ballungsräumen.
       
       ## Mieterbund unterstützt Gutachten im Grundsatz
       
       Der Deutsche Mieterbund unterstützt die Aussage des Gutachtens im
       Grundsatz. „Mehr Bauland kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das
       Wohnungsangebot zu erhöhen und damit den Druck auf die Wohnungsmärkte zu
       verringern“, sagt der Bundesdirektor des Deutschen Mieterbundes, Florian
       Becker. Wichtig dabei sei, dass schon „bei der Baulandvergabe mitgedacht
       wird, was auf dem Grund und Boden entstehen soll“.
       
       Es sei entscheidend, dass ausreichend bezahlbare Wohnungen entstünden und
       dauerhaft bezahlbar blieben. „Es braucht eine Boden-, Wohnungsbau- und
       Mietenpolitik, die den Bedarf von Mieterinnen und Mietern und nicht die
       Renditeerwartungen von Immobilieninvestoren im Fokus hat“, so Becker. In
       seinem „Mietenreport“ fordert der Verband zusätzlich eine bundesweite
       Mietpreisbremse, einen besseren Kündigungsschutz für Mieter:innen und
       eine stärkere Ausrichtung von Wohnen am Gemeinwohl.
       
       Mögliche ökologische Auswirkungen von Flächenverbrauch – etwa eine stärkere
       Erhitzung durch dichtere Bebauung in Städten oder ein schnellerer
       Wasserabfluss aus der Landschaft durch stärkere Versiegelung – seien in die
       gesamtwirtschaftlichen Berechnungen des Beirats nicht eingeflossen, so
       Bayer. In den vergangenen Monaten [2][hatten verschiedene Berechnungen den
       Zusammenhang von Hitze und Wasserknappheit mit wirtschaftlichem Wachstum
       aufgezeigt].
       
       Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen WGBU etwa hat die
       Reduzierung des Flächenverbrauchs zum Schutz der natürlichen Ressourcen –
       Wasser, Artenvielfalt, Klimastabilität – in mehreren Gutachten
       hervorgehoben. Zuletzt seien Klima- und Naturschutz gegenüber dem Ziel
       verstärkten Siedlungsbaus ins Hintertreffen geraten, sagt Sabine Schlacke,
       Professorin für Öffentliches und Umweltrecht an der Universität Greifswald
       und Mitglied des WGBU.
       
       ## Bauturbo und weniger Steckdosen
       
       In den vergangenen Monaten hat die Bundesregierung einige Initiativen für
       mehr und günstigeren Wohnungsbau auf den Weg gebracht. So können derzeit
       Länder und Verbände einen Gesetzentwurf kommentieren, nachdem Parteien
       eines Bauprojekts sich auf eine abgespeckte Gebäudevariante einigen können,
       in der Wohnungen etwa weniger Steckdosen besitzen. Schon seit rund einem
       Jahr gilt der sogenannte Bauturbo. Das Gesetz privilegiert den Bau von
       Wohnungen gegenüber Belangen des Umwelt- und Denkmalschutzes.
       
       „Natürlich wäre es sinnvoll, wenn sich die Wissenschaftlichen Beiräte der
       Bundesregierung und der verschiedenen Ministerien gegenseitig wahrnähmen“,
       sagt Umweltrechtlerin Schlacke. In der Praxis komme dies zu wenig vor.
       Allerdings treffen sich am 4. November verschiedene Mitglieder
       wissenschaftlicher Beiräte zu einem „Beirätedialog“. Das könnte auch ein
       Ort für einen Austausch über Zielkonflikte eines höheren Flächenverbrauchs
       sein, sagt Schlacke.
       
       2 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Ministerium/Veroeffentlichung-Wissenschaftlicher-Beirat/gesamtwirtschaftliche-auswirkungen.pdf?__blob=publicationFile&v=6
 (DIR) [2] /Zu-wenig-Wasser-im-Rhein/!6203483
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heike Holdinghausen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Flächenverbrauch
 (DIR) Wohnen
 (DIR) Klimaanpassung
 (DIR) Natur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Autorin über Konflikte um Böden: „Wir gefährden die Grundlage unseres Lebens“
       
       Konflikte um das Eigentum an Grund und Boden spitzen sich nicht nur
       aufgrund des Wohnraummangels zu, sagt Christiane Grefe. Doch es gibt
       Lösungsansätze.
       
 (DIR) Rodungen für einen neuen Stadtteil: Dieti bleibt nicht
       
       Die Stadt Freiburg setzt seit Samstag vorletzter Woche die Rodung eines
       Waldgebiets durch. Entstehen soll ein sozial-ökologisches Stadtviertel.
       
 (DIR) Ausgleichsflächen in Schleswig-Holstein: Zu wenig Platz für Naturschutz
       
       Wird gebaut, braucht es Ausgleichsflächen. In Schleswig-Holstein findet
       diese eine landeseigene Agentur. Aber mittlerweile wird der Boden knapp.